@Lava
Liebe Lava,
wie in meinem vorigen Post geschrieben, habe ich mir die „Besonnenheit“ als Name für deinen Thread gewählt. Ich hoffe ich liege nicht falsch, aber er erschien mir passend.
@gastXYZ123 sagte in #171 zurecht, dass ihr bei eure Krise erst am Anfang seid, dass ihr Zeit braucht und wir, deine Threadteilnehmer, nicht vorschnell urteilen sollten. Auch ich habe vielleicht Vieles geschrieben, was dich eventuell abschrecken könnte und so eine innere Abwehrreaktion auslösen könnte. Eigentlich wollte ich dich nur zum Nachdenken anregen. Das will ich auch mit diesem Post tun. Ich möchte dir damit irgendwie etwas spiegeln. Du musst es nicht lesen, du kannst jederzeit damit aufhören: Ich will dir nicht zu nahe treten!
Viele von uns – du hast es sicher bemerkt – sind etwas irritiert darüber, wie du eure Krise angehst, welche Haltungen du zeigst. Ich meinte darin eine Art grundsätzliche Relativierung eurer Beziehung durch dich zu erkennen. Warum? Ich zitiere dich einfach mal...
Zitat:„Wir sahen uns dann nur noch im arbeitskontext und es war normal, hing uns nicht nach. Ich schloss schnell mit dieser Sache ab und obwohl ich ein schlechtes Gewissen hatte, beschloss ich, dass ich meinem Mann nichts davon sagen werde.“
„Wir haben uns die Frage gestellt, wie geht man mit Bedürfnissen um die der Partner nicht stillen kann?
Muss ein Partner für alles zuständig sein?
Ist es wirklich so schlimm sich das, was ihm fehlt woanders zu holen?“
„Dass es mindestens ein paar Schritte zu weit ging, nach diesem "kennen lernen" auch mit dem anderen ins Bett zu steigen, darüber müssen wir nicht diskutieren! Das ist klar! Nur wo ist zu weit?“
Vielleicht liegt mein Freiheitsdrang auch daran! Oder auch weil ich mich nicht austoben konnte, als die meisten das gemacht haben (Schwangerschaft und Baby). Keine Ahnung!
„Er sagte auch, dass er irgendwie drauf vorbereitet war, dass ich fremd gehe.... Irgendwie wusste, dass das mal passiert... Oder wollte es eben nicht wissen! Aber es hätte ihn nicht mal verwundert!“
„Aber ich denke auch, dass wir so langsam an einen Punkt kommen, an dem man gucken muss ob die Lebensvorstellungen wirklich noch zusammen passen und kompatibel sind!“
etc.
Ich weiß, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate sind mehr als bedenklich, aber ich hoffe, du kannst sehen, wie ich gerade deshalb etwas hellhörig wurde. Gerade die Nonchalance, mit der du im Eingangspost über deine „Affäre“ geschrieben hast, nachdem sie für dich ganz okay war, du geradezu locker damit abgeschlossen hast und nun einfach deinem Mann nichts sagen wolltest, hat mich und wohl auch andere irritiert. @Bond66 wird ja in #169 deutlich. Er sieht bei dir (@Bond66, bitte korrigier mich, wenn ich falsch liege) eine Lieblosigkeit und wohl auch eine Art Skrupellosigkeit, die dazu führen sollte, eure Beziehung zu beenden.
Doch ist das wirklich so? Ich habe nochmals über deine (ganzen) Posts nachgedacht und dann hatte ich den Eindruck: Nein, so pessimistisch kannst du das nicht sehen. Denn:
Zitat:„Dann beendeten wir beide die Sache, ich weil ich merkte, dass ich meinen Mann nicht hintergehen möchte/ konnte und auch, weil dieser "Ausbruch" dazu führte, dass ich wieder wusste, dass ich genau richtig war bei meinem Mann und ihn liebe.“
Wie passt das zu der von uns gespürten „Lieblosigkeit“, Nonchalance und Relativierung? (kannst du uns da eigentlich verstehen, unser Problem mit deiner Sicht nachempfinden?)
