Zitat von Liliana6: Der Grund, warum ich mich niemandem anvertrauen wollte, als die Affären aufgedeckt wurden, liegt auch in der vermuteten Reaktion meiner Mitmenschen. Vor allem, da ich nach "so was" noch mit "so einem" zusammen sein könnte.
Wer redet schon gerne darüber, wenn er betrogen wurde? Und ob Du mit "so einem" noch zusammen sein willst oder nicht, ist allein Deine Entscheidung. Die Umwelt hat darüber nicht zu befinden.
Ich finde es eher gut, wenn man versucht, die Beziehung trotzdem weiter zu führen. Denn warum alles gleich hinschmeißen im ersten Sturm der Gefühle? Außerdem kann es immer noch zur Trennung kommen, aber dann hat man es zumindest versucht.
Zitat von Liliana6: Ich habe ausschließlich auf meine innere Stimme gehört.
Die ist meistens ein guter Ratgeber. Der "Bauch" weiß oft mehr als der Verstand, das sollte man nicht unterschätzen.
Zitat von Liliana6: Meine Kindheit in den 70ern und Jugend in den 80ern war ähnlich wie bei den meisten hier auf dem Land.
Damals war das, was die Leute sagen und denken könnten, enorm wichtig. Es war oft der Gradmesser, nach dem Entscheidungen getroffen wurden. Denn man war dann auch sehr schnell "geächtet". Das kann man finden wie man will, es war aber so, dass jeder bemüht war, ein gutes Bild von sich und der eigenen Familie zu zeichnen.
Ich erinnere mich noch gut, dass in den 70iger Jahren sich die Eltern einer guten Freundin trennten. Die Mutter ging und heiratete erneut. Als ich das Wort "Scheidung" hörte, wusste ich gar nicht, worum es sich handelte. Ging das überhaupt, eine Ehe aufzulösen? Es war mir völlig fremd, obwohl ein Onkel von mir mit seinem 3jährigen Söhnchen wieder bei den Eltern einzog. Aber dass sich Angelikas Eltern trennen konnten, habe ich zunächst nicht begriffen. Und darüber wurde dann abgelästert, dass sich die Balken bogen. Tagesgespräch in unserem Vierte! Ein Wahnsinn!
Dabei habe ich Angelika immer beneidet. Sie war ein Einzelkind und hatte viele Sachen, z .B. einen Schrank voller Barbie-Klamotten. Und dann ging sie ins musische Gymnasium und lernte flugs mal zweihändig Klavier spielen. Ach, wie gerne hätte ich das auch alles gehabt, aber wie es in der Ehe aussieht, kriegt man als außenstehendes Kind gar nicht mit.
Zitat von Liliana6: Die Erkenntnis, dass mit meinen Glaubenssätzen so einiges im Argen liegt, kam bei mir erst mit den Wechseljahren, in meinen Anfang 50ern, also die letzten 5-6 Jahre.
War bei mir auch so. Dieses Alter ist offenbar eine Phase, in der viele Frauen ihr Leben nochmals auf den Prüfstand stellen und merken, wie sehr sie durch Erziehung und Umfeld geformt wurden. Eine richtig freie Entfaltung war damals ja gar nicht möglich, zumindest nicht für mich.
Zitat von Liliana6: Ich habe teilweise meine Jugend versucht nachzuholen (Partys, Alk.) und musste feststellen, dass die neuen "Freunde" keine echten Freunde sind. Es war sehr anstrengend, mich dort einzufügen, mich entsprechend zu "benehmen". Und verletzend, wenn ich dann nicht dazugehörte, nicht eingeladen oder nicht oder als Letzte gefragt wurde.
Ich fühlte mich zurück versetzt in die Jugendzeit, verstand es aber nicht wirklich. Habe es nur empfunden und gegen diese Gefühle versucht anzukämpfen. Mein Ehrgeiz, auch dazuzugehören war groß. Ich habe Dinge mitgemacht, die mich nicht interessierten, Gespräche über Themen geführt, die mich langweilten. Mit Menschen meine Zeit verbracht, die mich nicht kannten, um gemocht zu werden. Wenn ich das so schreibe, merke ich selber, wie krank und kaputt mein Innenleben war.
