Lieber Magnichtmehr,
ich habe den Eindruck, dass euer Familensystem zusammen gebrochen ist und ihr deswegen beide so labil seid.
Für mich sieht es weniger so aus, als müsstet ihr jetzt miteinander etwas lösen, sondern erstmal jeder für sich allein, bzw. dass selbst eine Klärung zwischen euch, der Wunsch, doch zusammen zu bleiben, das Problem nicht lösen würde.
Mir scheint, ihr beide seid gerade mit Themen in euch konfrontiert, dievielleichtlange Zeit durch euer Familiensystem aufgefangen wurden.
Nun brechen sie hervor und Deine Frau klammert sich an die Flasche in der einen Hand und das Handy in der anderen. Und Du klammerst Dich an sie.
Ich glaube nicht, dass Du ihr in dieser Verfassung bezügl. ihrer Su cht helfen kannst weil Du Teil des Systems bist. Du brauchst sie zu sehr und nicht nur ihretwegen. Wie Du selbst schreibst, hat es mit Deiner Geschichte zu tun.
Oberflächlich kann man natürlich verstehen, helfen. . ., aber was dem anderen Halt gibt, ist wenn er spürt, dass der Partner Stabilität in sich selbst hat. Menschen reagieren intuitiv sehr sensibel darauf.
Umgekehrt kann sie Dir nicht helfen, weil das Einnehmen ihrer alten Familienrolle Deine Ängste nur beruhigen,- aber nicht lösen würde.
Ich weiß, wie schwer gerade alles für Dich ist, aber so abgedroschen diese Aussage auch ist- Krisen sind wirklich oft Chancen zu wachsen. Alte Grundsteine halten das Beziehungsgebäude nicht mehr und alles bricht ein. Natürlich macht das extrem Angst und destabilisiert.
Das ist ganz normal und statt jetzt wie verrückt zu kämpfen, alles aufrecht zu erhalten, solltest Du nachsichtig mit Dir selbst und euch allen sein.
Aber wenn es jedem von euch beiden für sich allein gelingt, sich den eigenen Problematiken zu stellen und für sich allein Stärke aufzubauen, kann man schauen, ob ihr euch wirklich trennen müsst, oder nicht doch noch eine Chance für ein Miteinander seht.
Deine Frau scheint die Lösung gerade darin zu sehen, emotional "abzuhauen", Du darin, an ihr festzuhalten. Beides verständlich, aber meinem Eindruck nach falsch. Man kann die Lösung nicht im Fliehen oder im anderen finden.
Vor einiger Zeit las ich einen Teil des Buches "The Force" von Phil Stutz, Barry Michels. Ein Autor ist ein Psychiater mit jahrzehntelanger Praxiserfahrung. Die beiden haben eine bestimmte Therapiemethode, über die ich gar nicht urteilen möchte. Ich spreche dieses Buch an weil darin viele Fallgeschichten vorkommen und eine davon erinnert mich an Deine Familiengeschichte, wenn die Themen der einzelnen Familienmitglieder auch andere als eure sind.
Aber es wird wunderbar aufgezeigt, warum es im Falle eines Zusammenbruchs des Familiensystems Sinn macht, ausschließlich bei sich selbst anzufangen.
Und wie es möglich ist, auch die anderen Familienmiitglieder "anzustecken", wenn es gelingt, sich selbst seinen Problemen zu stellen, ohne am Partner oder den Kindern herum zu doktern.
Nichts überzeugt, auch unbewusst, den Partner so sehr, wie wenn er sieht, dass der andere für sich ganz allein erstarkt. Umgekehrt ist nichts so unwirksam, wie selbst nicht zurecht zu kommen, aber anderen helfen zu wollen.
In diesem Fallbeispiel ging es um eine Familie, in der der Mann sich scheinbar aus heiterem Himmel in die Spielsucht flüchtete, die Frau entwickelte eine Esssucht, die Kinder folgten. Versagen in der Schule, Kaufsucht, Spielsucht. Eine ehemals stabile Familie brach zusammen.
Der Mann versuchte die Frau vom Futtern abzuhalten; die Frau verachtete den Mann für seine Spielsucht; der Vater versuchte den Kindern lediglich durch Worte Vorbild zu sein.
Als der Vater begann, von allen Familienmitgliedern abzulassen und sich seinen Problemen stellte, zunächst ganz alleine stark war, zogen die anderen sukzessive nach.
Es ist eine riesen Herausforderung, aber ihr alle könnt daran auch wachsen.