Zitat von Jetti: Wahrscheinlich irgendwie davor, in diesem Leben nicht bestehen zu können.
Was ist "das Leben" für dich und warum musst du "bestehen"? Es hört sich nach fremden Ansprüchen an, die du offensichtlich als Maßstab siehst.
Zitat von Jetti: Ich finde es bewundernswert, wie offen Du hier schreibst. Andere natürlich auch.
Und dass es möglich ist zu sagen: Ja, ich hatte/habe eine psychische Erkrankung.
Bei mir ging es fast zeitgleich mit dem Freitod von Robert Enke einher, dass die Angst übernahm. Damals dachte ich, ich könne mich öffnen und mit nahestehenden Menschen darüber reden. Damals war es noch ein Stigma, eine psychische Erkrankung zu haben. Als dann die Bundesregierung diese Aufklärungskampagne startete, sein Suizid durch alle Medien ging dachte ich wirklich es wird besser. Leider ist es nur begrenzt "besser" geworden. Sicherlich helfen (und hier sind sie mal gut) auch die sozialen Medien dabei, da sich dann doch mal der ein oder andere Promi outet und über seine Probleme spricht. Auch der Zuspruch der Masse dann sagt mir, dass es doch viele Menschen gibt, die denken und mitfühlen können.
Meine erste Erfahrung, nachdem ich mich einem "Freund" geöffnet habe, was in mir vorgeht: "Stell dich nicht so an, sowas haben nur Frauen, du Pu$$y". Tjoar... war nicht so gut. Aber vielleicht ist es auch mitunter diese Erfahrung, dass ich darüber frei rede. Lange habe ich es als Makel gesehen, aber davon bin ich seit ein paar Jahren weg. Mittlerweile sehe ich es eher als Bereicherung an, das erlebt zu haben (klar, im Nachhinein kann man das so sehen, nicht wenn es akut ist). Es hat aus mir einen anderen Menschen gemacht. Ich bin sehr viel achtsamer mit mir, ich habe Zugang zu meinen Gefühlen gefunden und "schäme" mich nicht mehr über vermeintliche "Schwächen" zu sprechen. Das bin eben ich - es gehört zu mir, es macht mich zu dem Menschen, der ich bin. Wer damit ein Problem hat, mich in Schubladen stecken will, die er hat und braucht: Viel Spass - und Tschüss! Mit solchen Menschen will ich nichts zu tun haben und sie werden wohl nicht verstehen können, was das alles bedeutet.
Zitat von Jetti: Bei mir war es vor einigen Jahren so, dass ich riesige Angst hatte, durch mich könne etwas
Schlimmes passieren. Ein anderer Mensch körperlich zu Schaden kommen, möglicherweise sogar sterben.
Aus Unachtsamkeit oder Unüberlegtheit meinerseits. Nicht einmal unmittelbar, sondern
sogar indem etwas nur durch mein Zutun ausgelöst würde. Etwas Unbedeutendes am Anfang
einer tragischen Kette.
Ich hatte in meinem alten Job eine solche Verantwortung und dachte immer, ich müsse sie tragen. Wir sind alles Menschen, wir machen Fehler. Aber in den seltensten Fällen kommt ein anderer Mensch dadurch wirklich zu schaden. Du triffst am Tage hunderte Entscheidungen, fast alle sind nicht weitreichend folgenbehaftet.
Schau auf die 99 roten Tomaten in einer Kiste und nicht auf die Eine grüne. Klar fällt sie auf, weil sie anders ist. Aber ist das die Masse? Macht es die Tomatenkiste weniger wertvoll oder schmackhaft? Ich weiss, dass es nicht einfach ist den Fokus zu ändern.
Und auch wenn diese eine Tomate den Geschmack der Sauce, die du daraus machst minimal beeinflusst - die Sauce bleibt weiterhin schmackhaft.

Es geht um den Fokus und die Perspektive.
Zitat von Jetti: Von dieser extremen Angst bin ich heute frei, gehe aber trotzdem vorsichtig durchs Leben.
Wie äußert sich das? Machst du auch mal was "verrücktes"? Und wenn die Frage gestattet ist: Lebst du, wenn du vorsichtig durchs Leben gehst? Hört sich für mich leider sehr nach Vermeidungsverhalten an.
Zitat von Jetti: Ich musste es lernen, und lerne es noch. Nicht nur in einer Therapie zu sprechen (was mir anfangs auch enorm schwer fiel, weil ich mich für manches schämte), sondern auch mit den Menschen in meinem Umfeld.
Gegenfrage: Was kann dir Schlimmes passieren, wenn du einem Menschen davon erzählst, der dir wohlgesonnen ist? Du kannst eine Erfahrung wie ich machen - dann weißt du, dass der Mensch kacke ist und nicht in dein Leben gehört. Wovor hast du da Angst? Ich habe bis auf diese eine Erfahrung wirklich fast ausschließlich tolle Erfahrungen gemacht, wenn ich von meiner Geschichte erzählt habe. Es war auf der anderen Seite sehr viel Neugier dabei, Interesse natürlich. Aber selten eine Verurteilung oder Ablehnung. Und die, die es getan haben - na und? Solche Menschen möchte ich nicht in meinem Leben, denn ihnen fehlt da einfach etwas, was ich aber an Menschen mag und brauche, wenn ich mit ihnen interagieren möchte.
Zitat von Jetti: Dieses Forum hat mir sehr dabei geholfen.
.... und mitunter deswegen bin ich hier auch sehr offen diesbezüglich... Weil ich denke, dass ich Menschen damit helfen kann, wenn ich meine Geschichte erzähle. Deine Probleme sind kein Makel - sie sind eine Chance, sie sind Teil deiner Persönlichkeit und deines Wesens.
Manchmal denke ich auch, dass man sie als Lektion sehen kann, an denen man wächst.