whynot60
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Würdest Du mich kennen, dann wüßtest Du aber, daß man sich bei mir kaum zu weit vorwagen kann und ich schon gar niemanden zurecht stupse - und wenn, dann so sanft, daß man es nicht einmal merkt
Ich weiß nun leider gar nicht, wo ich mit der unspürbaren Stupserei anfangen soll (die aber keineswegs persönlich gemeint ist, es ist gewissermaßen eine Stupserei in die Luft
Ich versuche es einmal so: Ich selber z. B. bin in allen wesentlichen Dingen, von denen die Rede war und im Leben im Allgemeinen die Rede ist, durchschnittlich. D. h., ich bin nicht unromantisch, aber kein Hölderlin, ich bin nicht gerade dumm, aber auch nicht herausragend klug, im Bett bin ich nicht leidenschaftslos, aber auch kein Stier (oder höchstens für 10 Minuten
Das Nächste ist: Ich glaube (bzw. es ist meine Beobachtung), daß jeder Mensch zumindest hintergründig nach dem Maximum des Erlebens und Erfahrens strebt, wobei die Erwartungen, das Verlangen, die Bedürftigkeiten natürlich ebenso unterschiedlich ausgeprägt sind wie die eigenen Anlagen.
Folglich: Es wird immer jemanden geben (und nicht nur einen oder eine!), der/die in allen Bereichen "besser", ja bei weitem "besser" (Du magst bitte den etwas unglücklichen Ausdruck verzeihen) ist als man selber. Also: verlockender, tatsächlich auch erfüllender. Darüber braucht man, glaube ich, nicht zu reden.
Nun kann man natürlich sagen: die Liebe überbrückt das alles, hält alles im Zaum, faßt alles in eins. Aber kann es nicht dennoch sein, daß ein Verlangen übermächtig wird und entschlüpft? Überhaupt, wenn die Gewohnheit einen ursprünglichen Reiz mehr oder weniger ganz abgestumpft hat? Und sollte man es überhaupt zügeln? Kann, soll man einen anderen an seinem Höchsten behindern im Namen der Liebe? Soll er das selber tun, im selben Namen?
Was, z. B., wenn ich verheiratet wäre, Dir begegnen würde und von Deinem Geist ganz angetan wäre, dem ich es sogar zutraute, mich meinetwegen zum Dichter (oder Maler oder Musiker) zu machen?
Oder Ned eine Freundin hätte und Du ihn zum ausgereiften Liebhaber machen könntest?
Oder Du irgendeinen - gebundenen - Berserker zu einem sanftmütigen Wesen verhelfen könntest?
Oder Du selber "gebunden" bist?
Alles das dürfte dann unter diesem Aspekt der Gebundenheit ja nicht geschehen.
Ja nicht einmal ein kleiner kurzer Lustausbruch darf geschehen, sonst dreht es im Normalfall der Liebe gleich das Genick um.
Mir erscheint diese Umklammertheit jedenfalls gerade zu tödlich, tödlich verdurchschnittlichend. Und ich glaube nicht einmal, daß es sich dabei tatsächlich um ein Liebesopfer handelt.
Dann die andere Seite: Was züchtet sich bei einem Menschen in der Regel am meisten heraus? Nicht notwendig das, was er am besten kann, sondern das, was am besten ankommt, was am meisten Resonanz findet.
D. h., beispielsweise, ein vollkommener Machodepp hätte ja nicht einmal einen Grund, an seinem affenartigen Zustand etwas zu ändern, weil ihm ja gerade der die meisten Früchte einbringt. Er müßte ja geradezu von einem augustinischen Verfall betroffen sein, würde er es dennoch tun. Unter diesem Gesichtspunkt, also jenem der fleischlichen Ernte, wäre es ja sogar noch besser, der vielleicht allzu Verfeinerte würde um einiges affiger werden (wenn er es denn vermag).
Das Grundproblem scheint mir zu sein: Wie sollte man klug werden, beseelt, vergeistig, ohne die Instinkte zu vergessen? Oder wie sollte man instinkthaft werden, ohne die Klugheit, die Vergeistigung, das große Gefühl zu vergessen?
