@AndiY Hallo!
erstmal Respekt dafür, wie reflektiert und offen du deine Situation schilderst. Man spürt, wie sehr du versuchst, allen gerecht zu werden, deinen Kindern, deiner Partnerin, dem ungeborenen Kind und auch deinen eigenen Werten. Das ist eine enorme Belastung, die man nicht einfach „wegorganisiert“.
Aus systemischer Sicht wirkt ihr gerade in mehreren Spannungsfeldern gleichzeitig:
Du bist Vater, Partner, werdender Vater eines weiteren Kindes, Patchwork-Gestalter, organisatorischer Manager und deine Partnerin steht gleichzeitig vor Schwangerschaft, Umzug, Verlust von Umfeld, Rollenwechsel und Unsicherheit. In solchen Übergangsphasen geraten Systeme oft in Unruhe. Das heißt nicht automatisch, dass jemand „falsch“ handelt sondern dass alte Muster nicht mehr tragen und neue noch nicht stabil sind.
Mir fällt auf, dass ihr beide scheinbar nach Sicherheit sucht, aber auf sehr unterschiedliche Weise:
Du suchst Sicherheit über Klarheit, Struktur, Sachlichkeit, gute Planung und Verantwortungsübernahme.
Sie scheint Sicherheit eher über emotionale Nähe, Zugehörigkeit, Priorität und Verlässlichkeit im „Wir“ zu brauchen.
Wenn diese beiden Strategien aufeinandertreffen, kann leicht das entstehen, was du beschreibst:
Du bemühst dich, alles gut zu organisieren und fair zu machen und sie erlebt sich dabei trotzdem nicht gesehen oder priorisiert. Und je mehr sie sich zurückzieht oder Vorwürfe macht, desto mehr gerätst du in Rechtfertigung, Erklären und noch mehr Bemühen. Das kann eine klassische Eskalationsspirale sein, ohne dass jemand böse Absicht hat.
Ein paar systemische Denkanstöße, nicht als Wahrheit, sondern als Einladung zum Reflektieren:
1. Rollenklärung:
Ihr scheint noch nicht wirklich geklärt zu haben, welche Rolle sie aktuell gegenüber deinen Kindern hat und welche nicht. „Mit einbezogen sein“ kann für jeden etwas völlig anderes bedeuten. Vielleicht wäre ein explizites Gespräch hilfreich:
Was darf sie mitentscheiden?
Wo bist du klar allein verantwortlich?
Wie wird das später mit dem gemeinsamen Kind aussehen und was bleibt trotzdem unterschiedlich?
2. Bedürfnis-Ebene statt Ereignis-Ebene:
In vielen deiner Beispiele geht es vordergründig um konkrete Situationen (Kuss, Uhrzeit, Basteln, Ausflug). Dahinter könnten aber Bedürfnisse stehen wie:
-gesehen werden
-wichtig sein
-dazugehören
-Sicherheit
-Einfluss haben
Wenn ihr es schafft, mehr über diese Ebenen zu sprechen statt über „wer hat was falsch gemacht“, könnte sich die Dynamik entspannen.
3. Nähe–Distanz-Dynamik:
Ihr Rückzug und deine verstärkte Kontaktaufnahme wirken wie ein klassisches Gegenbewegungsmuster. Je mehr einer zieht, desto mehr geht der andere in Distanz, oft unbewusst. Auch das ist kein Schuldthema, sondern ein Beziehungsmuster.
4. Deine eigenen Grenzen ernst nehmen:
Du klingst sehr verantwortungsbewusst, vielleicht sogar auf Kosten deiner eigenen Belastungsgrenze. Deine Zweifel am Zusammenziehen klingen nicht irrational, sondern eher nach einem inneren Warnsignal. Systemisch gesehen sind solche Signale wichtige Informationen, keine Störungen.
Vielleicht wäre, wenn möglich, eine gemeinsame externe Begleitung (Paarberatung /systemische Beratung) gerade jetzt sehr sinnvoll, bevor ihr in eine Wohn- und Familiensituation geht, die schwer rückgängig zu machen ist.
Ich wünsche dir viel Klarheit und auch Mitgefühl mit dir selbst. Du wirkst nicht unsensibel oder lieblos, eher wie jemand, der gerade versucht, zu viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten.
Alles Gute dir und Deinen Lieben!