Er hatte ja vor Jahren mit Burnout und Depressionen zu kämpfen. Bislang war er relativ stabil, von kleineren Phasen abgesehen. Sein Psychologe hält ihn für gesund. Ich habe da etwas Zweifel. Er kommt definitiv mit der Trennung nicht wirklich klar, obwohl sie von ihm ausging. Mein Schwager meinte heute noch, wenn ich sagen würde, komm, wir ziehen anderswohin zusammen, dann würde er das wahrscheinlich machen. Das Gefühl werde ich auch leider nicht los. Es kommt aber für mich nicht in Frage. Es ist zuviel passiert und das Vertrauen ist weg. Ich kann das nicht.
Gestern Abend sollte Next ihn eigentlich abholen. Die war aber mal wieder wegen irgendwas beleidigt. Da ich als Einzige noch nichts getrunken hatte, habe ich ihm angeboten, ihn nach Hause zu fahren. Hat er auch angenommen. War komisch für mich, aber ok. Jahrelanger Automatismus lässt grüßen, landete seine Hand wie früher auf meinem Oberschenkel. Er zog sie aber auch gleich wieder weg und meinte entschuldigend, er hätte mich immer noch sehr gern. Ich habe nur gesagt, ist schon ok. Habe ihn dann an seiner Wohnung abgesetzt und bin nach Hause gefahren. Ich war traurig, aber auch erleichtert.
Heute war er wieder da, Küche aufbauen bei seiner Schwester (die wohnen jetzt direkt neben mir). Da Next dabei war und ich noch platt von gestern, habe ich mich ferngehalten. Er hatte aber nach mir gefragt. Haben uns auch noch kurz gesprochen und ich habe es sogar geschafft, mit Next ein paar belanglose Worte zu wechseln. Er wird vermutlich auch in den nächsten Tagen noch hier sein, bis alles aufgebaut ist. Sowas kann er ja, er ist und bleibt der geborene Handwerker.
Ich weiß, es ist nicht gut, wenn wir uns zu oft sehen. Da ist noch ganz viel alte Vertrautheit; wir waren in sowas auch immer ein gutes Team. Ich habe meiner Schwägerin fest versprochen, ihr zu helfen und das halte ich auch ein. Werde versuchen, das zu anderen Zeiten zu tun, wenn er nicht da ist. Alles andere wäre nicht gut. Wir ziehen uns immer noch magisch an. Es wird mich (und ihn wahrscheinlich auch) wieder etwas zurückwerfen. Das ist der Preis, den ich dafür zahle, dass der immense Druck der letzten Tage nun weg ist. Ihm geht es besser und mir auch, auch wenn ich nicht verhehlen kann, dass sich die Sehnsucht wieder meldet und deutlich sagt, dass sie noch nicht weg ist. Ist ja nur diese Woche. Dienstag und Mittwoch bin ich lange arbeiten, da werden wir uns wohl nicht treffen. Werde es schon irgendwie schaffen.
Ja, schimpft ruhig mit mir. Es fühlt sich trotzdem richtig an. Warum, weiß ich nicht. Mein Unterbewusstsein macht, was es will. Und da ist die Sehnsucht nach dem, was ich geliebt habe. Ich werde trotzdem vernünftig sein. Es geht nicht anders. Tochterherz passt auf mich auf. Sie sieht ja auch deutlich, dass es mir ohne ihn besser geht, auch wenn ich noch an der Trennung kaue. Das wird wohl noch eine ganze Zeitlang so bleiben. Ich nehme es hin.
So, jetzt wisst ihr alles. Ich muss in die Heia.
Eins habe ich noch vergessen: Ich bin vollkommen vernarrt in mein süßes Enkelkind. Ein kleines Zuckerpüppchen. Bin voll in meinem Element
