Zitat von Binaneu:Entweder sie hatten die ganze Zeit auf der " Heimseite" Gefühle oder sie hatten keine und haben weiter keine.
Verstehen kann ich es trotzdem nicht...
Ich würde mich mit dem Ganzen gar nicht mehr wohl fühlen können[/i]
Ich lese hier so oft so absolutistisch "entweder da sind Gefühle oder nicht". Oder "wenn er für mich Gefühle hatte, kann er ja für die andere keine gehabt haben", "wenn er sie jetzt wieder liebt, hat er mich nie geliebt" etc.
Ich glaube, dass das falsch ist. Gefühle sind meiner Meinung nach doch nicht schwarz oder weiß, sondern kommen in verschiedenen Abstufungen/Intensitäten. Wenn man so will, kann man sie zur Vereinfachung vielleicht in Prozentzahlen ausdrücken. Jemand, für den ich gar nichts Positives empfinde, steht bei 0%. Jemand, den ich tief liebe, bei 100%. Jemand, in den ich gerade total verliebt bin, auf dem Höhepunkt der Verliebtheit, bei 130-150%

(also die verklärte Phase der maximalen rosa Brille, die ja auch nicht besonders lange andauert).
Und nun ist es ja in Beziehungen meist so, dass die Gefühle nie bei beiden permanent und gleichzeitig bei 100% stehen. Der andere macht was Blödes, man ist enttäuscht oder verärgert über ihn, und das kostet dann Prozentpunkte. Auf einmal stehe ich vielleicht nur noch bei 70%. Das kann sich dann entweder wieder erhöhen, je nachdem wie der andere darauf reagiert, es kann sich aber auch noch weiter reduzieren. Wenn ich bei 50% oder darunter stehe, ist die Liebe in einer Krise, denn das reicht nicht, um eine stabile Beziehung zu führen. Es ist aber auch noch zu viel, um eine Beziehung zu beenden, sofern man nicht "leidet", sondern eben nur die Gefühle gerade abgekühlt sind.
Vielleicht fange ich dann an, schon mal nach anderen Ausschau zu halten, die Einflugschneise ist auf jeden Fall geöffnet. Und dann finde ich jemanden, den ich ganz nett finde. Ich steige bei 10-20% in eine Affäre ein - ich finde den anderen s. anziehend, attraktiv, viel mehr kann ich noch nicht sagen. Aber er hat vielleicht genau das, was mir gerade aktuell in der Beziehung fehlt und "ergänzt" mich dadurch. Von 50% auf 70% - die sind zwar "geteilt" zwischen zwei Menschen, aber immerhin fühlen sich 70% Gefühle besser an als 50%. Ich bin also erstmal happy und zufrieden.
Und nun passieren ja im Laufe so einer Affäre Dinge. Vielleicht verstärken sich die Gefühle für meine Affäre, und ich stehe da auf einmal auch bei 50%. Für meine Partnerin habe ich aber auch immer noch 50% - Pattsituation. Und nun?
Wird zu diesem Zeitpunkt eine Entscheidung erzwungen, bleibe ich lieber da, wo ich bin. Ist schließlich sicherer, gewohnter, vertrauter, und wenn auch noch eine Familie dranhängt, fällt die Entscheidung leicht - und die Chance, dass aus den 50% wieder 70, 80 oder sogar mehr Prozent werden ist auch gegeben. Beim "Neuen" weiß ich das ja noch gar nicht.
Manchmal passiert parallel etwas, das die Gefühle zum Hauptpartner wieder ansteigen lässt (wenn dieser mit Trennung droht z.B., oder sich zumindest temporär trennt, zurückzieht etc.) - oder aber etwas, das die Gefühle zur AF verringert (z.B. wenn sie anfängt, Druck zu machen, eine Entscheidung zu erzwingen, klammert, zu verfügbar/sicher ist oder ähnliches - alles Dinge, die Gefühle sehr stark verringern). Meistens geschieht bei Auffliegen einer Affäre ja beides - der Partner wird unsicherer - die Gefühle verstärken sich also wieder - die Affäre fängt an, zu klammern, weil sie Angst bekommt, abserviert zu werden - die Gefühle verringern sich. Dann ist die Entscheidung klar. Dass sich die Gefühle danach auch wieder ändern können, ist eh klar, denn die sind ja halt nicht statisch
In jedem Fall gibt es in so einer Situation eine Ambivalenz, weil eben für beide Seiten Gefühle vorhanden sind. In Fällen, wo die Gefühle für den Partner schon bei 0-30% standen, als die Affäre losging, wird dann ja auch meist eine schnelle Konsequenz gezogen (die berühmten Fälle, wo sich der AM in den ersten drei Monaten trennt - klar, da sind dann die Restgefühle schnell aufgebaut, und nach drei Monaten ist die Verliebtheit meistens an ihrem Höhepunkt, also bei über 100%. Da verleiht die rosa Brille sozusagen Flügel). Da, wo die Gefühle eh noch bei 70-100% standen, wird meiner Meinung nach nicht fremdgegangen. Aber das ist in langjährigen Beziehungen auch selten der Fall, wenn überhaupt dann erst NACH einer Krise (z.B. Affäre) mal wieder für eine gewisse Zeit.
Und ähnlich sehe ich das auch auf Seiten der Betrogenen. Wenn ich beim Auffliegen der Affäre noch 70% Gefühle habe für meinen Partner, dann "kostet" ihn die Affäre vielleicht 20-30%. Bleibt meistens immer noch genug, um die Beziehung nicht gleich zu beenden und daran zu arbeiten. Habe ich zu dem Zeitpunkt schon nur noch 40-50% Gefühle, geht die Rechnung nicht mehr auf. Dann kann so eine Affäre meine Restgefühle auf 0 schleudern (im schlimmsten Fall sogar in einen Minusbereich), und dann gehe ich natürlich sofort.
So ungefähr sehe ich das inzwischen, wenn es um Beziehungsentscheidungen und Gefühle geht. Und dann spielt eben auch die Ratio immer noch eine Rolle, ebenso andere Gefühle wie (Verlust)ängste, Unsicherheit etc., und dann wird auf der Basis eine Entscheidung getroffen. Das richtige Timing und der richtige Umgang mit abflauenden Gefühlen beim Partner sind also meiner Meinung nach entscheidend in der Liebe
