Zitat:Waren das denn Dinge, die zwingend hätten erledigt werden müssen? Hat er es selbst als Problem empfunden, dass sie unerledigt blieben? Oder wurden sie nur dadurch zum Problem für ihn, dass Du der Überzeugung warst, sie seien der Grund dafür, dass es ihm schlecht ging?
Es waren Dinge wie zur Inspektion fahren, Steuererklärung machen, die Großeltern mal wieder besuchen, aufräumen, Sport treiben. Dinge, mit denen er sich nach eigener Aussage schwer tut sie anzupacken, Dinge, die ihn frustriert haben, wenn er sie nicht geschafft hat. Anfangs habe ich gesagt, dass es doch nicht schlimm ist, wenn er sie nicht immer gleich hinbekommt. Dass es okay ist, wenn er mal lieber ein Wochenende durchzockt oder irgendwas tut, was ihm gerade Spaß macht und ihn ablenkt. Ich habe ihm gesagt, dass es okay ist, wenn das mal liegen bleibt, denn er hat einen anstrengenden neuen Job der ihn sehr fordert und bei dem er alles geben möchte, um ihn so gut wie möglich zu machen. Ich habe ihm gesagt, er soll da nicht so streng mit sich sein.
Es waren Dinge, die er irgendwann als Last empfunden hat. Ich habe ihm dann davon erzählt, wie es für mich ist wenn ich mal so einen Berg angehäuft habe, dass ich verstehe wieso ihn das irgendwann belastet und man sich dann mies fühlt. Ich habe ihm einen Wochenplaner entworfen, wo er mal versuchen könnte, seine Arbeitszeiten einzutragen und ein oder zwei Stunden in der Woche Zeit für diese "Dinge" blocken könnte, ebenso Zeiten zu blocken für Dinge, die ihm Spaß machen und ihm gut tun. Das hat für ihn aber nicht funktioniert. Diesen "Berg" gibt es schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Die Steuererklärung war noch die für 2016. Ich war mehrmals bei ihm und bot an, dass wir sie zusammen anpacken, dann wäre er den Mist los. Er wollte aber lieber was Schönes mit mir machen. Die Inspektion steht schon seit über einem halben Jahr an. Noch dazu müsste er sich eigentlich einer OP unterziehen, vor der er nachvollziehbar Angst hat, und nicht anruft um einen Termin zu bekommen. Er sagt, er fühlt sich schlecht weil er sich zu all dem nicht aufraffen kann. Ihm fehle die Kraft.
Ich habe ihm dann gesagt, dass er sich bestimmt besser fühlt, wenn er eine Kleinigkeit von all dem nimmt und sie erledigt. Das gibt einem immer ein gutes Gefühl. Er vereinbarte dann einen Termin zur Zahnreinigung und bestätigte, dass er sich besser fühlen würde, wenn er das nun von seiner Liste streichen könne. Ich hab gedacht gut, dieses postive Gefühl hilft ihm vielleicht auch, nun anderes anzupacken. Dem war aber nicht so.
Natürlich kam er am Wochenende lieber zu mir um Zeit mit mir zu verbringen. Ich wäre aber auch nicht böse gewesen, wäre er erst später oder am nächsten Tag gekommen wäre, um die Sachen zu erledigen. Ganz im Gegenteil. Ich weiß, er wäre besser drauf gewesen. Er saß dann öfters mal bei mir, war nicht gut drauf, fühlte sich schlecht. Wenn ich ihn fragte was los ist erzählte er mir davon und sagte, dass er eigentlich da zuhause noch soviel hätte, was er tun müsse. Wenn ich sowas sagte wie: ist doch okay, fahr heim und mach das. Dann reagierte er entweder mit: "Hmm ja, sollte ich tun, aber ich bin lieber bei Dir." oder "Ja, ich muss das mal angehen." Manchmal ist er dann auch nach Hause gefahren. Wenn ich mich später mal nach dem Stand der Dinge erkundigte hatte er dann aber doch was ganz anderes gemacht - und die Dinge nicht angerührt.
Das ist erst passiert, als ich Abstand genommen habe. Die Steuererklärung ist nun gemacht, er geht wieder Laufen, besuchte die Großeltern. Und bestimmt noch mehr, was ich nun nicht mehr mitbekommen habe. Das freut mich ehrlich und von ganzem Herzen. Es macht mich nur traurig weil er sagt, er hätte sich selbst so verloren und das alles nicht hinbekommen, weil er ja lieber für mich da gewesen wäre, weil ich ihm wichtiger sei als er sich selbst und dass er einfach hätte viel egoistischer sein müssen anstatt für mich da zu sein.
Es ist schön, dass er das für mich tun wollte, aber ich habe auch mehrfach gesagt dass ich nicht möchte, dass er die Sachen für mich schleifen lässt. Ich habe ihn nie gebeten oder aufgefordert, sich selbst aufzugeben.