Ich z. B. kann mir einen Hölderlin so wenig als Rammelhengst vorstellen, wie ich mir einen R. als Dichter (zumindest nicht als romantischen) vorzustellen vermag. Das geht hinten und vorne nicht zusammen. Und was nun, wenn es die Geliebte des einen einmal nach einem Rammelhengst verlangt und jene des anderen nach einem Dichter? Vielleicht, daß man sich mit einer Verstellung behelfen könnte - aber Verstellungen wirken nie das, was sie zu wirken glauben, was sie wirken sollen. Sie erfüllen nie etwas wirklich, der Hunger bleibt.
@Keto
Ja, wenn man die Wurzeln aller Moral kennt, kennt man zugleich auch die Wurzeln vielen Übels - und zweifellos auch so mancher Lust.
Würden wir etwa alle ganz natürlich *beep* herumlaufen, dann wäre alle *beep* und alles, was sie erregt, nur noch
.Daher hat auch die P.or.noindustrie in kürzester Zeit viel mehr an Enthaltsamkeit (also Moral, wenn man will) eingebracht als alle Jahrtausende des religiösen Kampfes gegen den Trieb. Einen Trieb rottet man nicht aus durch Verbot und Beschränkung, sondern durch ein Übermaß bis zum Erbrechen.
Ich bin heute schon etwas ermüdet. Daher möchte ich nur noch, um vielleicht zum Kern des Themas kurzfristig zurückzukehren, ein ein Zitat aus "Hans Maibär - Der sterbliche Nachlaß" anfügen (der wäre übrigens für Dich, @kaetzchen, geradezu maßgeschneidert gewesen, ich wette!
"Wäre ich die Liebe - würde ich unter Menschen gehen? Würde ich mich umtun unter den Menschen, mich unter ihnen herumtreiben? Nein! Und dreimal nein!
Und dennoch! Was bliebe, wenn nichts sonst da ist?
Und so ist mein Dasein ein einziges obdachloses Elend. Man treibt mich durch den Zirkus, man führt mich auf auf allen Bühnen, man fi.ckt sich mich ein, man fi.ckt sich mich aus, man singt mich in den heiligsten, noch den schwermütigsten Liedern, man schreibt mich in Gedichten, man schreibt mich in Inseraten, man herzt und tränt mich ins Holz der Wanderbänke, als fände ich dort meine Ewigkeit, man erdolcht mich in den Hauseingängen, man verwechselt mich mit den unseligsten Kleinigkeiten, Lächerlichkeiten, flüchtigsten Gestimmtheiten, ja, man stellt sich mich als Himmel vor in den seligen Träumen der Wohltulpigkeit, als wäre ich nichts anderes als das allesversprechende Säuseln des Morgenrots.
Aber nie in Wahrheit kommt der Mensch mir nahe, nie läßt er mich an sich heran. Ich bin die Geliebte, die ewig unerkannt in seinem aschigen Schatten steht. Höchstens, daß er mich dann und wann, wenn ein Abglanz meiner sich in Augenwasser spiegelt, als ferne, fernste Versuchung spürt, von der er sich nie erfassen läßt, erfassen lassen kann. Ich kostete ihn das Leben, das weiß, das spürt er - es ist das Einzige, was er von mir weiß, von mir spürt. Ich kostete ihn sein Leben, sein kleines, mickriges, flüchtiges Leben, das er hütet wie den reichsten Schatz, das ihm wertvoller, bedeutsamer, erhaltenswerter scheint als selbst noch ich. Ich bin nicht das, was behütet, ich bin das, was enthäutet. Ich bin nicht das, was fängt und einfängt, ich bin das, was befreit. Ich bin nicht das, was daunigwarm bedeckt, ich bin das, was schamlos entblößt. Ich bin die Vernichterin, die aus Asche Sonne macht.
Für Großes ist der Mensch zu klein, für Kleines zu unbescheiden. So hängt er fest im Wollen, hoffnungserfüllt und mutlos, ein zartes, kümmerliches Vielleicht, harmlos mittig zwischen Ja und Nein, und hält mich allein für ein flatteriges Gefühlchen, das ihm das Herzchen wärmt, nicht für eine Entscheidung.
„Du bist mein Leben!“ spricht der Mund. „Ich will dein Leben!“ knurrt der Magen. Spinnenliebe. Nicht allein Spinnenliebe.
Beklage ich mein Schicksal? Nein! Ich belächle jenes des Menschen. Wohlwollend - ich kann nicht anders."