Zitat von Liv225: Ich denke auch, nochmal würde das, wenn man es aufgearbeitet hat, nicht passieren.
Das hoffe ich, für dich und für mich und die anderen, die mit diesem Thema konfrontiert sind. Natürlich hat jeder seine Baustellen, Unaufgearbeitetes und auch seine Sehnsüchte, aber wenn sich eine Beziehung "komisch" anfühlt, obwohl man das Komische daran gar nicht mal beschreiben könnte, sollte man zumindest wachsam sein, damit man nicht wieder sehenden Auges in die Kreissäge rennt.
Empfindungen, auch unbewusste Wahrnehmungen, die gar nicht auf die bewusste Ebene kommen sind da und man sollte sie nicht verleugnen, nur weil das Gegenüber gerade mal wieder so freundlich und verständnisvoll redet. Das ist das rätselhafte Bauchgefühl, das uns in manchen Situationen warnt.
Die Warnungen, die ich nach den ersten Wochen bemerkte, schob ich beiseite und schimpfte mich selbst wegen meiner Bedenken und Schwarzmalerei. Er tat ein Übriges dazu, sie wegzuwischen, wenn er mir mal wieder seine Ration an Feingefühl zuteilte. Und dennoch, die anderen Momente überwogen irgendwann, in denen ich Angst hatte, er könnte mir wieder bedenkenlos weh tun, indem er mich ins Abseits stellte und ich hatte auch Angst davor, er könnte sich einer anderen zuwenden, die weniger kleinmütig als ich war, sondern ihren Weg ging - selbstbewusst und selbstbestimmt.
Meine Ängste waren ja nicht ganz unbegründet, wie sich später herausstellte. Und selbst als ich ihn darauf ansprach, hörte ich, er habe kein Interesse, aber er lerne nun mal gerne neue Menschen kennen ....
Er war auf Dienstreise, einige Hundert Kilometer weit weg. Ich freute mich über ein paar dürre Worte, aber die Andere, mit der er offenbar auf dem Kongress enger in Kontakt gekommen war, erhielt einen längeren Post. Er sitze gerade in Köln vor dem Museum Ludwig. Das war typisch, wie er subtile Botschaften streute. Erste Botschaft, schau mal wo ich bin und wie wichtig ich bin, zweite Botschaft, ich bin ein kulturbeflissener Mensch, dritte Botschaft, ich denke auch in Köln an dich. So was zieht, zumindest in bestimmten Kreisen. Und dann berichtete er warum und wieso und dass er sich sehr gefreut habe, sie auf dem Kongress wiedergesehen zu haben.
Ich las das widerrechtlich, hatte aber eine günstige Gelegenheit genützt weil er mir "komisch" vorkam, merkwürdig anders.Mit den Gedanken wer weiß wo und dann wieder so seltsam schwungvoll. Jetzt war mir klar, er hatte Feuer gefangen.
Sie reagierte geradezu euphorisch und schon meinte sie, man könnte sich ja mal wiedersehen ... Und er? Er hatte gleich einen Vorschlag, er sei nächste Woche eh in einem Ort unweit von ihrem Wohnort und könnte es gut einrichten. Aber leider ging es da bei ihr nicht und so fasste man unverbindlich die Osterfeiertage ins Auge.
Mir ging ein Licht auch. Seine schwungvolle Art rührte daher, dass er wieder seine Zufuhr bekommen hat und daher war er dann auch zu mir so freundlich. Wir lachten sogar zusammen. Auf einmal konnte er wieder so nett sein, aber das lag nicht an mir. Tja, Ostern stand vor der Tür. Eine Woche noch.
Er hatte schon nach dem Kongress, als wir uns verabschiedeten, merkwürdige Dinge gesagt. Ostern wird wahrscheinlich nicht so günstig sein wegen Familie und so .... "Und so" beinhaltete immer eine Unwahrheit, das wusste ich inzwischen. Es war mir klar, er wollte sich die Feiertage frei halten. Und mir war nun klar warum.
Ich beschloss mich nicht kampflos geschlagen zu geben. Ich operierte sozusagen im Geheimen. Sagte, dass ich immer wieder vor einer Mauer bei ihm stehe, die ich gerne einreissen würde, aber nicht kann. Und wie er eigentlich unsere Beziehung sähe, ein Hin und Her ohne Stabilität. Und wie er sich denn den Rest seines Lebens vorstellen würde, wenn er jede Frau irgendwann in die Flucht trieb bzw. selbst flüchtete? Er war damals auch nicht mehr so jung und ich merkte, ich hatte ihn erreicht. Am nächsten Morgen packte ich zusammen und er fragte, was ich da mache. ich sagte, ich fahre, was will ich denn noch hier? Es war das einzige Mal dass er mich bat zu bleiben.
