Begonie
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irgendwas ist immer. Der eine hat eine Familie, manche große, manche kleine und manche fast gar keine. Das kann man sich nicht aussuchen. Aber in jeder Familie gibt es ein Kreuz, das oft genug von außen nicht sichtbar ist. Man sieht es meist nur, wenn man mehr Einblick hat. Aber in keiner Familie geht es so reibungslos und komplikationslos ab, wie es oft dargestellt wird.
Das nur mal als Trost, auch wenn das Thema unweigerlich irgendwann kommt. Eltern sterben, Schwiegereltern sterben, Freunde können sterben und so manchen erwischt es vor der Zeit. Das ist traurig, scheint aber zum Leben zu gehören. Das ist etwas was wir nicht steuern können, sondern akzeptieren müssen.
Wegen einer Reise alleine. Du hast Dich mit Rücksicht auf Deinen Mann immer sehr zurück genommen. Das ist sicher edel gedacht, aber es kann nicht alles sein. Das Leben ist kurz und jeder hat seine eigenen Wünsche, die man sich auch erfüllen sollte, solange sie einem Anderen nicht schaden. Mache doch einfach mal eine kleine WE-Reise wohin sozusagen zum Einüben. Das kann sehr heilsam sein und sehr gut tun. Ich habe mir das vor meiner Affäre nie getraut, brauchte immer einen Anker, an dem ich mich festhalten konnte.
Dadurch, dass ich sah, wie autark und selbstständig der AM lebte, bei dessen Planungen ich praktisch nicht vorkam, dachte ich um. Ich wusste nach dem Ende, Du musst jetzt was für Dich tun und vor allem bei Dir anfangen. Die ersten Maßnahmen waren dann eben Kino- und Theaterbesuche ohne Begleitung. Später kam noch die besagte Berlinreise, die mental eine Art "Freischwimmer" für mich war. Seither weiß ich, dass es mir gut tun, mit mir alleine unterwegs zu sein.
Auch mein Auftreten bei dienstlichen Anlässen hat sich seither signifikant verbessert. Früher dachte ich immer, ach Gott, wer wird da sein, mit wem kann ich da reden und heute fahre ich einfach. Wenn keiner da ist, den ich kenne, bin ich eben alleine, aber oft genug lernt man dann gerade bei solchen Anlässen neue Menschen kennen. Man sollte nur keine Angst haben, die behindert einen nur.
Übrigens, eine Therapie habe ich nicht gemacht. Ich habe darüber nachgedacht, es aber verworfen. Wenn es mir gut geht, habe ich keinen Bedarf. Ich war aber zweimal zu einem Beratungsgespräch bei einem Therapeuten und die waren durchaus erhellend. Das Seltsamste war, dass ich kurz nach dem Affärenende eigentlich über ihn reden wollte, stattdessen aber fast unbeabsichtigt bei mir anfing.
Wir unterhielten uns länger als die übliche Zeit und manches blieb mir im Gedächtnis hängen. Hinterher im Lauf der nächsten Monate erkannte ich auch manche Zusammenhänge, z.B. über aus der Kindheit ins Erwachsenenleben importierten Verhaltensweisen. Wir leben mehr nach, als uns bewusst ist und sind von Kindheit und Elternhaus mehr geprägt, als wir glauben.
Was mir gut tat, war die vollkommene Neutralität des Therapeuten. Es gab keinerlei Verurteilungen, er blieb völlig sachlich. Es gab auch kein Mitleid, er blieb vollkommen außen vor. Und gerade diese unglaubliche Sachlichkeit tat mir so gut. Sie führte auch dazu, dass ich mir selbst eher verzeihen konnte, aber auch den AM nicht mehr so gnadenlos aburteilte.
Die Affäre hatte keine Chance auf eine feste Beziehung, obwohl das mein Wunsch gewesen wäre. Aber die Vorzeichen waren schon katastrophal schlecht, charakterliche Defizite auf beiden Seiten und zwangsläufige Verletzungen beiderseits, obwohl ich unterm Strich mehr einsteckte als er, taten ein Übriges. Man kann nicht aus einer Ehe in eine neue Beziehung fliehen.
