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Machen Depressionen anfällig für Affären?

maggy17

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Oder sind sie nur eine faule Ausrede? Wie seht ihr das?

Ich bin selbst an einer chronischen Depression erkrankt, lese hier aber zu meinem Erstaunen, dass es viele Affärenführer gibt, die diese Erkrankung als ursächlich für ihr Fremdgehen angeben.

Ganz ehrlich, wenn ich in einer depressiven Episode stecke, habe ich kaum Energie für S. und null Verlangen danach. Und S. ist ja der Hauptbestandteil einer Affäre.

Eher kann ich mir vorstellen, dass durch die Affäre eine beginnende depressive Phase hinausgezögert wird. Es werden ja dabei so viele Hormone ausgeschüttet, dass man wohl in eine Manie katapultiert wird. Das fühlt sich natürlich erstmal gut an.

Ich bin gespannt auf eure Meinungen.

06.06.2022 17:38 • x 3 #1


commitmentor

commitmentor


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Zitat von maggy17:
Und S. ist ja der Hauptbestandteil einer Affäre.

Nein, es gibt - nicht zuletzt in diesem Forum - viele Affären bei denen vor allem die Gefühle und die vermeintliche Einzigartigkeit des AP im Vordergrund stehen

Zitat von maggy17:
Es werden ja dabei so viele Hormone ausgeschüttet,

Genau.

Problematisch ist, wenn die Affäre dann - gerne auch abrupt - beendet wird. Dann fehlen diese Hormone und es beginnt eine Entzugsphase. Dies kann dann zeitweise auch zu depressiven Stimmungen (damit meine ich keine Depression) führen.

06.06.2022 17:52 • x 2 #2



Machen Depressionen anfällig für Affären?

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pepatty

pepatty


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Letztendlich kommt es sicherlich auf den Hintergrund des Fremdgehens an. Allerdings wird von einigen alles als Depression bezeichnet. - Auch wenn Unzufriedenheit, Selbstwertmangel etc. richtiger wäre. Die Leute sind beispielsweise auch immer schnell mit dem Begriff Narzissmus bei der Sache.

Depression wird auch gerne genannt um der eigenen Verantwortung argumentativ eine Entschuldigung zu geben. - Ich würde es in seltenen Fällen aber nicht ausschließen, dass eine Depression einen für den schnellen Selbstwertpush anfälliger für Entsprechendes machen kann.

06.06.2022 18:08 • x 4 #3


Trust_him


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Zitat von maggy17:
Oder sind sie nur eine faule Ausrede? Wie seht ihr das? Ich bin selbst an einer chronischen Depression erkrankt, lese hier aber zu meinem Erstaunen, ...

Mein Mann hatte Depressionen bereits vor der Affäre, seine Diagnose und die ersten Antidepressiva erhielt er quasi parallel zum Start der Affäre.

Ich frage mich manchmal, ob ihm das (die Medikamente) vielleicht erst die Kraft gegeben hat, eine Affäre zu starten.
Ich bemerkte damals auch eine Wesensveränderung.
Manches fiel ihm wieder leichter.

Er sagte, bei ihr fand er die Ruhe, die er brauchte. S. war eher eine Randerscheinung. Aber natürlich gerade zu Anfang durchaus der Treiber, nehme ich an.
Ich bin sicher, seine Depressionen wurden durch die Affäre in die Länge gezogen.
Er kam mit dem damit verbundenen Druck nicht klar.
Er konnte keine Entscheidungen treffen.
Lust auf S. hatte er angeblich auch bei ihr nur anfangs und dann immer weniger. Aber gut, sicher wissen kann ich das nicht. Es passt aber ins Gesamtbild.

Ich denke, es hängt mit der Schwere der Depression zusammen. Der eine kann morgens nicht aufstehen, der andere geht arbeiten und bricht danach zusammen. Zu letzteren gehörte mein Mann. Das war bereits vor der Affäre so.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem er erstmals Medikamente nahm. Er kam glücklich zu mir und erzählte mir, was er gerade alles geschafft hatte. Dabei ging es nur um ein paar Kleinigkeiten, die aber Tage zuvor nicht machbar gewesen wären für ihn.

