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Machen Depressionen anfällig für Affären?

Jetti

Jetti


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Zitat von Tin_:
Wie du siehst, habe ich geantwortet. Ich konnte lange nicht so gut darüber reden

Danke, dass Du uns hier davon erzählt hast.

Zitat von Tin_:
Aber nein, ich schaue nicht mit Wehmut zurück. Eher mit einem Lächeln, dass ich sowas erleben durfte

Das klingt gut. Gerade auch, weil Du offenbart hast, wie schwierig die Zeit unmittelbar nach ihr war.

Ich hoffe, auch eines Tages an diesen Punkt zu kommen.

08.06.2022 01:23 • #61


Tin_


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Zitat von Jetti:
Danke, dass Du uns hier davon erzählt hast.

Gerne. Es wäre schlimm, wenn ich darüber nicht reden könnte.
Wenn ich Frauen kennenlerne und man über die Vergangenheit redet, dann ist das eben auch ein sehr prägender Teil von mir, den ich nicht verschweigen möchte. Ich bin ein offener Mensch, möchte mit offenen Karten spielen und es braucht auch die ein oder andere Erklärung, warum ich bin, wie ich bin. Als Beispiel: Ich habe keine Ahnung, wie man richtig einen Urlaub plant! Ich habe fast 10 Jahre mit einer Angsterkrankung zu kämpfen gehabt. Da war an wegfliegen nicht zu denken. Dementsprechend habe ich da Defizite. Aber ich versuche es zu lernen. Eine Frau danach war sehr reisebegeistert und empfand es als unmännlich, dass ich da der der passive und lernende Part war und nicht der Macher.

Was hat der Tin letzte Woche gemacht? Erstmal einen ordentlichen Koffer gekauft und gestern war ich los, alles in Reisegrößen zu besorgen, damit ich meinen Kulturbeutel nicht immer neu packen muss. Deo, Haarstuff, Eau de Toilette usw. in kleinen handlichen Größen, die auch im Flieger zugelassen sind.
Für einige wohl normal, ich lerne da eben und befrage auch mal das Internet.

Auch emotional war ich nach dem stationären Aufenthalt und teils heute noch ein wenig tapsig unterwegs. Früher hat nur meine Ratio gottgleich über allem gestanden, Emotionen gab es eher in männlicher Sicht. Also die Emotionen, die Jungs in der Erziehung oft zugestanden werden: beispielsweise Wut und Aggression. Deswegen sind Ratio und Bauch bei mir auch so emotional auseinandergelaufen. Gar keine Synchronität mehr und das hat sich dann eben in meiner Angststörung etabliert. Hirn hat zu Bauch immer gesagt: Klappe zu da unten. Ein wenig wie bei Otto und den Dialogen zwischen den Organen. xD

Allerdings ist das nicht immer leicht. Frauen, die ich kennenlerne neigen dann dazu zu glauben, dass ich über meine damalige Affäre nicht hinweg wäre und sie weiterhin idealisiere und Gefühle für sie habe. Hier gingen ja auch einige Nachfragen in die Richtung. Ich denke mir dann immer: Wenn es so wäre, warum sollte ich dir dann davon erzählen?! Wie bekloppt wäre ich? Aber selbst einige Frauen, die mir geglaubt haben, setzte sich wohl in Konkurrenz zu meiner Affäre damals - nicht zu vergessen, dass man auch als Fremdgänger und Schwein angesehen wird, denn man hatte ja eine Affäre! Ist mir völlig gleich, wie andere das nennen oder mich sehen - für mich war das damals Liebe, wirkliche Liebe.
Wer nicht in meinen Schuhe gelaufen ist, der soll einfach klug sein und mit der Aburteilung bei sich bleiben. Aber so trennt sich auch die Spreu vom Weizen. Menschen, die das nicht verstehen können, die möchte ich auch nicht um mich haben.
Ich erwarte keinen Beifall dafür, nicht mal wirkliches Verständnis. Eher mal einen Blick auf den eigenen moralischen Kompass, der NATÜRLICH unanfechtbar korrekt ist, mich aber dafür dann aburteilt, was ich getan habe.
Ich weiss, was ich getan habe und warum. Ich glaube, ich habe lange genug dafür gebüßt und meine Lektion gelernt. Dafür brauche ich keine anderen Menschen, die mit ihre Moralvorstellungen ungefragt aufdrängen.

