Hallo!
Natürlich haben die Befindlichkeiten und Verhaltensweisen auch mit der heutigen Welt und der heutigen Zeit zu tun (KingKong). Niemand, selbst wenn er ganz zurückgezogen lebt, wird sich den Einflüssen "der Welt" vollkommen entziehen können. Es gibt eben unvermeidlich eine Wechselbeziehung zwischen dem Individium und der jeweiligen Umwelt. Und wodurch, meinst Du, wird ein Kind geprägt? Durch die Umwelt, oder durch selbstverantwortliche Entscheidungen, die es selber trifft?
Weder die Kultur noch die Zeit, in die man hineingeboren wird, kann man sich aussuchen. Man kann lediglich versuchen, später seine eigenen Wege zu finden und zu gehen.
Und was man einfach sehen muß (und auch jeder sehen wird, der schon etwas älter ist): die Glücksmomente des Alltags, die es früher noch häufig gegeben hat und die belebt haben, gibt es heute so gut wie gar nicht mehr. Ich möchte nun gar keine nostalgische Tirade loslassen, aber nur einige Beispiele von endlos vielen:
Orangen, Erdbeeren, Weintrauben usw. hat es früher nur zu einer bestimmten Zeit gegeben, und man hat sich schon richtig gefreut darauf, wenn es wieder welche gibt, es war etwas Besonderes und war zudem mit bestimmten Empfindungen verknüpft. Heute ist alles das ganze Jahr über verfügbar und kein Mensch empfindet etwas in dieser Art noch als etwas Besonderes oder bekommt gar strahlende Augen, wenn er eine Orange sieht.
Oder die Geschenke, die man bekommen hat zu besonderen Anlässen, ein Fahrrad, Schi, eine neue Hose, ein Spiel, was auch immer - das waren Schätze, alles etwas ganz Wertvolles, an dem man eine riesen Freude hatte. Heute ist alles eine Selbstverständlichkeit, man bekommt alles zu jeder Zeit, nichts wird mehr als wertvoll empfunden und erlebt.
Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Zu meiner Kindheit gab es hier noch zwei Geschäfte, zwei Gasthäuser, einen Schneider, einen Tischler, einen Schuster, einen Spengler. Heute gibt es mit Müh und Not noch ein Geschäft und ein Gasthaus, sonst nichts mehr. Und das schafft nun einmal eine ganz andere Atmosphäre. Früher sind die Leute, trotz viel mehr Arbeit, am Abend gemütlich auf Bänken vor den Häuser zusammengesessen und haben sich unterhalten. Heute gibt es nicht einmal mehr die Bänke ...
Ein Urlaub, womöglich gar am Meer, war ein Erlebnis sondergleichen, ein richtiges Abenteuer. Heute jettet man einmal schnell zum Einkaufen nach London, und es ist nicht anders, als würde man in den nächsten Supermarkt gehen.
Ein Besuch in einem Museum oder im Theater oder im Zoo: Früher etwas Faszinierendes und Außerordentliches, das man das ganze Leben nicht vergißt. Heute gehen die Leute nicht mehr ins Theater, um sich bezaubern zu lassen, sondern um ihre neuen Kleider unter die Leute zu bringen ...
Und so könnte man noch endlos weitererzählen. Die Quintessenz aus allem: Heute ist alles zu einem Einerlei geworden, es gibt überhaupt nichts Besonderes mehr, alles ist jederzeit verfügbar, alles ist jederzeit möglich, nichts glänzt mehr, nichts wird mehr wirklich wahrgenommen, man erlebt praktisch gar nichts mehr, weil nichts von Wert ist, alle Sinne abgestumpft durch eine unglaubliche Reizüberflutung, man registriert nur noch, aber nichts dringt mehr tiefer in einen hinein.
Wer nimmt noch wirklich wahr, wie meinetwegen eine Erdbeere schmeckt? Ja, süß, vielleicht ein wenig säuerlich - aber wer nimmt den ganzen Geschmack noch bewußt wahr, wer läßt sich darauf ein und nimmt sich die Zeit? (Das kann ja jeder einmal versuchen.)
Oder wer geht durch den Wald und schaut nicht nur, sondern sieht auch? (Wenn er nicht überhaupt mit dem Kopf ganz woanders ist und nicht einmal richtig mitbekommt, daß er überhaupt in einem Wald unterwegs ist.) Wer sieht, hört, riecht, tastet, läßt sich bezaubern? Man geht heute nicht mehr in den Wald, um wahrzunehmen, um sich wohlzufühlen, um sich bezaubern zu lassen, sondern weil man vielleicht gehört hat, daß die frsiche Luft gesund sein soll ... Und über irgendwelche Projekte und Probleme nachdenken kann man ja auch dort - also kann man ja das Nützliche mit dem Notwendigen verbinden.
Nicht anders in der ero.. Wer nimmt den anderen noch wirklich wahr, spürt ihn und sich selber durch und durch, riecht, schmeckt ihn, achtet auf Blicke und Gesten, läßt sich Zeit, um die Empfindungen nach und nach wachsen zu lassen, gibt sich der Liebe und der Lust noch wirklich hin mit allen Sinnen, spürt den anderen mit allen Sinnen, versinkt in diese intimste Nähe und verliert sich darin? Es wird irgendeine Nummer geschoben - vielleicht abgeschaut aus einem P.or.no, vielleicht unter Zeitdruck, weil das Fußballmatch ja gleich anfängt oder weil man am Morgen früh raus muß - und dann hat man halt sein schnellflüchtiges Orgasmuschen und schläft zufrieden ein wie nach einer Blasenentleerung. Das ist nichts anderes als eine SB zu zweit und eigentlich, obwohl es das Schönste und Innigste sein könnte, gar nicht der Rede wert, eine Notdurft-Nebensache. (Wenn man mit den Leuten redet, was S. betrifft - man glaubt nicht, wie viele sagen: Weil es eben dazugehört (zu einer Beziehung). Also nicht vielleicht, weil es ein unvergleichliches Lust- und Näheerlebnis ist - sondern weil es eben so der Brauch ist ...)
Jedenfalls ist uns die Fähigkeit, wirklich wahrzunehmen, das Besondere und Wertvolle von allem unnötigen Mist zu trennen, wertzuschätzen, Glück, Freude, Sinnlichkeit usw. tatsächlich im Innersten zu erleben, weitgehend abhanden gekommen. Man hört sich über all diesen Lärm selber nicht mehr. All das spielt auch gar keine Rolle mehr. Das Wichtige ist die Jagd nach immer mehr von dem, was irgendeine Art von "Glück" verspricht oder zu versprechen scheint, und da es das Versprechen nicht hält, meint man, es liege am Zuwenig und jagt demselben Mist nur noch eifriger hinterher - irgendwann muß das Glück ja doch zum Vorschein kommen. Und über all dieses Maximieren des Bedeutungslosen vergißt man zuletzt noch sich selber und fragt sich irgendwann, woher wohl all diese Unzufriedenheit und Verzweiflung, all diese bedrückende Armut und Enge kommen mag, wo man sich doch ohnehin so abmüht und alles Mögliche erreicht und erworben hat. Aber auf dem Pfad der Lemminge wird niemand das finden, was er eigentlich sucht.
Und weil jemand geschrieben hat: Es ist schwer, gegen den Strom zu schwimmen. Man sollte weder mit dem Strom noch gegen den Strom schwimmen. Sondern besser ist es, sich ans Ufer zu setzen und dem verzweifelt-geschäftigen Treiben zuzusehen.
Liebe Grüße