Zitat:„und hab mich irgendwie verplappert. Ich weiß selbst nicht mehr was ich genau gesagt habe, aber mein Mann sah mich durchdringend an und fragte: mit wem hattest du S.?“
Liebe Lava,
hast du dich schon einmal gefragt, warum du ausgerechnet beim Anblick deines AM ein schlechtes Gewissen bekamst, obwohl dein Mann nichts wusste? Warum hat dich die (in meinen Augen dich eher „benutzende“) Aufforderung deines AM auf dem Firmenfest und in der Mail danach so irritiert? Hast du dich schon einmal gefragt, warum um alles in der Welt du deinem Mann davon erzählt hast und weißt nicht mal mehr wie genau? Ich habe eine Vermutung: Könnte es sein, dass dich die Geschichte, dein Tun so tief betroffen macht, dass es so kommen musste? Das Unterbewusstsein ist der Ort, wo unser von uns sauber Verdrängtes lauert. Und manchmal spielt es uns einen Streich: Kann es sein, dass du es IN DIR und MIT DIR nicht mehr ausgehalten hast, dass es deshalb rausmusste?
Lava, kann es sein, dass dein Gewissen mehr schmerzt, als dir selbst lieb ist? Wenn dem so ist, dann könnte doch deine Art mit deinem Tun umzugehen auch etwas damit zu tun haben. In der Psychologie gibt es ein klassisches Modell, wie wir mit traumatisierenden Erfahrungen umgehen. Du siehst ein Beispiel gerade bei deinem Mann: Als schwer verletzter windet er sich beinahe selbstverleugnend in seiner Verlustangst. Oder? Was tun wir Menschen in einer solchen Situation als erstes? Wir verdrängen! Wir tun so, als sei nichts. Das geht eine zeitlang, manchmal lange gut. Und dann bricht es vielleicht aus, oder wir zusammen, oder: wir verplappern uns. Auch ein schlechtes Gewissen ist traumatisierend. Ist es bei dir auch so, Lava? Die weiteren Phasen des Models sind die „Intention“. Wir suchen spontan nach Lösungen („Leben wir doch einfach Alltag...“). Dann kommt die „Katharsis“, die für uns oft sehr schmerzliche bewusste Auseinandersetzung mit dem, was uns zuinnerst betrifft. Die letzte Phase, die „Metanoia“, hilft uns zu einer Überwindung. Wir können DAMIT leben. Ja, Lava, damit heißt: es ist passiert und wird bleiben. Es hat zuinnerst und existentiell verletzt. Aber wir müssen damit umgehen können, es fruchtbar machen können für unser Leben.
Ich glaube, Lava, auch du bist verletzt. du hast dich selbst verletzt (weil du deinen von dir doch geliebten Mann verletzt hast) und du möchtest es irgendwie nicht wahrhaben, oder? Und was machst du jetzt? Ist es so, dass du so tust, es dir selber einredest, es mache dir nichts aus? Willst du deshalb so weitermachen wie bisher, auch mit deinen gerade in dieser Situation kontraproduktiven Vorstellungen von Beziehung? Kommt deine Nonchalance von daher und ist dann nicht echt?
Lava, ich glaube, du umgibst dich mit schützenden Schalen, die für uns den Eindruck erwecken, du hättest noch nicht realisiert, was passiert ist, wenn du zum Beispiel irgendwie uns noch zu verstehen gibst die Sache mit den geheimen ONS ist für uns okay, ist „menschlich“ etc. Kann es sein, dass diese Sehnsucht nach eurer ursprünglichen und von dir missbrauchten Abmachung und die für dich damit verbundene Unbeschwertheit eures Beziehungslebens eine solche Schutzhülle deiner Verdrängung darstellt und du weißt: das ist vorbei und willst es irgendwie noch nicht, dass es so ist, weil du es kaputt gemacht hast, deine Gewissensberuhigung für den potentiellen Fall, dass...?
Und wie sieht es mit deinen Relativierungen aus, wenn du schreibst, du und dein Mann könnten auch ohne euch, ohne diese Beziehung glücklich werden. Glaubst du das wirklich? Willst du das wirklich?
Zitat:„Das ist für mich völliger Quatsch! Ich liebe ihn, liebe unser Leben“
Lava, du bist eine attraktive, tolle, wunderbare Frau und dein Mann ist das als solcher ebenso. Du willst doch mit ihm leben, weil du ihn liebst. Du willst doch MIT IHM und FÜR IHN glücklich sein und nicht mit durch Abenteuer mit (Pseudo-) Objekten deiner (Pseudo-) Begierde oder durch das (Pseudo-)Kribbeln eines „ersten Kennenlernens“ (ein ERSTES Kennenlernen führt wohin, Lava?). Das stimmt doch, Lava, oder?