Zitat von Jetti:
Ich hoffe, auch eines Tages an diesen Punkt zu kommen.

Ich glaube, jeder Mensch kann mit jedem Tag eine Änderung herbeiführen. Die Frage ist nicht, ob du das kannst. Die Frage ist, wie sehr du es willst und wovor du Angst hast.

08.06.2022 07:37 • x 4 #62



Machen Depressionen anfällig für Affären?

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Jetti

Jetti


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960
Zitat von Tin_:
Die Frage ist, wie sehr du es willst und wovor du Angst hast.

Wahrscheinlich irgendwie davor, in diesem Leben nicht bestehen zu können.

Ich finde es bewundernswert, wie offen Du hier schreibst. Andere natürlich auch.
Und dass es möglich ist zu sagen: Ja, ich hatte/habe eine psychische Erkrankung.

Bei mir war es vor einigen Jahren so, dass ich riesige Angst hatte, durch mich könne etwas
Schlimmes passieren. Ein anderer Mensch körperlich zu Schaden kommen, möglicherweise sogar sterben.
Aus Unachtsamkeit oder Unüberlegtheit meinerseits. Nicht einmal unmittelbar, sondern
sogar indem etwas nur durch mein Zutun ausgelöst würde. Etwas Unbedeutendes am Anfang
einer tragischen Kette. Ich habe mich komplett zurückgezogen, und diese Angst äußerte sich
auch in ein physischen Komponente. Die Akutphase dauerte mehrere Monate, für 5 Wochen
war ich dann in einer Tagesklinik. Danach wurde es langsam aber stetig besser.
Von dieser extremen Angst bin ich heute frei, gehe aber trotzdem vorsichtig durchs Leben.

Zitat von Tin_:
Es wäre schlimm, wenn ich darüber nicht reden könnte.

Ich musste es lernen, und lerne es noch. Nicht nur in einer Therapie zu sprechen (was mir anfangs auch enorm schwer fiel, weil ich mich für manches schämte), sondern auch mit den Menschen in meinem Umfeld.
Dieses Forum hat mir sehr dabei geholfen.

Leider kann ich grad nicht viel mehr schreiben, die Arbeit wartet. Vielleicht komme ich später nochmal auf den ein oder anderen Aspekt aus Deinen Beiträgen zurück.

08.06.2022 08:36 • x 5 #63


AllesGut


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Zitat von Jetti:
Ich musste es lernen, und lerne es noch. Nicht nur in einer Therapie zu sprechen (was mir anfangs auch enorm schwer fiel, weil ich mich für manches schämte), sondern auch mit den Menschen in meinem Umfeld.


Ich kann das nur sehr begrenzt, selbst in einer Therapie. Daher ist bisher auch jede gescheitert bzw. habe ich früher oder später abgebrochen. Für die Aktutphase hat es sehr geholfen, langfristig nicht.

08.06.2022 08:47 • x 1 #64


Tin_


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Zitat von Jetti:
Wahrscheinlich irgendwie davor, in diesem Leben nicht bestehen zu können.

Was ist das Leben für dich und warum musst du bestehen? Es hört sich nach fremden Ansprüchen an, die du offensichtlich als Maßstab siehst.
Zitat von Jetti:
Ich finde es bewundernswert, wie offen Du hier schreibst. Andere natürlich auch.
Und dass es möglich ist zu sagen: Ja, ich hatte/habe eine psychische Erkrankung.

