Zitat von Nostraventjo: Darf ich dich was fragen, erträgst du es wenn Leute dich nicht mögen oder bist du jemand, der von möglichst allen Menschen gemocht werden möchte?
Ja, ich glaube Ro möchte möglichst von allen gemocht werden, weil sie immer hofft, dass das Trauma in ihr (ich bin es nicht wert geliebt und gemocht zu werden) sich endlich auflöst. Daher auch die panische Angst vor Ablehnung und Zurückweisung, die sie dann wieder in ihr Loch wirft.
Ein inneres Trauma ist eine ganz eigene Sache. Viele, wahrscheinlich alle Menschen haben ein inneres Trauma, in abgeschwächter Form könnte man es auch als innere Fehlstelle oder Defizit bezeichnen. Bei Ro ist es sicher ein Trauma, das sie erlitten hat.
Eine panische Angst vor Ablehnung verbunden mit einem sehr schlechten Selbstwertgefühl. Aber das gehört sowieso zusammen. Da wurde einiges bei ihr kaputt gemacht.
Ro muss aber begreifen, dass ihr ganz individuelles Trauma nur von ihr selbst aufgelöst werden kann. Wenn man sich immer vom Zuspruch der Mitmenschen abhängig macht, wird man zwangsläufig enttäuscht, weil die Mitmenschen nicht so agieren wie sie es in Ro's Augen sollten.
Quarantäne tut ein übriges, da kann man sich wunderbar im Kreis drehen und sich in eine - selbstverständlich - negative Gedankenspirale begeben, die dann wieder die entsprechenden Gefühle hervorruft. Gedanken bedingen Gefühle. Steigere ich mich in die Angst vor Ablehnung, fühle ich wieder Angst und Bedrohung. Oh Gott, was, wenn man mich nicht mag? Das halte ich nicht aus!
Doch, das hält man aus, aber mit 26 weiß man noch nicht, was man im Leben alles aushalten muss. Da kommen iwann noch ganz andere Dinge.
Ro müsste einen Weg finden, diese Ängste zu relativieren, weil sie dann nicht so mächtig sind. Ängste sind da. Ja, dann tue ich etwas, was sie klein hält. Und dann fühlt man ein Erfolgerlebnis, mit dem man sich wieder stärken kann. Da bin ich über meinen Schatten gesprungen, dann schaffe ich es auch ein weiteres Mal.
Ich hatte früher Angst davor, allein irgendwohin zu fahren. Ich wollte auf einen Kongress in einer fernen Stadt, die ich nicht kannte. Ich hatte Angst vor Überforderung, davor, dass ich mich mit der Tram oder dem Bus verfahren könnte, Angst davor, allein im Hotel zu sein. Was tat ich? Ich war feige und fragte einen Kollegen, wo er übernachtet, dass ich mich anhängen konnte. Weiter nicht schlimm, aber ich bat ihn ferner, mich am Bahnhof abzuholen, weil ich Angst vor dem unbekannten Weg hatte. Ich war ein Feigling. Nie wäre ich auf den Kongress gefahren, wenn ich nicht Jemandem zum "Andocken" gehabt hätte.
Jahre später nach einer unglücklich verlaufenen Beziehung, in der ich den Mann immer für seine Selbstständigkeit bewunderte, wurde mir bewusst, wie ängstlich ich war.
Ich ging z. B. auch nicht allein ins Theater. Weil ich da womöglich allein rumstehen würde und alle würden sich denken: Ach , die Arme, die hat ja niemanden und jetzt steht sie allein rum.
Alleine zu verreisen, war undenkbar. Viel zu viel Angst.
Nach dem Beziehungsaus wurde mir bewusst, wie mich meine Angst einschränkte. Und dann dachte ich mir, ich kann jetzt ewig so weiter machen, ich kann es aber auch mal versuchen.
Ich ging ins Theater, allein. Was geschah? Nichts, es tat nicht weh. Ich wurde auch nicht mitleidig beäugt. In der Pause holte ich mir meinen Prosecco und schaute mir die Leute an. Und dann fuhr ich nach Hause und dachte mir, wie blöd ich eigentlich war. Ich war mir immer selbst im Weg gestanden.
Ich ging wieder ins Theater und dann merkte ich, ich brauche niemanden an meiner Seite. Ja, ich will gar niemanden, weil mich das wieder abgelenkt hätte. Ich will nicht in der Pause Smalltalk mit einer Freundin machen. Ich will eigentlich allein sein und dabei blieb ich.
Dann kam ein Kongress in Berlin. Ausgerechnet Berlin. Tja, wie sollte ich das schaffen? Ich hätte nicht fahren müssen, aber da war die beständige innere Stimme, die mir sagte. Fahr dahin, trau Dich, sei nicht feige! Ich überlegte noch ein paar Tage und dann buchte ich den Kongress, ein Hotel und die Bahnfahrkarte.
Als ich dann los fuhr, war ich gar nicht mal aufgeregt. Ich dachte mir, wird schon. Und es wurde. Ich verfuhr mich nicht, ich verlief mich kaum. Der Kongress war super, abends hatte ich viel mit Kollegen vor, ich lernte neue Kollegen kennen. Und dann blieb ich noch zwei Tage allein in Berlin.
Ich fuhr glücklich nach Hause und dachte mir: Berlin war mein Freischwimmer!
Seither war ich öfters dort und es gefällt mir immer, weil man so viele verschiedene Dinge unternehmen kann. Und ich merkte, ich will das auch für mich allein machen, ohne Absprachen und Anpassung an Jemanden.
Ängste kann man überwinden, wenn man sie in Schach hält und vor allem genau das tut, was einem Angst macht. Psychologen tun doch nichts anderes. Sie konfrontieren Menschen mit ihren Ängsten, damit sie kleiner werden.
Diese inneren Ängste sind irrational und sie beruhen meist auf früheren Verletzungen, die nie geheilt wurden. Die spult man dann immer wieder ab, immer in der Hoffnung, dass die Verletzung dieses Mal sozusagen "überschrieben" und damit beseitigt wird.
Es sind dumme Ängste, weil sie einen grundlos blockieren.
Angst vor einer realen Gefahr ist wichtig und lebensnotwendig, aber die Ängste mit denen sich Ro herumschlägt, sind völlig überflüssig und unbegründet. Aber sie begreift es leider nicht und steigert sich stattdessen immer mehr rein.