Was ist jetzt also zu tun? Das fragst du dich ja auch: Was kann ich tun? In deinen Posts dreht sich Vieles um die Frage, wie dein Mann damit umgeht. Du schilderst, dass du damit nicht zurecht kommst, dieses für dich ambivalent-komisch-nichtnachvollziehbare Verhalten deines Mannes sogar bei dir den Bestand eurer Beziehung in Frage stellt. Wenn dein Mann in verlustängstlicher Weise dich mit „Liebe“ zuschüttet – ist es nicht recht. Wenn er schweigt, einfach aushält – ist es nicht recht. Wenn er dich anfährt, die üble Sachen an den Kopf wirft – es ist nicht recht. Jemand hat hier treffend geschrieben, dass es dir dein Mann wirklich nie recht machen kann. Ist es so, Lava? Und Warum ist es so? Kann es sein, dass du bei ihm etwas erwartest, was er dir gar nicht geben kann? Lava, er kann dir (zumindest jetzt noch) deine Last nicht abnehmen. Ich denke, du betreibst eine Projektion: Dein Mann soll nun FÜR Dich zusammen mit dir, möglichst schnell das ganze, was du getan hast (und genau das ist doch dein Problem) verarbeiten – dann ist es gut. Das kann er nicht! Das kann so nicht funktionieren. DU musst DICH DEINEM Tun SELBST stellen. (Spontan fiel mir, als du dich über die Eruption deines Mannes mit Kraftausdrücken hier beschwert hast, ein, dass du, als die Impulsive, dir das wohl innerlich irgendwie selbst an den Kopf werfen wollen würdest. Hat es dich auch deshalb so getroffen?)
Was kannst du tun? Lava, sei ehrlich vor allem zu DIR selbst. Das hilft euch beiden. Kämpfe um DEINE Liebe. „Um einen anderen zu kämpfen“, geht für mich nicht richtig, ich würde ihn zwingen. Liebe aber kann man sich nur schenken lassen und dein Mann liebt dich. Davon bin ich überzeugt. Aber du kannst deine Liebe zu ihm und zu euch pflegen und vor „Gefahren“ (du kennst sie: die in dir und die, dir von außen begegnen) kämpfend verteidigen. Das hilft euch, ihm und auch dir. Offenbare dich deinem Mann, sag ihm: Es tut mir Leid, ich will UNS nie mehr verletzen. „UNS“, Lava, ja, „UNS“, denn ich glaube ja, dass du dich eben auch sehr schwer selbst verletzt hast. Beknie ihn um professionelle Hilfe, denn die brauchst auch du. Mach ihm gerade dies klar. Lass nicht locker, kämpfe... Stell dich und Stellt euch wirklich dem, was war, sucht nach Wegen mit dieser in Frage Stellung eurer Beziehung zu leben. Verstehe und versteht das, was passiert ist, als Chance. Sei nicht fatalistisch: Wirf deine Beziehung nicht weg, weil dir der Verarbeitungsprozess zu unangenehm, zu schmerzhaft oder zu lange ist. Lebe auch deine Freiheiten, knüpfe da an, wo du „vor 11 Jahren aufgehört hast.“ Aber, Lava, diesmal besonnen. Hörst du, BESONNEN! Nur wenn du ganzheitlich glücklich bist, kannst du dieses Glück auch mit deinem Mann erfahren, ihn glücklich machen. Beweise ihm, dass er dir vertrauen kann, indem du besonnen mit dem, was dich woanders hinzieht, umgehst.
Lava, Katharsis ist schmerzhaft, Metanoia geht lange (vielleicht ein Leben lang – bei uns sind es schon über 16 (!) Jahre) ABER: Lava, es lohnt sich, glaub mir! Die „neue“ Beziehung ist bei uns – einfach „unbeschreiblich glückseligmachend“. Denn das willst du ja: Mit deinem Mann glücklich dein Leben leben, oder?
Sollte ich mit diesem langen „Spiegel“ bei dir falsch liegen, wenn du also wirklich eher die „Skrupellose“ bist, dann handle nach dem, was Bond66 gesagt hat. Denn dann hat dein Mann die Chance auf einen Neubeginn verdient mit jemand, der ihn wirklich liebt. Aber das willst du doch nicht, denn die, die ihn wirklich liebt, bist doch DU, oder, Lava?
Sophrosyne