Bei mir ging es fast zeitgleich mit dem Freitod von Robert Enke einher, dass die Angst übernahm. Damals dachte ich, ich könne mich öffnen und mit nahestehenden Menschen darüber reden. Damals war es noch ein Stigma, eine psychische Erkrankung zu haben. Als dann die Bundesregierung diese Aufklärungskampagne startete, sein Suizid durch alle Medien ging dachte ich wirklich es wird besser. Leider ist es nur begrenzt besser geworden. Sicherlich helfen (und hier sind sie mal gut) auch die sozialen Medien dabei, da sich dann doch mal der ein oder andere Promi outet und über seine Probleme spricht. Auch der Zuspruch der Masse dann sagt mir, dass es doch viele Menschen gibt, die denken und mitfühlen können.
Meine erste Erfahrung, nachdem ich mich einem Freund geöffnet habe, was in mir vorgeht: Stell dich nicht so an, sowas haben nur Frauen, du Pu$$y. Tjoar... war nicht so gut. Aber vielleicht ist es auch mitunter diese Erfahrung, dass ich darüber frei rede. Lange habe ich es als Makel gesehen, aber davon bin ich seit ein paar Jahren weg. Mittlerweile sehe ich es eher als Bereicherung an, das erlebt zu haben (klar, im Nachhinein kann man das so sehen, nicht wenn es akut ist). Es hat aus mir einen anderen Menschen gemacht. Ich bin sehr viel achtsamer mit mir, ich habe Zugang zu meinen Gefühlen gefunden und schäme mich nicht mehr über vermeintliche Schwächen zu sprechen. Das bin eben ich - es gehört zu mir, es macht mich zu dem Menschen, der ich bin. Wer damit ein Problem hat, mich in Schubladen stecken will, die er hat und braucht: Viel Spass - und Tschüss! Mit solchen Menschen will ich nichts zu tun haben und sie werden wohl nicht verstehen können, was das alles bedeutet.

Zitat von Jetti:
Bei mir war es vor einigen Jahren so, dass ich riesige Angst hatte, durch mich könne etwas
Schlimmes passieren. Ein anderer Mensch körperlich zu Schaden kommen, möglicherweise sogar sterben.
Aus Unachtsamkeit oder Unüberlegtheit meinerseits. Nicht einmal unmittelbar, sondern
sogar indem etwas nur durch mein Zutun ausgelöst würde. Etwas Unbedeutendes am Anfang
einer tragischen Kette.

Ich hatte in meinem alten Job eine solche Verantwortung und dachte immer, ich müsse sie tragen. Wir sind alles Menschen, wir machen Fehler. Aber in den seltensten Fällen kommt ein anderer Mensch dadurch wirklich zu schaden. Du triffst am Tage hunderte Entscheidungen, fast alle sind nicht weitreichend folgenbehaftet.
Schau auf die 99 roten Tomaten in einer Kiste und nicht auf die Eine grüne. Klar fällt sie auf, weil sie anders ist. Aber ist das die Masse? Macht es die Tomatenkiste weniger wertvoll oder schmackhaft? Ich weiss, dass es nicht einfach ist den Fokus zu ändern.
Und auch wenn diese eine Tomate den Geschmack der Sauce, die du daraus machst minimal beeinflusst - die Sauce bleibt weiterhin schmackhaft. Es geht um den Fokus und die Perspektive.
Zitat von Jetti:
Von dieser extremen Angst bin ich heute frei, gehe aber trotzdem vorsichtig durchs Leben.

Wie äußert sich das? Machst du auch mal was verrücktes? Und wenn die Frage gestattet ist: Lebst du, wenn du vorsichtig durchs Leben gehst? Hört sich für mich leider sehr nach Vermeidungsverhalten an.
Zitat von Jetti:
Ich musste es lernen, und lerne es noch. Nicht nur in einer Therapie zu sprechen (was mir anfangs auch enorm schwer fiel, weil ich mich für manches schämte), sondern auch mit den Menschen in meinem Umfeld.

Gegenfrage: Was kann dir Schlimmes passieren, wenn du einem Menschen davon erzählst, der dir wohlgesonnen ist? Du kannst eine Erfahrung wie ich machen - dann weißt du, dass der Mensch kacke ist und nicht in dein Leben gehört. Wovor hast du da Angst? Ich habe bis auf diese eine Erfahrung wirklich fast ausschließlich tolle Erfahrungen gemacht, wenn ich von meiner Geschichte erzählt habe. Es war auf der anderen Seite sehr viel Neugier dabei, Interesse natürlich. Aber selten eine Verurteilung oder Ablehnung. Und die, die es getan haben - na und? Solche Menschen möchte ich nicht in meinem Leben, denn ihnen fehlt da einfach etwas, was ich aber an Menschen mag und brauche, wenn ich mit ihnen interagieren möchte.
Zitat von Jetti:
Dieses Forum hat mir sehr dabei geholfen.

