Zitat von Tuvalu123:Hm, ich gewinne langsam den Eindruck, dass du ein intelligenter und recht stark verstandesgeleiteter Mensch bist, der sich die Dinge gerade selbst ein wenig schwer macht. Mal abgesehen von dem offensichtlichen, dass das soziale Leben gefühlt und tatsächlich zum Erliegen kommt, lese ich da Hürden in deinem Kopf raus.
Ob das tatsächlich noch so ist mit der Evaluierung solltest du schnell in Erfahrung bringen können. Rufe die entsprechenden Stellen an, informiere dich im Netz.
Danke für die Einschätzung. Ich freue mich übrigens immer, von Dir zu lesen und lese das auch quasi sofort, wenn ich sehe, dass Du geschrieben hast. Trotzdem - siehe es mir nach - ist es meine Art, das nicht eins zu eins anzunehmen, sondern das zu reflektieren und zu schauen, was das wirklich für mich aussagt oder warum ich dennoch widersprechen kann. Denn letztlich kennst Du mich ja auch nicht 1 zu 1 sondern hast nur das wenige von mir, was ich hier schreiben kann, wie umgekehrt auch.
Von daher: Nein! Ich sehe das nicht als Hürde im Kopf sondern als kritische Einschätzung der Schwierigkeit, das durchzuhalten, zumal wenn wirklich eine Ausgangssperre kommen sollte oder zumindest die Ausgehbedingungen verschärft werden sollten.
Aber ich hatte - sobald ich mich hier richtig "eingefunden" habe zuhause - ohnehin vor, das mit meinem Sohn zu besprechen und die Tage mal beim nächsten Tierheim, 5 Kilometer entfernt, anzurufen.
Zitat von Tuvalu123:Die derzeitige Situation ist für uns alle recht neu und bedeutet wir werden kollektiv zu Veränderungen gezwungen. Das fühlt sich gerade groß und beängstigend an. Die eigenen Angstmuster werden freigelegt, die vorher gut irgendwo verstaut schienen, vermeintlich unter Kontrolle waren.
Das passiert ins uns und gleichzeitig sind wir kollektiv beeinflusst. Jetzt wird dieser Faktor erstmals so richtig spürbar.
In diesem Sinne, du wirst ganz sicher nicht als Zombie enden. Du steckst in einer Minikrise, die kollektiv getriggert wird. Krisen ermöglichen neue Wege alte Pfade zu verlassen. Nutze die Gelegenheit.
Also ich habe überhaupt keine Angst, schon gar keine Angst um mein Leben. Wenn es mich erwischt, so what? - ich wäre bereit. Abgesehen davon würde es für mich und meinen Sohn eine Ansteckung wohl nur eine einwöchige Erkältung bedeuten, wir sind ja beide gesund und fit. Aber natürlich tun wir alles, um eine Ansteckung und damit Ausbreitung zu vermeiden, was möglich ist.
Und auch vor der Krise an sich habe ich keine Angst, wie bisher versuche ich weiter, ruhig und besonnen zu handeln, und das wichtigste ist, dass ich die Leute schützen muss, für die es wichtig ist - also meine Eltern, die Risikopatienten waren zu schützen. Ich stelle ihnen die Einkäufe auf den Balkon und wir haben keinen persönlichen Kontakt.
Und es schmerzt ein bisschen, dennoch, dass Du das als Minikrise siehst Denn dass mein Leben so ganz anders gerade jetzt und ganz plötzlich gelaufen ist, wie ich mir das vorgestellt und gewünscht habe, und ich in einer Sackgasse gelandet bin, und jetzt der Handlungsspielraum ganz nach innen verlegt ist, das ist für eine große Krise, eine existentielle Krise.
Und wenn ich von existentiell spreche, dann heißt das, dass das mein eigenes subjektives Befinden und Dasein ausmacht, die Philosophen nennen das das "Jemeinige", welches einen aus der großen Masse des "man", "man soll" "man tut" "man denkt" heraushebt. Seine existentiellen Nöte sollte "man" niemandem absprechen, das wäre letztlich übergriffig und spricht dem Menschen auch ein wenig seine Würde ab - also salopp formuliert, stell Dich nicht so an, das wird schon wieder, das nimmt letztlich den Menschen in seiner Daseinssorge nicht ernst, und hilft ihm nicht.
Tuvala, ich weiß, dass Du das nicht so meinst, weil ich Dir sehr dankbar bin, weil Du umsichtig und aufmerksam schreibst an einen Menschen, den Du letzlich nicht kennst, also bitte schreibe hier weiter, es tut mir gut.