Ich hatte auch mal eine Phase, in der ich den Sport fand. Als Blitzableiter, aber ich merkte, wie gut es mir tat, mich bei Aerobic und Co. zur Musik auszupowern. Ich hatte inwendig eine große Wut (auf wen oder was, hätte ich nicht sagen können) in mir und da war dieser Sport, in dem dann auch Fortschritte erzielte, genau richtig für mich. Die Gedanken nur bei der Schrittfolge, den Anweisungen der Trainerin folgend und dazu eine schmissge Musik. Und da lernte ich dann auch Leute kennen, mit denen ich mich unterhielt. Aus einigen wurden sogar private Treffen. Ich genoss das damals und mein Mann war mir ziemlich egal damals. Er begriff abe, dass ich jetzt "rennen" musste und ließ mich.
Warum verurteilst Du Dich für diese Phase? Alles was wir ausprobieren, ist auch nützlich. Entweder man merkt, es passt jetzt genau zu dieser Lebensphase oder eben nicht. Es ist nicht krank, Du warst eine Suchende, die ihren Weg suchte. Dafür musst Du Dich nicht verurteilen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass man die scheinbar verlorene Jugend mit 40 oder darüber nicht mehr nachholen kann, auch wenn es sich einbildet.
Du darfst ruihig auch nachsichtig mit Dir sein, das würde Dir gut tun. Nur wer etwas probiert, macht Erfahrungen, gute oder schlechte, aber man lernt daraus und das ist das eigentlich Wichtige.
Zitat von Liliana6: Ich beneidete diese Menschen um ihre Erfolge, obwohl ich diese niemals selber haben wollte. Um Shoppingerlebnisse udn Urlaube, die mir nie Spaß gemacht hätten. Aber nicht eingeladen oder gefragt zu werden hat mich verunsichert und verbittert. War ich wütend, habe ich alle schlechten Eigenschaften in ihnen gesucht und aufgeführt (manchmal sehr subtil erwähnt). War ich verunsichert oder enttäuscht, habe ich stundenlang nach den Auslösern in mir gesucht.
Du hast zwar gemerkt, dass dieser Lebensstil nicht richtig zu Dir passt, aber warst dennoch gekränkt, wenn Du übergangen wurdest. Ich schätze, diese Anderen haben auch gemerkt, dass Du nicht unbedingt aus diesem Holz geschnitzt bist. Die spüren das oft instinktiv, Du darfst zwar dabei sein, aber bist im Grunde mehr geduldet als angenommen. Dieses Nicht-dazu-Gehören ist vermutlich auch etwas, was Du bereits aus der Kindheit kennst. Und da drängte es wieder aus der Tiefe an die Oberfläche und äußerte sich in Gekränktheit und Verunsicherung. Wo gehöre ich hin, wo werde ich akzeptiert, wie ich bin? Hier nicht, wo dann? Irgendwie passe ich hier nicht dazu, aber ich mache trotzdem mit, vermutlich weil mir sonst nichts einfällt, wie ich mit mir umgehen könnte. Aber das gibt ja keiner gerne zu, auch nicht vor sich selbst.
Zitat von Liliana6: Ach, und was mir gerade einfällt: ich habe hin und wieder Tagebuch geführt. Aber von Kind an immer so, dass meine tiefsten Emotionen und Gedanken nicht aufgeschrieben wurden. Immer aus Angst, was derjenige, der es zufällig finden könnte, von mir denken würde. Ich habe eigentlich Tagesberichte verfasst, kein echtes Tagebuch geschrieben.
Kenne ich auch, eins zu eins. Schreibe nicht zu viel von Deinen innersten Gedanken, denn Du weißt nicht, wer das womöglich irgendwann liest. Ganz ehrlich, ich möchte auch nicht die Tagebücher von anderen Menschen, die ich kenne, lesen. Ich tausche micht gerne aus, aber es bleibt alles eher oberflächlich. Richtig über mich zu reden, mag ich nicht. Über meine Gedanken, meine Gefühle. Ich fühlte mich oft als einen singulären Menschen.
