Zitat von Vienne: So interessant ich auch oft Diskussionen mit dir empfinde...in diesem Fall war ich einfach nur überrascht und etwas betroffen...
Ja, tut mir leid, dass Du sogar betroffen warst!
Aber stellt sich Dir nie die Frage: Seit wann gibt es Borderline? Seit wann gibt es ADHS? Seit wann gibt es dissoziative Persönlichkeitsstörungen? Seit wann gibt es Narzissmus? Usw.
Wenn es all das gibt und es sich nicht lediglich um pathologisierende Bennungen menschlicher Eigenheiten handelt, die den "Normalitätskorridor" zusehends verengen, dann muss es das alles entweder ja schon immer gegeben haben, auch in früheren Zeiten, nur eben namenlos, oder aber die neueste Zeit muss all diese Störungen erst hervorgebracht haben, vielleicht als Kompensationsphänomene für Unaushaltbares oder zumindest Überforderndes.
Umgekehrt: Vor hundert und etwas mehr Jahren gab es Neurasthenie, Hebephrenie, Dementia präcox, Hysterie (die wiederum so gut wie ausschließlich Frauen zugerechnet war) ... Gibt es das heute auch noch? Oder ist all das auf eine seltsame Weise verschwunden?
Nun gibt es natürlich seit jeher Verhaltens- und Denkweisen und auch seelische Zustände, die vom Durchschnitt abweichen. Aber zu "Krankenheiten", "Störungen" werden die erst durch entsprechende Namensgebungen. Und das sollte nicht bedenklich sein? Also wenn alle Menschen, die in irgendeiner Weise außergewöhnlich sind, ins Pathologische hinausgedrängt werden und dann entsprechend nicht einmal mehr ernst genommen werden. Das führt zu einer Verarmung sondergleichen, zu einer Art geistig-seelischem Kommunismus.
Ich meine, wenn man an herausragende Persönlichkeiten in der Geschichte denkt, von da Vinci bis Tesla, von Sokrates bis Nietzsche usw. ... die würde allesamt aus der psychiatrischen Behandlung oder Verfolgung ja gar nicht mehr herauskommen und hätten jedenfalls keine Wirkmöglichkeit mehr, weil sie einfach als Gestörte hingestellt und aussortiert werden würden.
Und gerade das halte ich für echten Wahnsinn! Man sollte doch auch mal die größeren Zusammenhänge und Auswirkungen bedenken und nicht immer nur kleingeistig dem jeweiligen Zeitgeist huldigen, der aktuell offensichtlich einer Art allumfassenden Psychoexpediton anheimgefallen ist, der alles abgrast, was ihm irgendwie auffällig erscheint.
Das bedeutet ja nicht mehr und weniger als eine Gleichmacherei auf dem Niveau des Ameisenhaften.
Oder denke mal an die Kunst (falls Dich die interessiert). Ist Dir irgendein bedeutsamer Künstler bekannt, der nicht in irgendeiner Weise ausgeufert gewesen wäre (nimmt man den Durchschnitt als Maßstab)? Heute ist das zumeist ja nicht mehr so, und dadurch ist weit und breit auch nichts mehr zu sehen von bedeutsamer Kunst.
Vielleicht drücke ich mich ja zu unverständlich aus oder wähle manchmal etwas harsche Worte (weil mich manches echt aufregt). Aber es muss doch jedem nachdenklichen und hinterfragenden Menschen einsichtig sein, dass eine solche fortschreitende Verengung des "Normalen" zu einer völligen geistigen Verarmung führt.
Möglich, in zehn oder zwanzig Jahren gelten auch Forumsschreiber schon als psychiatrische Notfälle, vielleicht unter dem Titel Scriberotiker.
Das alles kann man doch nicht so einfach hinnehmen, und daher werde ich mich sicher nicht mit dieser grassierenden Psychopathologisierung abfinden.
Noch dazu, wo dieser Wahnsinn ja bis in die Familien und Beziehungen hinreicht, und ja schon zwischenmenschlich vorgängig erst einmal eine gegenseitige Psychoanlayse stattfindet, als müsste man erst einmal herausfinden, mit welchem Narren oder Gefährder es man da zu tun hat.
Also das ist doch, selbst in meinem toleranten Sinne, absolut nicht mehr "normal"!
Und das ist es, was mich stört und was ich auch für einen echten Unfug, um nicht zu sagen für eine Katastrophe halte.