Zitat von Jetti: Im Grunde gibt es ja gar keine Alternative als sich selbst verzeihen.
Ansonsten verzweifelt man wohl irgendwann. Krass, dies zu wissen und es dennoch
nicht zu schaffen.
Für mich sind das im Grunde 3 Etappen. Verstehen, Akzeptieren (Annehmen), Verzeihen.
Ich mühe mich immer noch mit dem Verstehen ab, glaube erst dann annehmen zu können
was war und ist. Vielleicht reicht das schon, um Frieden zu schließen mit der Vergangenheit.
Dabei meine ich nicht dieses Bindungstrauma, sondern was danach kam, und da sehe
ich eben klar Versäumnisse und Fehler bei mir. Die vielleicht in diesem frühen Erleben ihre
Ursachen haben, aber eben schon viel eher von mir hätten beareitet werden müssen.
Jemand riet mir mal, die Reihenfolge nicht so starr zu sehen. Das Akzeptieren an den Anfang zu stellen,
ohne alles verstehen zu wollen. Das kommt vielleicht irgendwann, und wenn nicht, wäre es dann
auch nicht mehr so schlimm.
Ich merke ja selbst, wie sehr ich mir im Weg stehe und diese Hürde nicht überspringen kann (nicht will?).
Irgendwann war ich selbst verantwortlich für mein Leben und frage mich, warum ich es teilweise
weggeworfen habe. Absurd, dass ich beinahe das Gleiche auch jetzt wieder tue, indem ich
mir nicht verzeihe und so erneut Lebenszeit ungenutzt lasse.
Du stehst Dir wieder mal im Weg - wie so oft. Du bist 49, scheinbar zu alt, um noch das Leben in eine positive Richtung zu bringen. Du hast Angst vor einer Hürde.
Du hast dein Leben bisher weggeworfen.
Herrgott, Jetti, es ist doch jetzt mit angehend 50 Jahren genau die richtige Zeit, Bewegung in die Sache zu bringen. Mit 20 hast Du keine Ahnung, Du kennst Dich selbst nicht, mit 30 bist Du meist noch recht oberflächlich und hast nicht viel mehr Ahnung vom Leben, mit 40 bist Du damit beschäftigt, das nahende Alter wegzuschieben und begibst Dich daher oft genug in später nicht nachvollziehbare Handlungen. Und mit 50 bist Du reif und erfahren genug und weißt, dass da irgendwas ist, was jetzt endlich mal ins Licht muss.
Insofern ist es doch gerade jetzt das richtige Alter, um die restliche Lebensspanne besser zu gestalten. Dass das jetzt viel Mühe erfordert und auch Leid, ist klar. Stell es Dir wie eine Geburt vor, die ja auch schmerzhaft ist und lange dauern kann.
Du wirst wohl noch mal in Dein Trauma bzw. die Traumata gehen müssen, aber wenn Du mal angefangen hast, kommt meiner Erfahrung nach eins zum anderen.
Mit einem Mal erkennst Du viele Verhaltensweisen die Du übernommen und gelernt hast. Es ist wie ein Vorhang, der allmählich zurückgezogen wird. Du wirst vielleicht merken, wie fremdgesteuert Du bist.
Und das Gute daran ist, Du darfst das alles zurückgeben, Du musst es nicht behalten, denn es kam durchs Leben, durch die Eltern, durch Dein individuelles Schicksal. Das ist einzigartig und ganz inviduell.
Bei Dir wäre therapeutsche Hilfe sicher sinnvoll, aber es muss halt auch ein Therapeut sein, der den Weg zurück mit Dir geht.
Ich war auch 49, als ich endlich mal bei mir angefangen habe, anstatt immer an Pech zu glauben. Es hat sich gelohnt, denn ich fühle mich heute anders mit mir selbst. Und darauf kommt es ja an.
Du tust es für Dich und nicht für Jemand Anderen.
Die 3 Etappen sind die richtige Reihenfolge. Zuerst musst Du erkennen, was ablief, was Dir weh getan hat, womit Du nicht klar gekommen bist. Und dann schließt sich die Akzeptanz an. Ja, es war wie es war, nicht alles gut, aber auch nicht alles schlecht. Und mit der Akzeptanz kommt dann auch die Versöhnung mit sich. Es ist der Weg, den ich gegangen bin und jetzt verlasse ich ihn und suche mir eine andere Route aus.
Du siehst viel zu sehr das Negative und das hemmt Dich nur wieder. Das Zögern, Zweifeln und Zaudern sind wohl symptomathisch für Dich, aber auch nicht immer der richtige Weg.
Natürlich hast Du Fehler gemacht und Versäumnisse zugelassen, aber wer hat das denn nicht? Jeder steht sich im Leben oft im Weg und manche bleiben dabei und lernen nie etwas dazu. Je älter der Mensch aber wird, desto mehr Dinge drängen an die Oberfläche. Gut, wenn Du es jetzt angehst anstatt dass Dich Dinge mit über 80 quälen, wo Du verstandesmäßig vielleicht auch nicht mehr so flexibel bist wie heute.
Alles, was Du jetzt an unangenehmen und unerfreulichen Dingen erkennst und zulässt anstatt wieder im alten Sumpf zu verharren, wird für Dich ein gutes Ende nehmen. Du tust es für Dich und das ist wertvoll.
Es ist ja auch nicht so, dass Du jetzt jeden Tag in der Vergangenheit gräbst und weinst, es ist ja eher ein schleichender Prozess, der fortschreitet, wenn man ihn begonnen hat. Es braucht alles Zeit. Es braucht Zeit, Traumen zu erwerben und damit halbwegs klar zu kommen, indem man sie zunächst verdrängt und abspaltet. Und es braucht Zeit, die Betonschicht, die darüber aufgehäuft wurde, wieder zumindest ein wenig abzutragen.
Sei zuversichtlich, es wird alles gut und ins Lot kommen. Und dann merkst Du vielleich irgendwann erstaunt, dass die frühere innere Unruhe weg ist. Wie konnte das geschehen, praktisch unbemerkt? Dann hast Du viel geschafft.
Leben heißt lernen und das kann durchaus lebenslänglich bedeuten. Fertig wird der Mensch nie. Er wird immer blinde Flecken haben, Defizite die man halt mal hat so wie jeder. Aber man kann anders damit umgehen. Versöhnlicher und damit zufriedener mit sich und seinem ganz individuellen Schicksal werden.