Zitat von Silence_:Wir könnten Ratgeber und Lehrer in die Ecke werfen. Ok. Doch was anstelle dessen ?
Was könnte z.B. ich tun ? Es steht nicht in meiner Macht, mir ein artgerechtes Leben herbeizuzaubern (geschweige denn eine artgerechte Biografie) . Nicht mal einen Liebsten kann ich mir herbeizaubern. Ich gehe daher den Weg nach innen. Ich hoffe, darüber die Kraft zu finden, nach und nach mein Außen umzugestalten. Für diesen Weg suche ich Inspiration, unter anderem bei ebenjenen Lehrern und Ratgebern . Würde es mich weiter bringen, dies zu unterlassen ?
Sorry, falls ich dir auf die Füße getreten bin, das war absolut nicht die Absicht. Natürlich ist es sinnvoll und unglaublich wichtig, dass du dich auf den Weg machst, und deine Vergangenheit aufarbeitest, tue ich auch. Für mich ist es halt aber nur eine Seite der Medaille.
Mich teibt es gerade halt sehr um, dass "Versagen" sehr individualisiert wird. In der Esoterikszene z.B. die Behauptung, man zieht sich durch unerkannte Defizite unerwünschten Kram überhaupt erst in sein Leben. Nach dem Motto: wenn dir Sch... passiert, hast du einfach noch nicht genug an dir gearbeitet.
Wenn deine Beziehung nicht befriedigend ist, ist nicht die Beziehung oder unser Konzept von Beziehung oder die Rahmenbedingungen unter denen wir Beziehungen führen, falsch, sondern das Individuum, das sich entweder einen sch... Partner ins Leben gezogen hat, oder aufgrund von nicht genug an sich gearbeitet, nicht beziehungsfähig ist.
Oder wie Bumich geschrieben hat, wenn jemand "arm" ist, dann nicht, weil unsere Gesellschaft nur bestimmten Menschen Chancen bietet, sondern weil der Mensch falsch ist, faul, oder psychisch krank, oder sonstwas.
Ja selbst Krankheiten selbst werden oft als persönliches Versagen dargestellt. Nicht genug bewegt, nicht gesund genug ernährt, nicht genug Selfcare... Dabei wird übersehen, dass die Rahmenbedingungen ungesundes Verhalten viel mehr begünstigen, wie gesundes.
Deshalb ist es mir wahnsinnig wichtig, neben der wichtigen Arbeit an mir selbst, immer auch an der Gesellschaft zu arbeiten (z.B. Politik, wenn auch im Augenblick nur mit viertelter Kraft), um Rahmenbedingungen zu schaffen, wie möglichst viele Menschen möglichst viele erfüllende Bindungen eingehen können, und ihren Platz in der Gesellschaft finden können.
Kann man ungefähr verstehen, was ich meine?
Zitat von Silence_:Das Konzept Selbstliebe ist hilfreich, weil es in die Lage versetzt, dass wir uns selber nachbeeltern .
Natürlich ist das Konzept der Selbstliebe sehr hilfreich. Und bestimmt kann man sich damit bis zu einem gewissen Grad nacheltern. Aber: Wenn wir nicht parallel als Gesellschaft dafür sorgen, dass Eltern es von Generation zu Generation besser machen, dann geben wir die Defizite nur weiter. Hier denke ich z.B. an den Druck, der auf Mütter ausgeübt wird, immer früher und in immer größerem Umfang in den Job zurückzukehren, zulasten der Bindung zu den Kindern.
Zitat von Silence_:Ja, wir sind weit von einem artgerechten Leben entfernt. Nur verstehe ich den Sprung nicht, den Du an der Stelle machst. Dieses - Die Existenz von Regalkilometern und spirituellen Lehrern zeige Dir eher, wie wie weit wir davon entfernt sind. Eher als was ? Was ist das andere ?
Naja, man könnte ja zu dem Schluss kommen, dass die Regalkilometer Ratgeberliteratur und die Scharen von erleuchteten Lehrern ein Zeichen dafür sind, dass wir irgendwie immer besser wissen, wie wir ein gutes Leben führen können. mE. ist das gegeneil der Fall. Wenn die meisten Menschen ein glückliches Leben führen würden, bräuchte es weder Lehrer noch Ratgeber. So ungefähr wie es ja immer mehr verfügbare Medikamente nicht ein Zeichen darür sind, dass die Menschen gesünder sind.
Also klar müssen wir es auf der individuellen Ebene lernen, mit den suboptimalen Rahmenbedingugen bestmöglich umzugehen. Wir können sie eh nur sehr bedingt ändern. Trotzdem ist es für mich wichtig, diese suboptimalen Rahmenbedingungen zumindest mitzubenennen. Gibt das Sinn?