Nur ist es für mich wichtig, zu betonen, dass ich es nicht als Minkrise sehe, glaube mir, ich habe mich einige Mal neu erfinden müssen in den letzten Jahren, habe auch oft das Alleinsein gesucht, aber das das jetzt schon wieder und radikaler denn je passiert, das ist nicht gut für meine Entwicklung, das weiß ich. Dass ich versuche, das beste daraus zu machen, ändert nichts daran, dass es mir sehr bescheiden, um einen deutlicheren Ausdruck zu vermeiden,damit geht.
Zitat von Tuvalu123:Deine Sorgen sind Gedanken mit denen du dich gerade identifizierst. Aber so wie du dein soziales Netzwerk beschreibst, die Verbindung zu deinem Sohn, dein bisheriges Wachstum das macht dich aus
Danke, ja, ich versuche es weiter.
Zitat von Tuvalu123:Die Enge verstellt dir gerade den Blick, deshalb sagte ich ist es vielleicht sogar die Leere, die dir da raushilft. Sie mag jetzt mal angeschaut werden, womit bist du identifiziert, warum ist das so beängstigend. Was kann wirklich passieren, außer dass du dich im günstigsten Fall langsam neu aufstellst.
Ja, Du sagst es: Das ist der günstigste Fall. Aber ich bin nicht Optimist und nicht Pessimist sondern Realist (eigentlich Phänomenologe, aber das führt jetzt zu weit), das ist eben nicht mehr und nicht weniger als: der günstigste Fall. Und das ist auch nicht beängstigend, die Leere, für mich, sondern eben auf Dauer nur zermürbend. Und das ist für mich noch schlimmer, weil ich mit akuter Angst gut umgehen kann. Übrigens habe ich mich mit dem Konzept der Leere sehr beschäftigt, ich praktiziere ja Zen-Meditationen jeden Tag und gehe einmal pro Jahr zum Zazen-Retreat, das schrieb ich schon. Übrigens kann ich das kleine Büchlein des großen japanischen Soto-Zenmeisters Kodo Sawaki: "Tag für Tag ein guter Tag" sehr empfehlen, gerade auch für diese Tage.
Aber für meine Praxis, für das praktische Leben und meine persönliche Perspektive nützt mir das leider nichts. Das ist das Bittere. Ich meine, kannst Du das nachvollziehen? Ich würde meinen besten Freund einmal die Woche treffen, zum Essen, zum Quatschen, er wohnt 20 Kilometer weit weg, und das geht jetzt auf absehbare Zeit nicht. Und telefonieren kann diese Begegnung einfach bei weitem nicht ersetzen....
Zitat von Tuvalu123:Wir sind ja nie fertig mit der eigenen Entwicklung und deshalb gibt es auch nie einen Punkt im Leben, wo wir sagen können, so und jetzt bin ich durch mit allem, habe alles perfekt gelöst und gehe so bis ans Ende meines Lebens glücklich weiter.
Natürlich nicht. Aber Du kennst das Gefühl von Tätigkeit, von erfüllter Lebensbewältigung, das Gefühl, dass die Dinge eigentlich gut laufen wie sie laufen, dass Du auf dem guten und richtige Weg bist, auch wenn es manchmal anstrengend, mühsam und herausfordernd ist? Ich kannte es lange, vor allem in den wunderbaren Jahren, in denen wir eine Familie waren und mein Sohn groß geworden ist. Ich habe jeden dieser Tage geliebt und genossen und kann mich an jeden Tag an jeden Tag, von seiner Geburt an erinnern. Es war oft anstrengend, aber es war immer wunderbar, das Leben war wie verzaubert. Und dann brach das ab, das Glück so schien es, hat uns verlassen. Gut, Krise, neu orientieren. Aber die Krise bricht nicht ab, alle Projekte, Vorhaben, Neuorientierungen in den letzten vier bis fünf Jahren, sind gescheitert. Das ist einfach so. Und da werde ich langsam resigniert. Aber ja, ich kämpfe weiter, wie Don Quijote gegen die Windmühlen des Lebens, wie Sisyphos den Fels immer wieder den Hügel hinaufschleppt, der ihm oben stets auf´s Neue entgleitet. Nur widerspreche ich Camus, der konstatiert, man müsse sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Zitat von Tuvalu123:Ängste sind da und sollten nicht unterdrückt werden. Aber ggf. einer Neubewertung unterzogen werden.
Ich habe keine Angst, s.o. aber natürlich schaue ich mir an, was mit mir passiert und in mir vorgeht, das ist die phänomenologische Methode, wenn sie auch nur dabei helfen kann, die Frage, die einen bewegt, immer noch genauer herauszuarbeiten. Und manchmal schreibe ich es auf und teile es mit. So wie hier.
Zitat von Tuvalu123:Ich schicke dir gleich noch einen Link, da kannst du mal reinschauen.
Ganz lieben Dank! Den schaue ich mir bestimmt an!
LG