Die Ironie daran ist, dass er auf mich in den letzten Monaten immer egoistisch wirkte, mit sich selbst beschäftigt, hart und frustriert. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er bei mir war. Er hat Verabredungen vergessen, die er selbst vorgeschlagen hatte, war nur mit Rechnerei wegen der Eigentumswohnung beschäftigt, hat oft auf meine Guten Morgen Nachrichten gar nicht reagiert weil er soviel mit der Arbeit um die Ohren hatte, hat sich oft in die Ablenkung geflüchtet. Ich habe immer gespürt dass es ihm nicht gut geht, wusste aber irgendwann auch nicht mehr, was ich noch für ihn tun kann.
Letztens war er frustriert weil alle Sommerurlaub machen, nur er nicht. Ich hatte noch drei Tage Urlaub übrig. Suchte dann Sachen raus, Strand und Sonne, schickte ihm Angebote. Er reagierte kaum darauf, meinte vielleicht mal "Ohja, das sieht schön aus." Ich konkretisierte das Ganze, mit Datum. Weil er auf darauf irgendwie nicht einging hakte ich nach, ob er vielleicht nicht mit mir in Urlaub fahren möchte für ein paar Tage oder ob es was andere sei, dass er nicht reagiere. Er meinte dann, er würde nichts lieber tun als das, er wäre sich nur nicht sicher gewesen, ob ich das ernst meinen würde. Ich sagte ihm, dass ich ihm nur realistische Angebote schicken würde und dass ich das schon ernst meinte. Er meinte okay. Ein oder zwei Wochenenden später sagte er am Frühstückstisch mal wieder "Ich will auch Sonne und Strand.". Ich fragte, was denn mit dem letzten Angebot sei, ob ihm das nicht gefallen habe und schlug vor, wir könnten ja auch mal zusammen schauen. Er meinte nein, fände er eigentlich gut, ich solle es ihm nochmal aufs Handy schicken. Gesagt, getan. Er fuhr heim. Keine Rückmeldung. Ich bin davon ausgegangen, dass er es einfach wieder vergessen hat, weil er soviel um die Ohren hat. Letzte Woche meinte er wieder "Ich mag auch Sonne und Strand haben." Ich schrieb ihm "ja, ich hatte Dir doch was geschickt". Er fragte: "Das XYZ Hotel?", ich schrieb: "Ja, z.B."
Darauf bekam ich wieder keine Antwort. Dann teilte er mir mit dass seine Ex sich gemeldet hätte. Wir tauschten uns darüber aus. Ok. Dann erzählte er vom Mittagessen, dass er gern frei hätte und dass er endlich den Versicherungsmenschen angerufen hätte um die Rate fürs Auto ändern zu lassen. Dann erzählte er mir von weiteren Dingen, die er erledigt hatte und ich schrieb noch, dass ich das wirklich toll finde. Er reflektiere Dinge über seine Eltern, seine Aufschieberitis, die Schuldgefühle gegenüber seiner Ex, wir hatten eine sehr konstruktive Konversation. Ich schrieb ihm noch, dass ich an ihn glaube. Der Urlaub war wieder beiseite geschoben.
Zitat:Mutter Teresa würde dich jetzt nicht unbedingt als die große Geberin preisen, denn dein Geben ist an Erwartungen und tragende Früchte (dank deines Einsatzes) geknüpft.
Ich will auch nicht als große Geberin gepriesen werden. Das ist schlichtweg mein subjektives Empfinden. Ich erwarte nicht, ich wünsche.
Ich wünsche mir einen glücklichen Partner, der auch für sich sorgen kann und bin traurig wenn ich sehe, dass er es nicht kann. Ich wünsche mir, dass meine Hilfe beim anderen ankommt, und bin traurig, wenn das nicht passiert. Ich helfe gerne, freue mich wenn man das sieht. Ich gebe nicht, um dafür Gleiches zurück zu bekommen, sondern weil mir jemand wichtig ist.
Was ich erwarte sind Dinge wie Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit und ich bin enttäuscht, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden. Ich erwarte aber nicht, dass mir jemand ständig Anerkennung für das zollt, was ich ja freiwillig von mir gebe.
Zitat:Was tatsächlich zutreffen könnte wäre das Helfersyndrom, wobei das ja nichts anderes ist, als anderen die eigene Meinung/Hilfe aufzudrücken, unabhängig ob die Person das überhaupt will oder (überwiegend) nicht und warum: Um die eigenen Defizite gerade zu bügeln > an erster Stelle das mangelnde Selbstwertgefühl.
Ich verstehe schon was Du meinst, aber fühle mich damit nicht angesprochen. Ich habe nichts aufgedrückt, sondern angeboten. Ich wurde nach meiner Meinung gefragt und habe sie geäußert. Ich war da und habe versucht, konstruktive Lösungen zu planen. Wie umgekehrt auch. Ich habe reagiert wenn mein Freund mit seinen Sorgen kam. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.