.... und mitunter deswegen bin ich hier auch sehr offen diesbezüglich... Weil ich denke, dass ich Menschen damit helfen kann, wenn ich meine Geschichte erzähle. Deine Probleme sind kein Makel - sie sind eine Chance, sie sind Teil deiner Persönlichkeit und deines Wesens.
Manchmal denke ich auch, dass man sie als Lektion sehen kann, an denen man wächst.

08.06.2022 10:17 • x 2 #65


maggy17


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Ja, der offene Umgang mit psychischen Erkrankung war und ist in meiner Generation leider noch nicht gegeben. Manche meiner Bekannten halten meine Depressionen für eine Ausrede, um mich dann und wann zurück ziehen zu können. Andere glauben mir schlicht und ergreifend nicht. Ich versuche ja, meinen Alltag und auch unsere sozialen Kontakte trotz MS und Depression möglichst normal weiter zu gestalten. Jedoch nötigt mir das immer mehr Kraft ab. Die Energie, die ich dafür aufwenden muss, bleibt meinem Umfeld allerdings verborgen und so vergessen sie manchmal meine Erkrankungen bzw. halten sie für Schwindel. Sogar meinen Mann muss ich gelegentlich daran erinnern. Er ist ja wirklich lieb und zieht sich oft genug mit mir gemeinsam zurück, weil er mich nicht allein lassen will. Er versteht aber meistens nicht, dass sogar er mich in manchen Situationen überfordert. Wie ich damit umgehen soll, weiß ich noch nicht so genau. Bald steht seine Rente an und mir graut es ein bisschen davor, ihn den ganzen Tag um mich zu haben. Versteht mich nicht falsch, er ist wirklich ein toller Ehemann und ich liebe ihn sehr. Aber ich fühle mich dann dafür verantwortlich, dass er trotzdem noch sein Leben lebt.

Er hat sich mir ja schon sehr angepasst, geht nicht mehr zum Sport und ist nach Treffen mit seinen Freunden meist schon nach ein oder zwei Stunden zurück. Immer dann, wenn ich es mir gerade mit meinem Laptop auf dem Sofa gemütlich machen will, steht er wieder auf der Matte. Es ist nicht so, dass er mich stört aber ich habe eben ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn doch sehr einschränke. Bei der Familienfeier wich er mir z.B. nicht von der Seite und forderte mich sogar zum Tanzen auf. Dabei weiß er, dass ich daran aufgrund meiner motorischen Schwierigkeiten keine Freude mehr habe. Früher war ich mal eine sehr gute Standardtänzerin. Die Zeiten sind aber lange vorbei.

Nun ja, wie auch immer, wir werden das schon irgendwie gemeinsam durchstehen. Ich muss ja auch aufgrund der Depression sehr aufpassen, mich nicht zu überfordern. Da ist wohl noch einmal ein offenes Gespräch fällig. Wie auch immer, eine Affäre könnte ich mir unter den o.g. Umständen überhaupt nicht vorstellen. Aber als junge Frau war ich doch das eine oder andere mal fremd verliebt. Das hat mich immer sehr irritiert und zum Glück kamen vom Gegenüber niemals irgendwelche Angebote. Die haben das wahrscheinlich gar nicht kapiert. Im Flirten war ich immer schon eine Niete. Eine Zeit lang fand ich das Schade, dass ich nicht so viele Beziehungs- und - ja - auch S. Erfahrungen in meinem Leben gemacht habe. Heute bin ich aber fast froh darum. Da ist mir ja wirklich was erspart geblieben.

Einmal aber bin ich einem Menschen begegnet, den ich ebenfalls als Kryptonit-Mann bezeichnen würde. Das ist aber jetzt schon lange her. Ich denke noch ab un zu gerne an ihn aber auch da bin ich froh, dass aus uns nicht mehr geworden ist. Wir hätten nicht zusammen gepasst. Ich denke, es gibt wohl ab und zu diese Menschen, die sofort das ganze Herz ausfüllen. D.h. aber nicht, dass sie auch ins Leben passen. Zum Glück ist mit meinem Mann beides gegeben.

So, nun muss ich mich mal wieder ausruhen. Ich wünsche euch noch einen guten, gewinnbringende Austausch hier.

08.06.2022 14:18 • #66


Jetti

Jetti


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Zitat von Tin_:
Wie äußert sich das? Machst du auch mal was verrücktes? Und wenn die Frage gestattet ist: Lebst du, wenn du vorsichtig durchs Leben gehst? Hört sich für mich leider sehr nach Vermeidungsverhalten an.


