Hallo meine Lieben,
ich habe einige Zeit still mitgelesen und mich nun entschlossen, mir doch auch einmal alles von der Seele zu reden.
Puh, wo fange ich an?
Vor 3 1/2 Monaten habe ich über eine Bekannte einen Mann kennengelernt. Wir sind beide seit 7 Monaten von unseren vorigen Partnern getrennt; ich war zuvor in einer dreijährigen On-Off-Beziehung, er in einer 6-jährigen, ebenfalls schwierigen, festen Beziehung.
Wir waren uns sofort sympathisch, haben uns in den ersten Wochen oft getroffen und uns schnell verliebt. Mir hat an ihm gefallen, dass er es langsam hat angehen lassen, keinen Druck gemacht und nichts von mir erwartet hat, da er gemerkt hat, dass es mir schwer fällt, mich Menschen gegenüber zu öffnen. Nach zwei Monaten haben wir das erste Mal miteinander geschlafen und seitdem geht es bergab.
Zum Verständnis kurz meine Vorgeschichte: Ich hatte keine wirklich schöne Kindheit; wenig Liebe, dafür umso mehr Schläge. Ich war das schwarze Schaf der Familie und das hat man mich deutlich spüren lassen. Alles, was ich tat, sagte oder dachte war falsch, albern, gestört. gute Leistungen (in der Schule) wurden nicht honoriert, bei schlechten Leistungen gab es Prügel, mindestens aber wurde mir vermittelt, dass ich eben einfach dämlich bin.
Mein Selbstwertgefühl ist nicht das Größte, obwohl ich mittlerweile gelernt habe, meine positiven Eigenschaften, die ich besitze, zu schätzen.
Zudem leide ich unter Bindungs-und gleichzeitig Verlustangst. Ich habe bereits 2 Therapien hinter mir, die mir auch geholfen haben, aber naja. von Heilung kann hier nicht die Rede sein.
Ich bemühe mich, meine Ängste in den Griff zu kriegen, in Situationen, wo ich in alte Muster falle, so zu reagieren, wie ich es gelernt habe.
Das klappt nicht immer und wie bereits angedeutet, hat das nun dazu geführt, dass meine neue Bekanntschaft die Flucht ergriffen hat. Nachdem wir das erste Mal miteinander geschlafen haben, wurde wieder ein Schalter in mir umgelegt. Zunächst habe ich mich etwas zurückgezogen, wurde abweisender ihm gegenüber. Die ersten Wochen hatten wir auf Grund Corona viel Zeit für einander, nun geht es langsam wieder alles seinen gewohnten Gang.
Er arbeitet im Schichtdienst, hat viel aufzuarbeiten, was während der "Kurzarbeit" liegen geblieben ist und hat dementsprechend wenig Zeit. Da hat mich dann wieder meine Verlustangst gepackt und ich habe ihm mehrfach unterstellt, er wolle mich nur nicht sehen und bla bla bla, die "üblichen" Szenen halt.
Ich hatte ihm vor einiger Zeit ein wenig über meine Ängste erzählt, nichts Genaues, habe es auf die vorige unschöne Beziehung geschoben, in der ich ständig belogen wurde -was auch stimmt, aber eben nicht die ganze Wahrheit über den Grund meiner Ängste ist. Er hat auch Verständnis gezeigt und gesagt, er wolle versuchen, mir zu helfen, aber nun sagt er, er schaffe es nicht. Er habe mich sehr lieb, aber momentan könne er mit meinen Launen einfach nicht umgehen. Er habe jahrelang die Launen seiner Ex ertragen müssen, er möchte nicht mehr, er habe auch keine Nerven mehr dazu.
Nachdem ich ihn zwei Tage lang bedrängt habe, schrieb er mir, ich solle ihn doch bitte mal für ein paar Tage in Ruhe lassen, was ich getan habe. Gestern, also weitere 2 Tage später, erhielt ich plötzlich eine Nachricht von ihm, dass er sich freuen würde, wenn ich mich am Dienstag mit ihm auf einen Spaziergang treffen würde.
Jetzt packt mich wieder die Panik. Ich denke, wir alle wissen, was es bedeutet, wenn eine Aussprache an einem öffentlichen Ort statt finden soll. Er befürchtet eine Szene, die er zu vermeiden hofft, wenn wir uns in der Öffentlichkeit treffen. Also hat er nichts Gutes zu sagen.
Auf der einen Seite möchte ich Klarheit, ob und wie er sich das weiter mit uns vorstellt, auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob ich es packe, mir anzuhören, dass er keine Chance mehr für uns sieht.
Ich bin hin und her gerissen und würde ihm am liebsten sagen, er solle mir einfach schreiben, was er zu sagen hat -dann habe ich nämlich noch das Wochenende Zeit, mich halbwegs zu sammeln, bevor ich Montag wieder arbeiten muss. Und gleichzeitig habe ich Angst, in einer Antwort per WhatsApp nicht richtig reagieren zu können, nicht die richtigen Worte zu finden, für offene Fragen. Oder dass er mich danach blockiert und ich gar keine Chance habe, überhaupt etwas zu sagen.
Ich weiß, dass Abstand im Moment das Beste wäre, damit wir beide wieder runter kommen, vor allem ich. Aber ich befürchte, wenn ich das Gespräch nicht wahr nehme, wird es kein Weiteres geben.
Ich brauche momentan einfach mal eure mentale Unterstützung, eure neutrale Sichtweise.
Liebe Grüße und sorry für den langen Text,
Grätchen