Ob er da bereits die Affäre hatte oder kurz danach, lässt sich leider nicht mehr nachvollziehen. Es ist zu lange her.

Aber als Entschuldigung oder gar Rechtfertigung für seine Affäre hat mein Mann seine Depressionen nie herangezogen.
Wenn, dann habe eher ich das getan. Das war nach monatelangen Analysen die einzig halbwegs plausible Erklärung.

Wer Depressionen hat, fühlt nichts mehr. Mein Mann konnte nichts mehr fühlen. Die Affäre ließ ihn wieder fühlen. Deshalb dachte er auch, dass es ihm gut täte.

06.06.2022 18:29 • x 6 #4


AllesGut


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Ich hatte noch keine heimliche Affäre, dafür (diagnostiziert) schwere Depressionen. Wenn ich an mein Sleben zu dieser Zeit zurückdenke....
Zitat von maggy17:
Ganz ehrlich, wenn ich in einer depressiven Episode stecke, habe ich kaum Energie für S. und null Verlangen danach. Und S. ist ja der Hauptbestandteil einer Affäre.

Zitat von Trust_him:
Wer Depressionen hat, fühlt nichts mehr. Mein Mann konnte nichts mehr fühlen. Die Affäre ließ ihn wieder fühlen.


Genau! Ich war damals Single und sehr viel unterwegs. Es war der (mein) verzweifelte Versuch, irgendwas zu spüren. Es war auch Selbstverletzung, als würde ich außerhalb meines Körpers stehen und mich selbst bestrafen wollen. Ja, ich denke, dass ganz sicher Depression mit Affäre zusammengeht.

06.06.2022 18:49 • x 4 #5


SonnenschWein


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Wer Depressionen hat, fühlt nichts mehr finde ich auch sehr treffend.

Ich denke, bei meinem NM war es ein Faktor der Trennung.
Er hat schon immer depressive Tendenzen gehabt. Hat aber immer abgelehnt in Behandlung zu gehen, denn er ist ja nicht krank...

Er hatte aber auch oft das Gefühl der Wertlosigkeit, der verlorenen Lebensfreude, konnte sich nicht aufraffen, etwas für sich selbst zu tun und wurde immer unzufriedener.
Tja, und dann kam da eine Frau dahermarschiert, die ihn plötzlich aufleben ließ und er dachte, er hätte endlich die Ursache für all seine schlechten Gefühle und Probleme gefunden: Mich.
Denn ich konnte ihm ja scheinbar nicht das geben, was sie konnte.

Mal gucken, wie lange er braucht, um zu erkennen, dass auch sie ihm das auf Dauer nicht geben kann. Das Problem liegt ganz woanders.

06.06.2022 19:52 • x 3 #6


maggy17


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Beim Lesen eurer Berichte läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Was für eine schlimme Erkrankung.

06.06.2022 20:35 • x 1 #7


Trust_him


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Zitat von maggy17:
Beim Lesen eurer Berichte läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Was für eine schlimme Erkrankung.

Wenn du selbst depressiv bist, solltest du doch wissen, wie schlimm diese Erkrankung ist.

07.06.2022 07:34 • #8


Tin_


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Zitat von Trust_him:
Wer Depressionen hat, fühlt nichts mehr finde ich auch sehr treffend.

Und darum halte ich den Satz nicht für treffend. Ich kenne KEINEN depressiven Menschen, der NICHTS fühlt - aber den Satz höre ich öfter.
Ich halte ihn für falsch, denn:
Zitat von SonnenschWein:
Er hatte aber auch oft das Gefühl der Wertlosigkeit, der verlorenen Lebensfreude, konnte sich nicht aufraffen, etwas für sich selbst zu tun und wurde immer unzufriedener.

Das sind Gefühle: Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, Scham, Traurigkeit und Wehmut, usw.

