Liebe @Sway82
Mich hat, was Du geschrieben hast, sehr berührt. Ich werde Dir jetzt meine Perspektive zeigen, die ist eine der ebenfalls zutiefst verletzten Tochter und sie ist nur das, eine Perspektive. Ich möchte Deine Gefühle nicht abwerten, das wäre das letzte, was ich wollen würde. Als Tochter fühle ich unendlich mit Dir. Denn:
Zitat von Sway82:Aus unterschiedlichen Grunden zwar, aber jeder hat gelitten. Mich mit eingeschlossen. Und wie.
Nichts könnte wahrer sein. Meine Eltern sind zusammen geblieben, gelitten haben wir alle trotzdem nicht weniger. Nun ja, ich denke meine Eltern haben erst sehr viel später als ich gelitten, aber weißt Du, eigentlich macht es keinen Unterschied, ob am Ende das Tages der Vater zwar auf allen Bildern drauf ist, die eigenen Kindheitserinnerungen an ihn aber sich auf zwei, drei Momente beschränken, oder der Vater zwar auf allen Bildern wäre, es diese Bilder aber im eigenen Leben nicht gibt, eben auch weil die elterliche Ehe war, was sie war.
Zitat von Sway82:Diese Auseinandersetzung war wichtig für mich, weil ich als erwachsene Frau immer noch dieses Paket zu tragen habe und ich damals auch gemerkt habe, wie es mich beeinflusst. Und das wollte ich nicht. Ich wollte das überwinden. Meine Mutter hat mir dabei geholfen. Mein Vater nicht. Er wollte nicht mit mir darüber reden.
Diese Auseinandersetzung ist notwendige und je früher sie stattfindet, um so besser. Es tut mir sehr leid, daß Dein Vater seinen Teil der für Dich wichtigen Auseinandersetzung nicht leisten wollte, vielleicht aber eben auch einfach nicht konnte. Ich finde es sehr schön, daß zumindest Deine Mutter Dir geholfen hat.
Dennoch diese Auseinandersetzung muß erfolgen und für viele, findet sie ohne Hilfe von nur einem Elternteil statt. Das ist keine Wertung, es geht nicht um ein Schlimmer. Es geht um die Frage, welche Wertung man am Ende für sich selbst wählt. Denn es gibt diese Wahl: man kann sich für die Wertung, meine Mutter hat und mein Vater hat sich dem entzogen entscheiden. Das ist völlig ok.
Es bliebe aber auch die Möglichkeit, im Gegensatz zu vielen anderen, hat wenigstens meine Mutter.
Die Wertung im Nachgang ist unsere!
Zitat von Sway82:Mein Vater ist auch leider der Typ, der anderen die Schuld an seinem Versagen oder an seiner Situation gibt. Das merke ich auch heute noch. So ist er eben. Und ich bin sicher, er trägt in seinen Augen keine Schuld an der Scheidung. Nur meine Mutter ist die Böse. Und das ist ok. Wenn er das denken will, meinetwegen. Er schadet doch hauptsächlich langfristig nur sich damit.
Für mich als Tochter, mit allem Verständis ihm gegenüber, ist es dennoch schwer immer noch die Leidtragende zu sein. Ich bin es einfach leid...
Ja ne, die große Frage, wieso bleibt es eigentlich an einem hängen, die Teile wieder zusammenzufügen, die doch nur zu Bruch gegangen sind, weil andere sich weigern, ihre Verantwortung wahrzunehmen? Wieso müssen wir uns an die Arbeit machen, weil andere nicht in der Lage waren, ihren zu machen?
Ich für meinen Teil habe lange mit dieser Frage gehadert. Auch ich war es leid. Ich habe gelitten, getrauert und gewütet. Lange. Bis zwei Dinge passierten:
Das erste ist, daß ich irgendwann zu der Einsicht gelangte, daß ich das nicht für ihn tue, daß ich eben nicht mehr rette oder retten muß, weil ich mich verantwortlich fühle. Dass es auch nicht mehr darum geht, etwas zu heilen, zu verändern oder wiedergutzumachen, was jedenfalls nicht veränderbar oder wieder gut zu machen ist. Sondern, daß es einen Teil in mir gibt, der dies für sich tut.
Es geht mir nicht mehr darum, auf ihn ab und zu (und/oder auch nicht) auf ihn zuzugehen, im Wissen, daß er nicht anders kann, sondern ich tue das ausschließlich für mich. Weil es einen Teil in mir gibt, der, so sehr ich auch glaube überhaupt keinen Kontakt zu haben, wäre so viel einfacher, der eben das nicht zulässt. Da geht es nicht um meinen Vater sondern MEIN Teil in MIR, ich tue das für mich.