Ja, die Frage ist gestattet.


Stimmt, ich versuche oft, nicht anzuecken, Konflikte zu vermeiden und möglichst wenig Fehler zu machen.


Das bedeutet, dass ich sehr viel nachdenke und mich auch mit Entscheidungen schwer tue. Perfektion obendrauf, und Aufregung, wenn es auf mich ankommt. Mir wurde auch schon mal gesagt, dass ich mich sehr oft entschuldige.


Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, kann ich mit einigen Dingen nicht abschließen, mache mir deshalb immer noch Vorwürfe, und quäle mich damit.





Etwas Verrücktes tun, das ist gar nicht mal so kompliziert. Im Sinne einer mutigen Aktion, obwohl ich grad kein aktuelles Beispiel nennen kann. Um mich selbst habe ich ja keine Angst.


Verrückt für mich wäre, nicht nachzudenken, mich auf meine (nicht vorhandene) Spontanität zu verlassen, nichts vorzubereiten, Dinge mal sein zu lassen und eben nicht mehr zu verbessern.....




Wenn ich das so schreibe und nochmal lese, ist mir schon bewusst, wie kompliziert ich bin. Das will zu Recht niemand. Ich war und bin nicht stark genug, und dafür trage ich selbst die Verantwortung.





Klar, ich bin dabei, Dinge zu ändern, den Fokus neu auszurichten, mich nicht nur auf meine Schwächen zu konzentrieren. Es ist ein sehr langsamer Prozess. Ich kann etwas ändern, in begrenztem Maße, aber sicher werde ich kein grundsätzlich anderer Mensch mehr werden.




Zitat von Tin_:
Gegenfrage: Was kann dir Schlimmes passieren, wenn du einem Menschen davon erzählst, der dir wohlgesonnen ist?


Es war wohl meist die Angst, mich verletzbar bzw. angreifbar zu machen. Selbst bei Menschen, die mir nahestehen.



Ich schaffe es auch nur schwer, mich von Leuten zu distanzieren, die mir nicht gut tun oder mit Unverständnis reagieren. Sie gehören ja teilweise sogar zu meiner weiteren Familie oder meinem Umfeld. Immerhin bin ich soweit, auszusprechen, wenn ich ihre Einstellung überdenkenswert finde.

08.06.2022 23:30 • x 2 #67


Tin_


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Zitat von Jetti:
Wenn ich das so schreibe und nochmal lese, ist mir schon bewusst, wie kompliziert ich bin. Das will zu Recht niemand.

Sagt wer? Eigentlich nur ein Mensch hier: Du. Ich empfinde dich nicht als kompliziert von dem, was ich bisher von dir kenne. Kannst du in andere Menschen reinschauen, was sie von sich denken und wie sie zu sich selbst sind? Du weisst doch gar nicht, wie andere Menschen in sich wirklich ticken und dementsprechend ist das nur eine Vermutung. Diese nimmst du als Grundlage dich dann damit zu vergleichen. Nichts anderes hast du gerade getan, wenn du sagst, dass du kompliziert bist. Also: Im Gegensatz zu WAS und WEM genau?
Zitat von Jetti:
Ich war und bin nicht stark genug, und dafür trage ich selbst die Verantwortung.

Kannst du das vielleicht weiter ausführen? Ich möchte dir aber auch nicht zu nahe treten.
Zitat von Jetti:
Es war wohl meist die Angst, mich verletzbar bzw. angreifbar zu machen. Selbst bei Menschen, die mir nahestehen.

Das sehe ich heute ganz anders, kann den Gedankengang aber völlig nachvollziehen, da ich diesen Grundgedanken auch lange hatte. Ich kenne heute andere Menschen. Wenn ich mit denen rede, dann weiss ich, dass meine Gefühlswelt und meine Gedanken ernstgenommen werden. Sicherlich macht mich das irgendwo angreifbar und verletzlich. Na und? Diese Menschen würde genau das nicht tun. Wenn Menschen das tun auch bei dir (kam es mal dazu?) dann sagt das sehr viel mehr über sie aus, statt über dich. Das gehört für mich übrigens zu einem Selbstreflektierten Bild von sich: Seine Gedanken und Gefühle zu kennen und sie formulieren zu können. Als allererstes erstmal vor sich selbst. Kannst du das?

