Zitat von sonntag_morgen: Und darf ich dich noch fragen, wie lange diese "Nachreifung" in der Therapie gedauert hat und woran du gemerkt hast, dass du da quasi "aufholst"? Konntest du das in sozialen Interaktionen merken?
So viele Fragen.
Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Wenn ich jetzt schreibe, ich bin seit 13 Jahren in Therapie, kriegen ja die sich gerade Entschließenden oder Beginner einen Herzinfarkt.

Ich bin noch deshalb in Therapie, weil es mir sehr gut tut, ich hin und wieder noch auf Sachen draufkomme und eben weil diese hochkomplexe Familiengeschichte noch sehr, sehr lang angedauert hat und es an einer Stelle auch noch tut.
Alles in allem würde ich sagen, waren es in etwa 5 Jahre regelmäßiger Therapie, einmal die Woche, bis so die großen Baustellen bearbeitet waren. Davon waren die ersten drei (Jahre nicht Baustellen) die intensivsten, also so, daß ich nach der Stunde nach Haus bin und zumindest an dem Abend vielleicht auch noch die nächsten Tage extrem erschöpft war.
Und ja, ich merke das so gut wie jeden Tag, wie sehr meine Therapie mein Leben nachhaltig verändert hat. Am meisten in meinem Verhältnis zu mir selbst, es ist halt wirklich nett wenn der Schmerz und der Selbsthass aufhören, aber ganz klar auch in den Interaktionen. Ich gehe Konflikte aktiv an, ziehe gesunde Grenzen und bin mir aber auch darüber bewusst, daß man an guten Beziehungen (Freundschaft, Familie etc) arbeiten muss, denn erwachsenes Verhalten ist nicht, die ganze Zeit damit beschäftigt zu sein, von diesen Beziehungen etwas zu erwarten, sondern sie aktiv selbst zu gestalten.
Vor der Therapie war ich eigentlich immer existenziell gestresst, das ist halt die Folge davon, wenn man sich selbst immer nur im Außen wahrnimmt, sucht, spiegelt oder fühlt. Dieser Stress hat vollständig aufgehört. Ich bin mir selbst mein Zuhause. Das heißt nicht, daß alles perfekt wäre, nicht immer irgendetwas ist oder ich nie Fehler mache, aber all diese Situationen erlebe ich jetzt eher wie gesunde Menschen, mit einem Spektrum an Gefühlen, meist in Handlungsfähigkeit und auch dem Wissen this too shall pass.
Bestimmte Sachen lassen sich vielleicht nicht mehr reparieren und bei manchen Dingen, wie zB eigene Kinder, habe ich die Entscheidung getroffen, it ends with me, aber damit kann ich überwiegend gut leben.
Beantwortet das in etwa Deine Fragen?