@Elerya
Es paßt zwar nun nicht mehr zum weiteren Fortgang hier - aber weil Du gestern oder vorgestern gefragt hast, wie "Hellseher" das machen. Nur ein kleiner Denkanstoß dazu:
Was solche Leute vielleicht können, handelt es sich nicht bloß um Selbstvermarkter, kann man sich ungefähr so vorstellen: Sie können den Fernseher einschalten und den Film vor- und zurücklaufen lassen. Wobei manche Bilder deutlicher, andere verrauschter sind. Sie können sozusagen auf Deinem Zeitpfeil mit allen seinen Ereignissen, sowohl den bereits eingetretenen und damit feststehenden als auch den möglichen, wahrscheinlichen, aber jedenfalls noch offenen, nach Belieben hin und her reisen, meist allerdings, ohne die Zeiten genauer zuordnen zu können.
Man kann es vielleicht so vergleichen: Angenommen, Du hast einen Film vor Jahren gesehen, an den Du Dich nur noch sehr undeutlich erinnern kannst. Wenn Du ihn Dir wieder ansiehst, wirst Du das, was Du aktuell gerade siehst, am deutlichsten wahrnehmen. Was Du bereits wieder gesehen hast, wird wieder aufgefrischt, aber doch schon wieder etwas untergetaucht sein. Was noch kommen wird, wird Dir zumindest immer deutlicher werden, manches, das Bedeutsamste meist, als Gewißheit, anderes als Ahnung.
Warum das überhaupt so unglaublich und fragwürdig erscheint, liegt einfach daran, daß wir der Illusion der Zeit unterliegen, die wir nötig haben, damit etwas wie geprägte Erfahrung, geordnete Entwicklung, zielgerichtete Handlung überhaupt möglich wird. Denke einmal an einen Traum: im Traum gibt es keine Zeit. Du kannst nur sagen, was sich ereignet hat, aber nie wirst Du sagen können, von welcher Dauer es war, wann dieses und jenes geschehen ist. Zudem ist die Abfolge oft völlig wirr und ungeordnet, eines springt ins andere, bisweilen ohne jeden ersichtlichen Zusammenhang.
In einer auf Unterlichtgeschwindigkeit abgebremsten Welt wird das Phänomen Zeit zu einem Faktor, der notwendig zu verknüpften Ereignisketten führt, in denen die Ereignisse nicht beliebig ablaufen, sondern eben in einer zeitlichen Ordnung und kausalen Abfolge. Sie sind gewissermaßen wie eingefroren in der Zeit. Allerdings ist das Phänomen Zeit für das Bewußtsein dennoch eine Illusion. Das Bewußtsein selber kennt keine Zeit (wie im Traum, oder auch, wenn Du Dich erinnerst oder Dir etwas Zukünftiges vorstellst), sehr wohl aber das Gehirn, das auch selber in der Zeit existiert. Und da das Bewußtsein die Welt über das Gehirn wahrnimmt und erlebt und auch über das Gehirn agiert, wird es gewissermaßen selber zeitlich.
Der Vergleich mit einem Film hinkt allerdings in einem Punkt entscheidend: Was bereits geschehen ist, steht zwar unabänderlich fest, aber alles Zukünftige verliert dort seine Gewißheit, wo ein Bewußtsein nicht nur passiv wahrnimmt, sondern sozusagen eigenmächtig, selbst schöpferisch wird. Dieser Laplacesche Dämon wird sich also nur dort nicht verrechnen können, wo die Welt eine rein mechanistische, mathematisch erfaßbare ist, so es eine solche Welt überhaupt gibt.
Daher schafft das Schicksal, wenn man es so nennen will, höchstens gewisse Rahmenbedingungen, aber keine Notwendigkeiten im Einzelnen. Weil eben erst das jeweilige Bewußtsein die Fakten, die Wirklichkeit "bewirkt".
Du kannst z. B. morgen ausgehen oder zu Hause bleiben. Das führt zu zwei ganz unterschiedlichen Realitäten, unter Umständen auch mit ganz entscheidenden Auswirkungen auf den weiteren Verlauf des ganzen Lebens. (Indem Du etwa jemandem begegnest oder eben nicht begegnest.)
Wenn Dir nun also ein Hellseher meinetwegen sagt, Du triffst im August Deinen Traummann, so kannst Du Dich immer noch den August über zu Hause einbunkern, so Du vielleicht mißtrauisch bist gegen alle Traummänner. Die Determiniertheit des Schicksals ist sicher keine absolute, sondern nur eine relative, die ihre Spielräume hat.
Nun könnte man natürlich noch fragen, warum denn der Hellseher nicht vorhergesehen hat, daß Du Dich im August einbunkern und somit nicht Deinen Traummann treffen wirst. Das liegt einfach daran, daß Du erst durch diese Information und ihre Verwertung in einen anderen Film übergewechselt bist. Denn wie Du diesen weiter drehst, liegt eben in Deiner Hand.
Sobald Du über die Zukunft nachdenkst, etwas über die Zukunft "weißt" (oder überzeugt glaubst, erwartest), veränderst Du diese unweigerlich und erhöhst bzw. verringerst Wahrscheinlichkeiten. Das ist sehr ähnlich wie in der Quantenwelt, wo erst die Erwartung des Beobachters zu einer Teilchen- oder Wellenwirklichkeit führt. Nur eben im Großen.
So, ich hoffe, ich habe die angeregte Diskussion durch meinen Beitrag nicht gestört. Es muß sich auch niemand angesprochen fühlen, der nicht gefragt hat. Das könnte nämlich nicht nur seine Gegenwart, sondern auch meine Zukunft, wenn auch nur marginal, ein wenig verändern

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