08.06.2022 23:44 • x 1 #68


Jetti

Jetti


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Zitat von Tin_:
Nichts anderes hast du gerade getan, wenn du sagst, dass du kompliziert bist. Also: Im Gegensatz zu WAS und WEM genau?

Da muss ich gar nicht so weit schauen. Ich habe eine Zwillingsschwester, und durch ihr Leben zieht sich ein roter Faden von Punkt zu Punkt. Okay, vielleicht nicht immer schnurgerade, mal hängt er auch durch aber sie ist ihren Weg gegangen. Mein Faden ist ein Knäul mit teilweise unentwirrbaren Knoten. Und ja, ich mache es mir oft selbst schwer8, aber komme davon auch schlecht los. Meine Schwester ist da viel lockerer drauf, und eben unkompliziert.

Zitat von Tin_:
Seine Gedanken und Gefühle zu kennen und sie formulieren zu können. Als allererstes erstmal vor sich selbst. Kannst du das?

Ja, inzwischen kann ich das.
Mit Gefühlen war das immer so eine Sache, damit musste ich mich erst auseinandersetzen. Irgendwann mal in der ambulanten Therapie im Rahmen dieser Ängste, fragte mich die Therapeutin, was ich in einer bestimmten Situation gefühlt hatte. Ich fing an mit den Worten: Ich dachte..., und sofort unterbrach sie mich, denn sie hatte nach dem Gefühl gefragt. Ich konnte es nicht benennen. Und allen Ernstes habe ich zu Hause dann mal gegoogelt, WAS alles zu den Gefühlen gehört, um mein Empfindungen noch genauer formulieren zu können. Auch jenseits der Grundgefühle wie Angst oder Freude. Ich lernte, dass es wertende Gefühle gibt, und ebenso, dass die Gedanken die Gefühle beeinflussen. All das hatte ich zwar schon erlebt, aber mir nie die Zusammenhänge bewusst gemacht. Um da gegebenenfalls auch anzusetzen mit Veränderungen. Trotzdem gelingt es mir nur sehr begrenzt, negative Gedanken in den Griff zu bekommen. Die Gedanken soll man steuern, die Gefühle zulassen, und das empfinde ich oft als unglaublich anstrengend.

Zitat von Tin_:
Kannst du das vielleicht weiter ausführen? Ich möchte dir aber auch nicht zu nahe treten.

Schon immer fiel es mir schwer, Entscheidungen zu treffen. Und manchmal war ich heilfroh, wenn das Leben mir eine Entscheidung abgenommen hat. Ich war feige, unsicher und hatte Angst, Fehler zu machen. Die Verantwortung für das, was ich getan, und vor allem dafür, was ich nicht getan habe, liegt allein bei mir. Viel, viel eher hätte ich darauf schauen müssen, und mir diese Dinge bewusst machen. Nun kreise ich darum, verstehen zu wollen, warum ich so gewesen bin und komme auf keinen grünem Zweig.
Mit stark sein, meine ich auch, zu akzeptieren, was gewesen ist. Trotzdem Vertrauen in das Leben zu haben. Und in mich. Aber das ist eben nicht der Fall.

PS: In diesem Thread nehme ich momentan viel Raum ein, und bitte daher um Rückmeldung, wenn das nicht okay ist.

09.06.2022 17:27 • #69


Trust_him


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Zitat von maggy17:
Aber ich fühle mich dann dafür verantwortlich, dass er trotzdem noch sein Leben lebt

Dafür ist er verantwortlich. Ich habe mich damals auch um mein Seelenheil gekümmert, um die Distanz zuhause aushalten zu können. Ich war damals viel ohne meinen Mann unterwegs. Wer einen depressiven Partner zuhause hat, muss sich lebensfrohe Ausgleiche schaffen, um nicht selbst im Sumpf zu versinken. Aber ich hätte das alles lieber mit meinem Mann gemacht. Vielleicht geht es deinem Mann ähnlich. Er möchte seinen Spaß und seine Lebensfreude mit dir teilen und es macht ihn traurig, dass du in deiner Depression dies nicht kannst. Seinen geliebten Partner leiden zu sehen, ist einfach schwer.
Zitat von maggy17:
Bei der Familienfeier wich er mir z.B. nicht von der Seite und forderte mich sogar zum Tanzen auf.