Meine Erfahrung mit Affären und Partnerschaften gleichermaßen: Dieses Hochgefühl, dieser Hormonrausch, das Gefühl des Lebens kann wie ein natürliches Antidepressivum wirken. Meine damalige Partnerin war stark depressiv - was ich die ersten 2-3 Jahre nicht mitbekommen habe. Wenn wir zusammen waren, war sie die lebensfroh und glücklich. Später erst kam die Depression zu Tage, die mich leider auch angesteckt hat - ohne ihr auch nur einen Hauch Vorwurf daraus machen zu wollen.
Ich war einfach blind und unerfahren.

Was meine Affäre angeht:
Ich habe damals das Gefühl des Lebens bekommen. Rückblickend war ich gierig darauf, dieses Gefühl zu leben und habe es aufgesaugt. Wenn ich bei meiner Affäre war, war es wie Urlaub von meinem Leben - die Lasten meines Lebens haben mich damals erdrückt und krank gemacht.

Was ich noch sagen möchte: Als ich damals ADs nahm (und wir haben bei der Einstellung 3-4 Präparate ausprobiert), hatte ich tatsächlich keine Lust auf S.. Alle haben sie meine Libido extrem gedrückt, eines hat sogar noch zu mechanischen, männlichen Problemen geführt, wenn ihr wisst, was ich meine. Gerade das hat NOCHMAL einen oben drauf gesetzt, dass ich mich noch beschissener und wertloser gefühlt habe. Glücklicherweise ging das mit einem Päparatswechsel wieder weg.

Zitat von Trust_him:
Er sagte, bei ihr fand er die Ruhe, die er brauchte. S. war eher eine Randerscheinung. Aber natürlich gerade zu Anfang durchaus der Treiber, nehme ich an.

Kann ich so absolut bestätigen und unterschreiben.

07.06.2022 07:57 • x 1 #9


Tim28

Tim28


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Zitat von maggy17:
Ganz ehrlich, wenn ich in einer depressiven Episode stecke, habe ich kaum Energie für S. und null Verlangen danach.


Das geht mir genauso. Ich habe in einem Tief überhaupt kein Interesse an meinem Umfeld und schon gar nicht daran jemand neuen kennenzulernen.

Aber eine Depression hat viele Gesichter. Es gibt wohl keine wirkliche Norm.
Deshalb möchte ich auch nicht sagen, dass es bei anderen nicht anders sein könnte.

07.06.2022 08:23 • #10


Tin_


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Zitat von Tim28:
Ich habe in einem Tief überhaupt kein Interesse an meinem Umfeld und schon gar nicht daran jemand neuen kennenzulernen.

Ist dir das schon einmal passiert, dass dann obwohl du kein Interesse an einem Kennenlernen neuer Menschen hattest, jemand in dein Leben getreten ist? Bei mir war es so. Sie hat zugehört, mir das Gefühl gegeben dass ich nicht alleine bin, mich unterstützt und ich konnte mich wirklich (natürlich anfangs zögerlich aber dann immer mehr) öffnen. Die Gefühle, das Begehren, usw. kamen nach und nach. Ich fühlte mich verstanden und angekommen. Je stärker ich mich verliebte, desto heftiger war auch eben mein Verlangen nach ihr. Was allerdings auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie hat in mir mehr gesehen als ich in mir oder andere Menschen um mich herum. Wenn sie mich angeschaut hat, habe ich mich gefühlt, als sei ich der tollste Mann auf der Erde und ihr Lächeln hat mir das Gefühl gegeben, dass ich angekommen sei.

07.06.2022 08:29 • x 1 #11


maggy17


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Zitat von Trust_him:
Wenn du selbst depressiv bist, solltest du doch wissen, wie schlimm diese Erkrankung ist.

