Zitat von SchnauzeVoll: Warum? Und warum dann jetzt doch?
@SchnauzeVoll ich meine dieses Thema ist auch hier mehrfach angesprochen worden. Wenn zwei Menschen, die beide bestimmte aber komplementäre Defizite haben, zusammenkommen, dann wird Wachstum, Veränderung etc so ziemlich unmöglich, weil es die Existenz der Beziehung an sich betrifft.
Nehmen wir mal als Beispiel eine Frau mit einer gewissen Disposition zu Angststörungen, die einfach in sehr jungen Jahren heiratet, vielleicht Kinder bekommt, eventuell einen kleinen Job ausübt. Durch die Sicherheit, die ihr, vielleicht so gar direkt vom Elternhaus in das Familienleben, gegeben wird, kann sie sich bestimmter aber sehr notwendiger Reifeprozesse verweigern. Diese Frau in unserem Beispiel muß sich nie absolut mit ihrer Disposition zu Angststörungen auseinandersetzen, muß nicht lernen, wie man diese am besten managed und kann sich bei jeder anstehenden Herausforderung auch immer auf ihre vermeintlich sichere Insel zurückziehen, sprich sich ihren Ängsten auszusetzen verweigern.
Das funktioniert vielleicht eine Weile ganz gut, aber Ängste können sehr fortschreitend sein. Was der Frau in diesem Beispiel, früher oder später fehlen wird, ist Selbstwirksamkeit. Daher werden die Ängste immer größer und der eigene Wirkungskreis immer kleiner.
Weil wir ja über Komplimentärstörungen reden, gibt es in diesem Beispiel auch einen Mann. Der wiederum nimmt zunächst die paar Ängste nicht wirklich wahr, er fühlt sich wohl in der Rolle des Beschützers, er möchte keine Partnerschaft auf Augenhöhe, sondern eine in der er absolut gebraucht wird.
Das geht eine ganze Weile sehr gut, aber auch diesem werden früher oder später Dinge fehlen. Sein Unvermögen eine Partnerin auf Augenhöhe zu suchen, korreliert mit einem niedrigen Selbstwert, welcher keine Veränderung erfahren kann, weil er sich als Ausweg Bewunderung statt eigener Arbeit am Selbstwert gesucht hat. Der fortschreitende kleiner Wirkungskreis der Partnerin aber verkleinert eben auch die Bewertung der Bewunderung durch die Partnerin. In dieser Logik ist Bewunderung durch Leute, die ganz viel selbst schaffen, natürlich besser als Bewunderung von Menschen, die eher wenig selbst auf die Ketten kriegen. Dabei wird aber nach wie vor vermieden, das eigentliche Problem, fehlender Selbstwert, daher Wert gekoppelt an die Bewunderung von außen, zu klären.
In diesem Beispiel hast Du also zwei Menschen, die aufgrund einer Komplimentärstörung zusammen gekommen sind, die aber so lange die Beziehung besteht, beide wunderbar vermeiden können, die eigenen Probleme zu adressieren.
Die Frau wird sich nicht lösen, weil sie sich ansonsten mit ihren Ängsten und der fehlenden Selbstwirksamkeit auseinandersetzen müsste, der Mann wird sich nicht trennen, weil er sich ansonsten der ureigenen Identität stellen muß.
In einer Fallvariante gibt es dann durch den Mann nen warmen Wechsel, der dazu führt, daß die Frau Selbstwirksamkeit lernt, sich weiter entwickelt, der Mann aber eben auch nur wieder in der gleichen Situation landet, weil das zugrundeliegende Problem nicht gelöst wird.
Aber zurück zu Deiner Frage, warum geht zu meist Veränderung nur nach der Trennung: Weil beide einander bedingen. Der fehlende Selbstwert des Mannes möchte natürlich ab einem gewissen Zeitpunkt Veränderung bei den Angststörungen der Partnerin, aber nur (!) im Rahmen des von ihm vorgestellten. Er möchte weder weitere Eskalation (manchmal nötig) noch ein völliges Aufblühen (weil mit seinem Selbstwert nicht zu vereinbaren).
Die Frau mit der Angststörung wiederum hat ebenfalls kein Interesse an Veränderung. Die Vermeidungshaltung ist über Jahre richtig gut zementiert und die Konsequenzlosigkeit die sie bisher erfahren hat bei gleichzeitiger eigener Erschöpfung (das ist ja kein Spaziergang), lässt statt konstruktivem nur destruktives Handeln zu.
Das Ding ist halt keiner von beiden ist schuld, sie haben sich nur gegenseitig (ohne es zu Wissen) jede Form von Entwicklung und Wachstum genommen. Die Art der Beziehung, die sie eingegangen sind, bedeutet, daß keiner sich wirklich verändern darf.