Das war angesichts deiner MS zwar ziemlich ungeschickt von ihm, aber vielleicht war die Idee dahinter ja, dir einen Moment etwas Auszeit und Kraft zu geben.
Vielleicht wollte er dich kurz aus einer Situation holen, von der er sah, dass sie dich anstrengte. Als Partner eines depressiven Menschen, lernt man automatisch seinen Partner zu lesen. Jeder Gesichtsausdruck wird registriert. Und ich zumindest habe damals Taktiken entwickelt, darauf zu reagieren.
Zitat von maggy17:
diese Menschen, die sofort das ganze Herz ausfüllen. D.h. aber nicht, dass sie auch ins Leben passen.

Davon hatte ich in meinem Leben genau 4....mit einem davon bin ich heute verheiratet.
Von den 4 passten 2 zur damaligen Zeit in mein Leben, bis sie es nicht mehr taten.
Der dritte hätte vielleicht in mein Leben gepasst, aber ich damals nicht so recht in seins.
Na und der 4. - mein Mann - passte und passt immer in mein Leben, nur ich passte zeitweise nicht in seins - bzw. er glaubte damals, unser gemeinsames Leben sei nicht mehr richtig für ihn und er nicht richtig für es.

Depressionen lassen dich leider alles in deinem Leben in Frage stellen - auch die guten Dinge, da du sie nicht mehr erkennen kannst.
Das macht wahrscheinlich dann auch anfällig für Affären.
Denn wenn alles, was man hat, schlecht ist, sucht man vielleicht eher im Außen nach einem Ausweg.
Und wenn man für die Gefühle anderer verschlossen ist, weil man zu sehr in sich selbst versunken ist, kann man vielleicht auch die mit einem Betrug verbundenen Konsequenzen nicht sehen oder blendet sie aus.
So wie man seine eigenen Gefühle auch phasenweise ausblendet bzw. nur noch das Gefühl tiefer Traurigkeit kennt.

14.06.2022 07:43 • x 1 #70


Lancelot

Lancelot


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Herzpartner, S., Freund, Alltagspartner, Kumpel, Vater/Mutter der Kinder usw. usw. in einer Person über Jahrzehnte ist einfach UNMÖGLICH. GIBT ES NICHT.

14.06.2022 16:05 • #71


Trust_him


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Zitat von Lancelot:
Herzpartner, S., Freund, Alltagspartner, Kumpel, Vater/Mutter der Kinder usw. usw. in einer Person über Jahrzehnte ist einfach ...

Es mag sein, dass es das nur selten gibt, aber für mich war und ist das alles mein Mann....seit mehr als 2 Jahrzehnten bislang...

15.06.2022 07:45 • #72


Essa


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Zitat von Tin_:
Gerne. Es wäre schlimm, wenn ich darüber nicht reden könnte. Wenn ich Frauen kennenlerne und man über die Vergangenheit redet, dann ist das ...

Dieser beitrag ist sehr gut!

Ich breche es für mich teilweise noch mehr auf basics herunter.

Wenn es mir nicht gut geht, neige ich ganz generell dazu eine gewohnte verhatensweise zu wählen, welche eine möglichst hohe wenn auch meist sehr kurzfristige besserung der gefühlslage verspricht.
Das belohnungssysten schlägt zu. Das kann S., sebstbefriedigung, nikotin, eine beruhigungstablette oder was anderes sein.

Was mir auffällt: wenn es mir gut geht kann ich besser zwischen den langfristigen und kurzfristigen konsequenzen einer handlung differenzieren. Das heißt: ich verzichte auf die kurzfristige belohnung für das langfristige wohl.

Aber ein sehr schwieriges thema.

15.06.2022 11:04 • #73


maggy17


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Entschuldigt, ich habe länger nicht geschrieben. Ich bin im Krankenhaus. Leider wird alles immer schwieriger. Ich melde mich, wenn es wieder aufwärts geht.

17.06.2022 17:19 • #74


Jetti

Jetti


679
960
@maggy17
Gute Besserung wünsche ich Dir!

18.06.2022 23:58 • #75



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