Ja, natürlich weiß ich aus eigenem Erleben, dass diese Krankheit schlimm ist. Wenn man aber selbst mittendrin steckt, vor allem vor der Diagnose, denkt man die eigene Gefühlswelt sei so, wie man sie wahrnimmt, normal.
Ich habe immer gedacht, wenn dies oder das anders wäre in meinem Leben, wenn meine MS nicht wäre, wenn mein Mann anders wäre, wenn es bestimmte familiäre Querelen nicht gegeben hätte, wenn ich nicht so komische Haare hätte, wenn ich dies oder das anders hätte an meinem Körper, dann würde ich mich auch besser fühlen. Das war eigentlich mein ganzes Leben lang schon so und steigerte sich kontinuierlich im Lauf der Jahre, bis zu meinem Zusammenbruch.

Als ich dann die Diagnose chronische Depression bekam, war es fast eine Erleichterung. Endlich wusste ich, dass ich eigentlich nichts grundlegendes an mir selbst ändern konnte oder musste, sondern dass ich einfach eine doofe psychische Krankheit hatte. Die Medikamente, die ich heute noch nehmen muss, helfen mir, mich nicht mehr ganz so schlecht zu fühlen. Sie dämpfen mein Gedankenkarussel und geben mir sowas wie eine zusätzliche innere Schutzhülle. Ich fühle mich dadurch nicht mehr ganz so hilflos und ausgeliefert. Die Therapie, die ich gemacht habe, hat mir außerdem einige neue Impulse gegeben, wie ich bestimmte Dinge, die in meinem Leben passiert sind, auch bewerten könnte. Dadurch konnte ich mich immerhin ein bisschen entlasten.

Schlimm empfinde ich aber gerade momentan wieder meinen fehlenden inneren Antrieb. Eigentlich müsste ich viel aktiver sein, um gegen meine MS Erkrankung vorzugehen, schaffe es aber momentan kaum. Deshalb habe ich mich bei einigen Berichten hier gefragt, wie man unter diesen Gegebenheiten eine Affäre führen kann. Die benötigt doch sehr viel Energie und einen erheblichen Planungsaufwand. Sind das wirklich die Hormonausschüttungen, die da eine Art Manie hervorrufen? Oder wird auch darin klar, dass Depression eigentlich eine Modediagnose ist und dass damit so ungefähr jedes menschliche Fehlverhalten entschuldigt werden kann und darf?

07.06.2022 08:38 • x 1 #12


Trust_him


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Zitat von maggy17:
Sind das wirklich die Hormonausschüttungen, die da eine Art Manie hervorrufen?

Darauf ein klares Ja! Das ist sogar nachweisbar. Das erklärt auch, warum es nicht ewig anhält. Denn auch bei einer Affäre flachen die Hormone irgendwann ab. Dann nimmt auch die vermeintlich positive Wirkung ab.

07.06.2022 08:51 • x 1 #13


Trust_him


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Zitat von maggy17:
Oder wird auch darin klar, dass Depression eigentlich eine Modediagnose ist und dass damit so ungefähr jedes menschliche Fehlverhalten entschuldigt werden kann und darf?

Nein. Entschuldigen kann man damit gar nichts. Und eine Modeerscheinung ist es scheinbar, weil es heute ein vermehrtes Augenmerk darauf gibt.
Fakt ist, es ist eine Krankheit, die in den meisten Fällen behandelbar und in vielen Fällen heilbar ist.

Das als Modeeescheinung zu definieren, impliziert die Negierung dieser Erkrankung und darüber sollten wir nach dem heutigen Stand der Medizin lange hinweg sein!

07.06.2022 08:55 • #14


maggy17


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Zitat von Trust_him:
Nein. Entschuldigen kann man damit gar nichts.

Dazu noch eine Frage. Fiel es dir aufgrund der Diagnose Depression leichter, deinem Mann zu verzeihen? Oder anders formuliert, wäre es dir ohne das möglich gewesen, eine Ehe 2.0 mit deinem Mann zu führen?

Entschuldige bitte, wenn ich dabei zu weit gehe. Du musst natürlich nicht antworten, wenn du nicht willst.

07.06.2022 09:03 • #15



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