Ganz seltsam war es, was eines Tages bei einem Frühstück stattfand. Ich war alleine, mein Mann schon gefahren. Lange hatte ich nicht mehr an den AM gedacht, auf einmal fiel er mir wieder ein. Ich wunderte mich, warum eigentlich. Es gab keinerlei Anlass dafür, auch keinen Trigger. Ich überlegte, ob es mich interessierte, wie es ihm wohl gehen würde und stellte fest, nein, es interessiert mich nicht. Warum also der Gedanke an ihn?
Mit einer gewissen Wehmut sah ich dann auf einmal die Affäre wie ein Theaterstück auf der Bühne. Ein Zwei-Personen-Stück, in dem beide permanent das Falsche taten ohne es zu merken. Eines bedingte das Andere, sein Verhalten meines und umgekehrt. Und auf einmal wurde mir klar, wofür diese Affäre stand.
Der AM sollte mich retten. Weder mochte ich mich besonders noch hielt ich viel von mir. Ich führte ein unvollständiges Leben, das mir nicht mehr genügte. Und als Rettung vor mir selbst suchte ich in der Außenwelt nach einer Art Erlösung. Der Weg für einen AM, mit dem alles anders werden würde, war frei.
Und ausgerechnet der AM, der selbst defizitär war, sollte es sein, der meine unbewussten Aufträge an ihn erfüllen sollte.
Diese waren:
Bitte liebe Du mich, damit ich endlich daran glauben kann, dass ich liebenswert bin.
Bitte liebe Du mich, damit ich weiß, dass ich wertvoll bin.
Bitte vertreibe meinen Überdruss und meine Langeweile und gib mir das Gefühl, dass ich ein besonderer Mensch bin.
Bitte bestärke mich, damit ich endlich selbstbewusster werde und an mich glauben kann.
All das sollte er bewerkstelligen und einiges tat er sogar. Er vertrieb meine Langeweile und meinen Überdruss, erst durch maßloses Glück, das immer mehr in Unglück und Ängste umschlug. Aber langweilig war es mir definitiv nicht mehr. Das zweite war das Berufliche. Wir sind in derselben Sparte. Während ich aber eine Leitungsfunktion habe, ist er ein wenn auch wichtiges Rädchen. Durch ihn wurde mir aber bewusst, wieviel ich eigentlich im Gegensatz zu manchen Kollegen in größeren Einheiten leisten musste. Das war für mich so selbstverständlich, dass ich den besonderen Wert darin nicht mehr sah. Das machte er mir bewusst, indem er mal sagte: Viele meiner Kollegen könnten das, was Du dort leisten musst, nicht tun. Es wäre ihnen zu viel Verantwortung, zu viel an Anforderungen.
Die anderen Wünsche erfüllte er mir nicht, denn diese kann auch keiner erfüllen. Ein anderer Mensch soll der Retter eines als reizlos empfundenen Lebens sein. Dieser Anspruch ist völlig überzogen. Was Du selbst nicht für Dich tun kannst, das kann Dir auch kein Anderer gehen. Ein Partner ist kein Lebensretter, sondern hat selbst mir sich zu kämpfen, hat auch seine Defizite, mit denen er klar kommen muss.
Als mir das klar wurde, schämte ich mich vor mir selbst. Leider war ich vor der Affäre aber nicht schlauer, sondern erst hinterher.
Daher sage ich, diese Affäre war nicht umsonst. Ich habe dadurch mehr gelernt als in den Jahrzehnten zuvor.
Nichts ist umsonst im Leben. Und ein Leben ganz ohne Beulen gibt es auch nicht.
Bzgl. Nachbarn. Dir taugt Dein Umfeld nicht. Vermutlich ist es aber doch das Richtige für Dich, denn es zeigt Dir ja auch so manches. Sehr lehrreich ist es allemal.
Du kannst es aber auch in eine Wolke hüllen. Den Tipp gab mir vor Jahren mal eine Frau, die auf der Esoterik-Schiene unterwegs war. Ich sollte einen Kurs halten und hatte Angst insbesondere vor einer Person, die in dem Kurs war. Sie gab mir den Tipp: Hüll sie ein!
Ich: ?
Sie: sie ist da, aber nicht weiter wichtig. Sie ist eine Wolke am Himmel, die weiter ziehen wird.
Das war ein hervorragender Tipp. Die Frau war da, aber sie musste mich nicht tangieren, da sie wie eine Wolke war. Damit waren die Bedenken auch weg. Diesen Rat kannst Du mal bei den Nachbarn ausprobieren. Du stellst damit auch eine emotionale Distanz zu ihnen her und bist weniger tangiert.
Begonie
