Hallo!
Also ich haben den Eindruck, daß dieser durchaus unsinnige Spruch: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" durch die heutigen Möglichkeiten zu Fleisch und Blut geworden ist.
Das fängt schon bei den Kindern an, die mit einem Handy ausgerüstet werden müssen, damit sie jederzeit erreichbar sind (gechipt ist sicher der nächste Schritt). Damit wird eine Sicherheit vorgegaukelt, die es nicht gibt, um sich (und sie) gegen Gefahren geschützt zu fühlen, die es in dieser Form bzw. in diesem Ausmaß ebensowenig gibt.
Das hat durchaus ganz wesentlich mit den Massenmedien zu tun. Im eigenen Umfeld geschieht in der Regel kaum etwas, aber in der Zeitung liest man jede Woche von irgendeinem Unglück oder Verbrechen in Zusammenhang mit Kindern, und dadurch wird der Eindruck erzeugt, die Welt sei voller Gefahren. Das Unbewußte hat nicht die Fähigkeit, zu relativieren und die Dinge richtig einzuschätzen.
Jedenfalls war es in meiner (natürlich handyfreien) Kindheit noch so, daß wir auf eigen Füßen in die Volksschule gegangen sind und später (ab 10) mit dem Fahrrad jeden Tag und bei jedem Wetter alles in allem nahezu 20km in die Schule gefahren sind, nicht auf Radwegen, sondern auf einer normalen Landstraße, und das unbehelmt. Und außerhalb der Schule, an den Nachmittagen und in der Ferien, waren wir in den Wäldern, sind auf Felsen herumgeklettert, sind Boot gefahren in einem löcherigen Kahn, haben ein Abenteuer um das andere erlebt - und kein einziger ist dabei umgekommen oder hat auch nur einen schwerer Schaden erlitten.
Heute hingegen scheint das Leben bei jedem eigenen und unbeaufsichtigten Schritt bedroht - es fehlt offenbar schon gänzlich das Vertrauen in das Leben an sich und ist Ängsten gewichen, die einen Kontrollzwang hervorrufen. Die größte Angst, scheint mir: Der Handyakku könnte leer werden ...
Hier hat sich jedenfalls etwas verselbstständigt, das schon mehr als bedenklich ist und vor nichts mehr Halt macht, bis hin zur Dauerüberwachung des Partners. Und wehe, er hat das Handy einmal nicht eingeschaltet oder zu Hause vergessen - das riecht gleich nach Betrug, und die Nervenanspannung steigt bis zur Zerreißgrenze.
Gründlicher könnte man sich das Leben nicht schwermachen.
Das Grundproblem scheint mir zu sein, daß viele Menschen die Beziehung zu sich selber und zur realen Welt schon ziemlich verloren haben. Nach Art von Cyberzombies. Alles ist organisiert und funktionalisiert, ob es um die berufliche Tätigkeit geht oder um die Partnerschaft oder auch um die Freizeit, um das Leben im Gesamten. Früher hatte man noch eine tatsächliche Beziehung zu den Dingen und zu allem Tun, man spürte, fühlte noch, vertraute noch (vor allem sich selber), hatte noch Boden unter den Füßen. Heute hingegen ist oftmals alles auf seine Funktionalität beschränkt, von der es möglichst auch keinerlei Abweichung geben soll, weil allein das schon schwer irritiert und verunsichert. Es wird getan, ohne zu diesem Tun irgendeine Beziehung zu haben, ohne nach einem Sinn auch nur zu fragen.
Wenn man sich einmal einen durchschnittlichen Tagesablauf vorstellt, so könnte man sagen: Bürojob oder Arztjob, Mikrowellenjob, Gabeljob, Duschjob, zur Abrundung noch Blow-, Lick- und Pussyjob, davor, aus Brauchtum, in der Verliebtheitsphase, vielleicht noch einen Kissjob - und zuletzt der nervige, zeitraubende Sleepjob.
Und am Ende aller Tage kann man sich dann ruhigen Gewissens sagen: "Ich habe einen guten Job gemacht! Wozu auch immer."
Das einzig Gute daran: Man kann es, wenn man es kann, auch anders machen - und kann seine eigenen Felder bestellen, ganz abseits vom Mainstream. Das kann man jedem nur wünschen, der etwas mehr vom Leben haben möchte als die Leere aller dieser Firlefanzereien.
Liebe Grüße