Und ich schmolz wie Schokolade in der Sonne. Diese andere Frau war erst Mal kein Thema mehr, ich hatte ihm auch nicht gesagt, dass ich den Dialog gelesen hatte. Ich fühlte es und blieb bis zum Abend. Und fühlte mich erstmals seit langer Zeit wieder sicherer.
Einige Woche später las ich dass er ihr nochmals geschrieben hatte und das zog mir wieder den Boden unter den Füßen weg. Er schrieb ihr, er habe sich damals nicht mehr gemeldet, weil er in einer Beziehung sei. Die laufe jetzt besser obgleich er wisse, dass es nicht von Dauer sein würde. Sie antwortete lapidar und bedankte sich für die ausführliche Mail, die ich nicht gelesen hatte. Aber er hat ihr wohl erklärt warum er sich zurückgezogen hat. Sie hatte ihre Lektion gelernt und ich bewunderte sie sogar für diese abschließenden Sätze. Ich schätze, sie war sauer auf ihn weil er ihr die Zähne lang gemacht habe.
ich fühlte mich verraten. Er blieb noch mit mir zusammen, aber rechnete schon mit dem finalen Ende. Ich hätte gehen müssen und tat es nicht. Und das ist genau das, was ich als Kind gelernt hatte. Ich war ja oft nicht gut genug, fühlte mich einsam und nicht richtig akzeptiert. Das macht sehr traurig. Aber ich gab nie auf. Immer wieder suchte ich nach Zuwendung, Lob und Anerkennung und wenn ich sie bekam war ich wieder glücklich, wohl wissend, dass auch das nicht von Dauer sein würde.
Ich war es gewohnt für die Liebe zu leiden und mich ins Zeug zu legen. Völlig falsche Verknüpfung, die in mir angelegt war. Liebe ohne Leiden gibt es nicht, denn sonst ist es keine Liebe. Es ist normal dass man sich auch öfters umsonst anstrengt, ab er man gibt niemals auf.
Das habei ich später bei mir erkannt und das erklärte auch, warum ich immer noch bei diesem defizitären Mann blieb und einfach nicht ging so wie es andere getan hätten.
Ich glaube nicht, dass es mir heute nochmals passieren würde. Ich bin abgeklärter, mein Interesse an anderen Männern ist erlahmt. Manche mag ich, andere akzeptiere ich und manche mag ich nicht. Aber für Avancen bin ich nicht mehr zugänglich. Mir reicht jetzt meine Ehe, damit habe ich genug zu tun. Die ist auch oft genug nicht leicht, aber sie hält doch. Wir wissen was wir aneinander haben.
An die "große Liebe" glaube ich nicht mehr. Aber ich weiß jetzt, dass ich pfleglicher und achtsamer mit mir umgehe und nicht mehr erfolglos irgend etwas hinterher renne. Und ich habe irgendwann gemerkt, dass ich immer mein stärkster Kritiker war, denn ich war ja nie gut genug, hätte dies und jenes besser machen können oder müssen.
Das ist jetzt auch vorbei. Wenn du gewöhnt bist dich selbst ständig in Frage zu stellen und zu kritiisieren, fehlt es dir an Eigenliebe. Die musste ich auch erst lernen, die Selbstakzeptanz trotz aller Ecken und Kanten.
Meerrettich schreibt von blinden Flecken in einem. Das ist sehr wahr. Einige habe ich gefunden, andere lauern noch im Unterbewusstsein. Dennoch fühle ich mich seit dieser "Beziehung" wohler mit mir, irgendwie geerdeter.
Es ist nie zu spät sich selbst anzuschauen, dann kann man die eigenen Mechanismen schon erkennen und in Frage stellen. Und es ist ja nicht nur schlecht wie man ist. Man darf sich auch mal loben.
Er kam später darauf, dass ich in seiner Mailbox gelesen hatte. Das war natürlich wieder beschämend für mich und ich entschuldigte mich, erklärte es mit meiner Unsicherheit, was ja auch stimmte. Er habe von dieser Frau nichts gewollt, sagte er. Ich nahm es so hin. Es war ja hinterher auch egal, aber eines brauchte er doch: Bestätigung dass er ankam, dass man ihn mochte und dafür sandte er auch falsche Signale aus. Die Frau dachte sicher, er sei solo und erfuhr dann das Gegenteil. Sie war sicher sehr enttäuscht.
Ich lehne mich jetzt entspannt zurück und bin einfach froh, dass dieser Mann weg ist. Er war nützlich, weil ich erstmals angefangen hatte, mich selbst zu betrachten. Der Psychotherapeut seinerzeit hatte Recht: Menschen kommen nicht umsonst ins eigene Leben, man kann durch sie viel über sich lernen.