Das zweite, was passiert ist, daß es eine Generation nach mir gibt. Ich habe sehr lange, sehr viel aus der Kinderperspektive gesehen, wobei es völlig egal ist, ob die Kinderperspektive von einer 6jährigen, 26jährigen oder 36jährigen stammt. Was ich nicht gesehen habe, ist, daß es neben der Generation vor mir, auch immer eine nach mir gibt. Es macht sicher noch einmal einen riesigen Unterschied, ob man dann selbst Eltern dieser Generation ist oder nur Tante, aber eins ist mir bewusst geworden, so wie ich mich bei meinem Vater darüber beschwere, seinen Kram nicht in Ordnung gebracht zu haben, so könnte sich meine Nichte (oder eben eigene Kinder) bei mir beschweren.
Ich habe keine Verantwortung gegenüber meinen Eltern, ich habe sehr wohl aber Verantwortung mir selbst gegenüber und denen gegenüber, die nach mir kommen.
Und bei denen, was wäre da meine Erklärung? Reicht da ein, aber meine Eltern waren extrem gemein mir gegenüber?
Mir nicht, denn das ist die einzige Erklärung, die mir meine Eltern geliefert haben und die fand ich (siehe oben) ziemlich unbefriedigend.
Zitat von Sway82:Aber ich habe mich immer geliebt gefühlt. Aber die wichtigen Erlebnisse in meinem Leben kennt er nur vom erzählen. Das ist für ihn schlimmer als für mich. Das weiß ich. Aber das ist seine Entscheidung. Es könnte anders ein, wenn er es wollen würde.
Unter Maßgabe dessen, was ich eben geschrieben habe, stimmt das eben nur halb. Es könnte tatsächlich anders sein, aber es ist nicht nur an ihm, dieses Anders zu erreichen. Den Vater vor die immer gleiche Wahl zu stellen, in der Hoffnung, er entscheide sich irgendwann mal anders, und seien wir ehrlich in der eigentlichen Hoffnung, daß dieser dich über sein, von Dir so empfundenes, Ego stellt, ist extrem nachvollziehbar. Aber es ist auch Kinderperspektive. Es ist unser Recht, als Töchter, es ist aber nicht die einzige Möglichkeit, die wir haben.
Bei all den Familienfesten hast Du, nämlich als Erwachsene, auch immer eine Bedingung gestellt, die Seite Deiner Mutter ist da. Aber und das ist wichtig anzuerkennen, das war Deine Entscheidung. Es gäbe Möglichkeiten Familienfeste zweiteilig zu feiern. Es gibt die Möglichkeit Dinge für ihn aufleben zu lassen. Es gibt die praktische Variante mit Euch Weihnachten, mit Dir Ostern. Mit denen Hochzeit, mit Dir Namensgebung oder Taufe.
Du hast geschrieben, daß er immer für Dich da war. Es war ganz sicher unendlich leidvoll, was Dir als Kind wiederverfahren ist, aber du bist kein Kind mehr. Jetzt bist Du eine Erwachsene.
Und hältst daran fest, daß, obwohl er so viel für Dich getan hat, er sich nicht für Dich, sondern, was Du als Ego empfindest entscheidet.
Das mag sein, daß dem so ist. Und ich sage nicht, daß Deine Perspektive nicht gültig ist.
Was ich aber sage, was wäre wenn
Zitat von Sway82:Wenn ich meinen Vater frage, sagt er nur, sie hat dich mir weg genommen und ging. Ich habe meine Frau und meine Tochter verloren. Mehr sagte er nie. Ob er sein Verhalten in der Ehe reflektuert hat...keine Ahnung,
das nun mal seine Sichtweise auf die Dinge bleibt. Dann hat er vielleicht das Gefühl, daß auch all die Jahre später, es eigentlich stimmt, weil er zwar angerufen wird, wenn es die Küche aufzubauen gilt, aber Du nicht ein einziges Mal, ihm den Vorzug gegeben hast.
Fände ich das kindisch? Ja sehr, aber wäre es nicht genauso kindlich, an der eigenen Kinderperspektive festzuhalten?
Wie eingangs gesagt, mich berührt das Thema sehr und es muß reichen, meine Worten müssen reichen, Dir das Gefühl zu geben, daß ich Dich sehr gut verstehe.
Die Wunden, die die eigenen Eltern hinterlassen, sind immens, manchmal so groß, daß sie im eigenen Leben nimmer ganz zu heilen sind.
Es gibt sicher 100 verschiedene Wege damit umzugehen und ich habe weder die Kristallkugel noch das Recht, Dir zu sagen, was Deiner ist und sein wird.
Was ich aber sage, nein, es ist nicht mehr nur seine Wahl, inzwischen ist es auch eine Wahl, die Du selbst triffst.