Ein Beziehungspartner kann niemals ein Therapeut sein, denn ein Partner ist niemals objektiv. Wenn dem Jemand helfen kann, dann nur ein Therapeut, der ihm völlig neutral gegenüber steht. Denn die Haltung, der eine will den anderen heilen, verschiebt Positionen und Strukturen in einer Beziehung.
Du als diejenige, die ihn gerade biegt und zu einem sozial verträglichen Menschen macht. Damit beanspruchst Du unbewusst eine Machtposition, die Deine Möglichkeiten völlig übersteigt. Du schaffst damit eine Unter- und Überordnung. Der Schwächere, also der defizitärere von Euch beiden rutscht damit in die Position, dass ihm geholfen werden muss. Das ist eine ungesunde Konstellation. Schon von daher ist es kein Wunder, dass er sich immer wieder Dinge heraus nimmt, schon weil der mit der Unterordnung nicht klar kommt.
Sämltliches verständnisvolles Reden, jegliche Nachsicht und Geduld mit diesem Exemplar sind sowieso verlorene Liebesmüh, denn seine Verhaltensweisen sind rein impulsgesteuert, aber alles andere als gut.
Auch Dein pädagogisches Fachwissen hilft Dir da nicht weiter, denn er will doch gar keine Hilfe und von Dir schon gar nicht. Wenn er was ändern wollte, bräuchte er die Einsicht, dass er mit sich nicht klar kommt und ihn das tatsächlich beeinträchtigt. Nur wenn der Leidensdruck entsprechend hoch ist, würde er fachliche Hilfe suchen.
Wobei ich bei seinen Wesenszügen bezweifle, ob da noch viel zu retten ist, aber das müsste ein Fachmann beurteilen und selbst der kann falsch liegen.
Du solltest Dich völlig auf Dich konzentrieren und mal Dich anschauen, anstatt immer nur ihn zu analysieren. Das lenkt zwar schön von Dir selbst ab, aber Deine Gedanken sind damit nur bei ihm. Das ist schädlich beim Loslassen, denn es beeinträchtigt den Ablösungsprozess.
Du hast genug eigene Baustellen, die Du in Angriff nehmen solltest. Da würe mehr für Dich gewonnen. Was hilft es, wenn Du ihn immer wieder rausgeworfen hast und dann doch wieder aufgenommen hast. Damit hast Du
Dich zur Verfügungsmasse degradiert, mit der er problemlos eine On-/Off-Beziehung führen konnte. Jeglichen Seelenmüll hat er bei Dir ausgelassen und abgeladen und auch das hast du zugelassen. Du hast Dich damit zum seelischen Mülleimer machen lassen, was ich auch als Grenzverletzung sehe. Aber wahrscheinlich hast Du daraus auch Befriedigung gefunden, eben weil er sich bei Dir ausgetobt hat und zwar in jeglicher Hinsicht. Ein paar liebe Worte, ein paar liebevolle Blicke, ein ach so tiefgehndes Gespräch, Beteuerungen seinerseits, Reden vom Vermissen und davon, dass Du die einzige bist, bei der er so sein kann wie er ist - und schon konnte er wieder andocken.
Dass er Dich damit auch manipuliert, übersiehst Du großzügig, denn schließlich gierst Du ja gerade nach diesen Gefühlssensationen, die er Dir verschafft. Auch an das Drama kann man sich gewöhnen. Es stress zwar, aber es gibt dem Leben unbestritten auch jede Menge Kicks. Und irgendwann kann man ohne das gar nicht mehr leben.
Das führt dann dazu, dass man auf dem Stresskarussell ständig erfolglos weiter fährt, aber nicht absteigt. Denn Aussteigen bedeutet Verlust, auch für einen selbst. Und doch ist es das einzige Mittel, um bei sich selbst anzufangen.
Dein Leben - Deine Baustellen. Es ist Deine Wahl, wie Du mit Dir selbst umgehst. Aber es kommt alles zurück, das habe ich auch schmerzhaft erfahren.
Wenn Du keine Selbstachtung hast, kannst Du nicht erwarten, dass man Dir mit Achtung begegnet.
Wenn Du keine Selbstliebe und keine Nachsicht und auch keine Selbstfürsorge für Dich empfindest, bist Du die ideale Projektionsfläche für Männer seines Schlages.
Wenn Du insgeheim nicht an Deinen Wert glauben kannst, wirst Du auch nicht als wertvoll angesehen.
Wer auf sich aufpasst, wird nicht so mies behandelt, wie Du es zugelassen hast.
Begonie