Zitat von Ricky:Teilautismen sind nicht so unwahrscheinlich heute. Früher hat man das als "Träumer" oder meinetwegen "aufgewecktes Kind" abgetan. Vieles ist aber, muss man leider sagen, selbst bei autistischen Kindern, einfach schlechte Erziehung. Das werfe ich Dir nicht vor, erlebe es aber immer wieder im Schulalltag.
Danke, Ricky, das sind sehr gute Hinweise, über die ich mir viel Gedanken mache. Ich habe ja noch eine Tochter von 13 J., mit ihr ist alles viel leichter trotz Pubertät und ihrem starken Willen. Ich denke mal, da ist mir Erziehung gut gelungen bisher. Sie ist gradlinig, weiß, was sie will, übernimmt Verantwortung etc. Bei und für meinen Sohn muss ich das ganz anders machen. Nur wie? Wie erzieht man einen (möglicherweise, nicht-diagnostizierten) Teil-Autisten bzw. was braucht mein Sohn? Klar ist, er braucht ganz klare (Tages)strukturen, unmissverständlich klare Ansagen, die er in Revoluzzermanier versucht zu torpedieren. Er lebt in seiner eigenen Welt -- ja, Träumer passt -- und hat die ganz starke Tendenz, sich mit TV, Spielekonsole in andere, schöne Welten zu beamen. Er ist ein sehr, sehr guter, schneller Kopfrechner, baut in seinem Alter in Rekordgeschwindigkeit Lego-Fahrzeuge etc. auf, die manch Erwachsenen überforderten. Er hat auch von einem Pädaudiologen eine diagnostizierte "Unfähigkeit" konzentriert zu hören. Er kann Nebengeräusche nicht ausblenden, deswegen versteht er vieles total falsch und verdreht oft Zusammenhänge. Es ist aber unmöglich, ihm klar zu machen, dass er mich falsch verstanden hat. Er beharrt darauf, dass er recht hat und ich würde ihn anlügen. Ist das "nur" Sturheit oder hat das schon eine autistische Dimension? Er eckt mit diesem Verhalten auch in der Schule an mit seinen Kameraden.
Ich habe ständig dieses Deja-Vus mit ihm, wo ich mich zurückgebeamt fühle in Situationen mit seinem Vater.
Ich kämpfe dann zusätzlich mit meinen Gefühlen herum, wenn das passiert. Mein Ex ist zwar weg, aber die "Baustelle" ist unter anderer Besetzung geblieben.
Zitat von Ricky:Kinder sind sehr feinfühlig. Es kann natürlich sein, dass er Stimmungen von Dir auffängt und sie dann auf sich bezieht. Keine Ahnung wie sehr er z.B. Eure Streits wahrgenommen hat. Aber ich erlebe es sehr häufig, dass Kinder Streits zwischen den Eltern, gerade wenn die geschieden sind, auf sich beziehen. Keine Ahnung, wie oft Du ihm das schon klargemacht hast, aber manchmal wirkt so ein Gespräch ja Wunder... Eltern unterschätzen da halt auch häufig die Auffassungsgabe ihrer Kinder, weil sie sie nicht mit ihren eigenen Problemen belasten wollen.
Davon bin ich überzeugt, dass er das tut. Ich war ja nicht ohne Grund in einer Therapie. Streits gab es bei uns nicht, wir hatten eher den kalten Krieg oder das Schweigen im Walde. Ich habe eine einjährige Weiterbildung als Familienmediatorin im Gepäck, wofür ich sehr dankbar bin, dass ich mich das habe lernen lassen, denn so konnte ich meinen Kindern trotz meiner eigenen Betroffenheit gut zur Seite stehen. Bei meinem Sohn scheint aber (s.o.) eine starke Tendenz da zu sein, nur das für wahr zu halten, was in seinem Kopf vorgeht, und nicht das, was er von anderen gesagt/gespiegelt bekommt.
Die besonders empfindsame Art, von anderen die "Schwingungen" aufzunehmen, das hat er eindeutig von mir. Das erfordert eine noch intensivere Auseinandersetzung mit sich selbst, wenn man so empfänglich ist.