Zwar fühlte ich manchmal eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit, aber letztendes habe ich es akzeptiert, dass ich kein Gruppenmensch bin. Das überfordert mich und es baut sich eine innere Barriere auf. Ich schätze aber, dass sie wichtig und bedeutsam ist und daher lebe ich damit.
Ich bin jedes Jahr auf einem Kongress mit mehreren Tausend Teilnehmern, der logischerweise immer in Großstädten stattfindet. Auf diese Weise kam ich vor über 10 Jahren nach Berlin in einer Phase, in der es mir nicht allzu gut ging. Affäre vor Monaten beendet, aber die Nachwirkungen waren immer noch gelegentlich spürbar. Mein AM ist dort auch regelmäßig zu finden.
Und jetzt? Berlin, ausgerechnet Berlin, die Hauptstadt! Oh Schreck, nein, das kann ich nicht. Was, wenn ich dem über den Weg laufe, was macht das mit mir? Schreckliches Szenario, ich sah mich mit Tränen in den Augen aufs Klo hasten, um meine Tränen, die sicher fließen würden, abzuwischen. Und dann im Hotelzimmer am Abend! Ich würde mich furchtbar einsam fühlen und trauern und mich nicht auf die Straße trauen. Es würde furchtbar werden ganz sicher, abgesehen von den Öffis, die ich eh nie kapieren würde.
Und trotzdem war in mir beständig eine innere Stimme, die mir sagte: Fahr dorthin, denn Du bist nur feige und denkst Dir alles Mögliche aus, was vielleicht gar nicht eintreffen wird.
Eines Tages traf ich die Entscheidung und buchte meine Teilnahme und obendrein ein Zimmer auf dem Alex und nicht im Kongressgebäude, denn das wäre zu einfach gewesen.
Und dann fuhr ich und es ging alles leichter als gedacht. Ich verfuhr mich nur einmal, aber da waren Kollegen dabei und wir hatten allesamt nicht aufgepasst und fanden es sehr erheiternd. Jeden Abend war ich unterwegs, ich lernte neue Leute kennen und ich blieb dann noch zwei Tage allein dort. Und da merkte ich es, dass es mir gut tat, allein unterwegs zu sein. Etwas, was ich mir früher nie zugetraut hätte, tat sich auf. Ich entspannte mich, kaufte mir eine Filzweste in einem Laden mit einer Verkäuferin mit türkisfarbenen Lidschatten, die mir erzählte , dass sie bald mit ihrem Freund für 3 Monate nach Brasilien reisen würde. Es war nett, auch wenn wir total verschieden waren.
Als ich heimkam, schrieb ich einer Freundin: Berlin war mein Freischwimmer.
Ich habe das beibehalten und hänge immer noch zwei oder drei Tage an, in denen ich allein unterwegs bin. Das ist mir unheimlich wichtig geworden und Berlin wurde meine Lieblingsstadt und das blieb so.
Ach, übrigens, der AM war damals gar nicht zugegen. Oh Wunder, hatte er vielleicht gekniffen und wollte einem Wiedersehen aus dem Weg gehen? Er war schon immer feige, das fiel mir damals schon auf. Aber im Grund genommen war es egal, denn es gibt schließlich Wichtigeres als diesen Menschen und das bin ich selbst.
Zitat von Liliana6: Dass es mir egal ist, wie man mich hier sieht.
Du kommst mir, wenn ich das so sagen darf, sehr sympathisch und in vielem "bekannt", vor. Wir wurden einfach so erzogen, mit Maßregelungen, Vorgaben, Liebesentzug, wenn man nicht spurte. Das Kind spürt dass es Leistung bringen muss und es kennt nur zwei Wege, damit umzugehen. Die einen wählen den Weg der Anpassung, die anderen den der Rebellion. Gesund ist keiner von beiden, aber ein Kind weiß das nicht. Man bleibt mit beiden Strategien auf dem Kriegsschauplatz und kann sich nicht entziehen, weil man abhängig ist von den Eltern und dem Umfeld.Anpassung ist die bequemere Variante, das krampfhafte Anderssein kostet jede Menge Energie.