Liebe Kaylee,
ob er bei früheren Beziehungen auch so war oder nicht, ist für DICH unerheblich. Aber Du kannst davon ausgehen, dass er da auch so war, denn es sind Verhaltensweisen, die er schon lange praktiziert. Also wird er bei der Ex. auch nicht zugewandter und zuverlässiger gewesen sein. Die Ex. kannst Du nicht fragen, aber selbst wenn, würdest Du Dich bei ihrer Darstellung dieser so wundervollen Beziehung vielleicht fragen, ob die beiden von derselben Beziehung sprechen.
Was mit der Ex. war, ist egal. Aber es hat nicht funktioniert und das hat seine Gründe. Er spricht so positiv von ihr, was ihn vielleicht ehrt, aber Dich nur weiter verunsichert. Wäre es so toll gewesen, wären sie zusammen.
Und Du kennst nur seine Berichterstattung und nicht ihre.
Ob das in seinem Wesen liegt, wie er sich verhält? Natürlich, wo auch sonst? Er beherrscht die Spielregeln einer Beziehung nicht und das wird sich auch nicht ändern, denn er denkt gar nicht so weit. Du bist in den Zeiten, in denen er auf Tauchstation ist, womöglich sogar vergessen.
Und wenn es in seinem Wesen liegt, umso schlimmer, denn dann wird sich das auch nicht ändern.
Es liegt nicht an Dir, denn er funktioniert in Beziehungen nicht so wie man es erwarten könnte. Aber jeder, der in einem ungesunden Machtgefälle lebt, sucht die Schuld bei sich. Wenn ich so und so wäre, dann ...
Wenn ich doch nur besser damit umgehen könnte! Wenn ich mir nicht alles so zu Herzen nehmen würde!
Das kannst Du Dir hundert Mal sagen, Du kannst Dir auch einreden, dass Dir das alles ja überhaupt nichts ausmacht, es tut trotzdem weh. Und das ist das Problem. Du kannst nicht sagen, ach Gottchen, hat er wieder mal eine "Freiheitsphase", na, die sitze ich aus, mir doch egal.Weil es Dir eben doch Kummer bereitet.
Und darum geht es doch. Dir geht es nicht gut damit, Du kannst nicht lässig und souverän damit umgehen, weil Du innerlich verunsichert bist. Und das bist Du, weil er in seinem Verhalten ungleichmäßig ist.
Diese innere Verunsicherung bei Dir ist aber auch sein Werk. Sie ist vielleicht Teil Deines Wesens, aber er verstärkt sie noch.
Ich vermisse bei Dir den Blick auf Dich selbst. Du kreist ständig nur um den Vollkoffer anstatt Dir einzugestehen, dass das nicht die Art Beziehung ist, mit der DU glücklich bist. Stattdessen übst Du Dich im Leiden. Leiden ist leichter als lösen, daher wählte ich das damals auch. Ich hielt alles aus, sogar eine Verabredung mit einer anderen Frau hinter meinem Rücken, die er als bedeutungslos abtat. Diese Frau hatte aber klar erkennbar Absichten und ich wusste um seinen Drang nach Bestätigung.
Ihr schickte er von einer Dienstreise aus eine Mail, ich wurde mit einer SMS abgespeist.
Das alles nahm ich hin, wollte ich quasi vergessen, aber es verstärkte meine Unsicherheit und mein Misstrauen nur. Ich tat mir selbst damit weh und leugnete es vor mir selbst. Denn es war einfacher so als klare Kante zu zeigen und zu gehen, um den letzten Rest Würde zu bewahren.
Das ist das Wesen einer toxischen Beziehung. Die Unfähigkeit, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und einzufordern, aber eine grenzenlose Nachsicht und grenzenloses Verständnis für ihn und seine kleinen Fehlerchen. Toxische Beziehungen sind immer im Ungleichgewicht, einer oben, der andere unten und wehe, das Kräfteverhältnis vertauscht sich. Dann kann das ganz schnell das Ende bedeuten, da der Mächtigere nicht damit umgehen kann, wenn seine Position gefährdet ist und verschoben wird.
Und aus toxischen Beziehungen löst man sich nur sehr, sehr schwer, wenn überhaupt, weil da ja wieder die anderen Momente und Phasen sind, die ja soo unglaublich schön und wertvoll sind. Auch dahinter steckt ein seelischer Mechanismus des Unterlegenen. Die schönen Phasen sind selten und daher werden sie verklärt und daher erscheinen sie einem als wertvoll und einzigartig, dass man sie immer wieder herbei führen wird. Und dafür tut man dann ja auch jede Menge. Man sieht nach, man verzeiht, man wiegelt ab, wie weh manches tut, ist doch alles nicht so wild! Komisch nur, dass das Herz so schwer ist und der Magen irgendwie sich oft wie ein Klumpen anfühlt. Aber das liegt ja nur an mir, weil ich nicht damit umgehen kann.
Ich muss das verstehen, er hatte eine schwere Kindheit, ihm wurde zu viel aufgebürdet.
Heute sage ich, na und? Und warum muss ich das jetzt aushalten, was ihm widerfahren ist?
Iss mal ein Jahr nichts Süßes und schlecke dann an einem Bonbon. Wie wunderbar das schmeckt! Davon möchte man mehr haben. Das Prinzip ist dasselbe. Am Bonbon schlecken löst für den Moment so große Glücksgefühle aus, dann man sich sagt, will ich wieder erleben. Ich muss nur .... so und so sein, das alles besser aushalten können, besser damit umgehen können, mich nicht damit belasten, mich nicht darüber aufregen, mich nicht verunsichern lassen. Diese Liste ist endlos.
Ach ja, und dann der wundervolle Sex! Den will man auch nicht aufgeben, aber der ist auch nur so toll, weil es für den Unterlegenen oft das Mittel ist, noch so was sie Nähe zu spüren. Wenn sonst schon nicht viel an Nähe geboten ist, dann wenigstens dort.
Zum Thema Verstehen. Verstehen setzt voraus, eine Sache mit dem Verstand zu betrachten ohne Gefühle, die dazwischen jammern und jaulen. Verstehen setzt eine innere Distanz voraus. Wenn man diese nicht hat, kann man den anderen auch nicht verstehen. Vielleicht akzeptieren, wenn das eigene Fell dick genug ist. Aber Verstehen kann ich es nicht, weil die Gefühle anders sind als der Verstand.
Ich verstehe meinen Ex. heute sehr gut, ich glaube, ihn gut zu kennen, aber das war erst möglich, als die Trennung schon Monate vorbei war. Erst als er mir nicht mehr weh tat, konnte ich mir das alles nüchtern betrachten und sah auch mein hilfloses Agieren, mit dem ich mir keinen Blumenstrauß verdiente. Ich hatte mich klein machen lassen, ihn glorifiziert, weil auch das in meinem Wesen lag. Es dauerte lange Zeit, bis ich das bei mir erkannte.
Heute weiß ich, dass mir ein innerer Mechanismus quasi anerzogen wurde. Ich "rette" gerne Männer, es ist wie ein innerer Impuls. Und da ich das jetzt weiß, kann ich mich selbst zurück pfeifen. Ha, wieder mal ein unglücklicher Mann, den ich vielleicht aufheitern kann! Nein, nicht mehr mit mir.
Ich habe genug mit mir selbst zu tun und ich bin es mir wert, dass es mir gut geht. Und daran hat auch der Partner seinen Anteil. Wenn er seinen Anteil nicht beiträgt, gibt es eine Schieflage. Einer gibt mehr als der andere und das macht jede Beziehung auf längere Sicht unglücklich.
Begonie