Liebe rinchen,
dabei bist du doch keine olle Witwe, sondern eine junge Frau die einen schlechten Start ins Beziehungsleben hatte, aber sei versichert, da kommt noch sehr viel besseres nach. Der Zustand jetzt, der bleibt nicht so, das ist eine Zwischenphase. In der du, wenn du es zulässt, viel lernen und dich gut entwickeln kannst. Natürlich braucht das Zeit.
Und Unterstützung. Das Forum kann diese nur begrenzt leisten. Du hast schwere Last auf den Schultern: eine toxische Beziehung verarbeiten, Trennungskummer UND die schwierige Situation mit deiner Mutter; wenn du dazu neigst dich selbst zu verletzen, um den Druck abzubauen, ist das Thema mit deiner Familie wahrscheinlich nicht akut und unerwartet, sondern du warst schädlichen Strukturen und Mustern schon früh ausgeliefert?
Zitat von rinchen:Was bin ich dann für ein Mensch? Wenn ich seine Vergangenheit kenne, und mich trotzdem gegen ihn kehre? Ich bin doch abscheulich. Ich muss doch eigentlich zu ihm halten.
Hierzu wollte ich dir gern noch etwas schreiben, weil Schuldgefühle so quälend sein können. Sie sind aber auch genauso trügerisch. Denn von außen betrachtet gibt es nur Gründe, sich selbst vor einem Partner wie deinem Ex zu schützen! Betrachte seine Störung (was immer es ist) und seine schädigenden Verhaltensweisen wie eine ansteckende Krankheit: du kannst ihn nicht heilen, aber du wirst selbst davon krank, schwer krank wie du jetzt immer noch erlebst, denn die Krankheit wütet noch in dir. Du musst dir erlauben, gesund zu werden und hab Geduld mit dir.
Und noch was zum Thema zu ihm halten. Erstens hast du es wirklich mehr als lange genug mit ihm ausgehalten. Zweitens ist es NICHT deine Aufgabe, ihn zu retten und zu lieben. Das wäre Aufgabe seines Vaters gewesen, der die Familie mit seinen Misshandlungen zerstört hat; Aufgabe seiner Mutter, die weder sich noch ihren Sohn vor den Folgen dieser Misshandlungen geschützt hat; Aufgabe seiner Tante, ihn nicht zu missbrauchen, Aufgabe des Umfeldes, da einzuschreiten etc. etc. und da er inzwischen erwachsen ist, ist es seine Aufgabe, seine Geschichte aufzuarbeiten und sein Leben in den Griff zu kriegen. Es ist NICHT deine Aufgabe, da irgendwas zu richten, an keiner Stelle. Du bist in erster Linie dir selbst gegenüber verantwortlich und da war die Trennung das einzig Richtige, was du tun konntest.
Zitat von rinchen:Aber wie ich mich fühle, allein irgendwo im nirgendwo mit Niemandem, das fragt sie nicht. Das fragt niemand.
Niemand?
Zitat von rinchen:Jetzt ist nichts mehr da und ich bin alleine.
Liebe rinchen, das klingt jetzt erstmal komisch, weil es für dich sich so leidvoll anfühlt, aber eigentlich ist das gerade gut. Es ist in jedem Fall besser, als weiter auf dir herumtrampeln zu lassen von jemandem der nicht dich, sondern die Macht über dich liebt.
Du hast großes geleistet, dich aus dieser Beziehung zu befreien. Du hast großes geleistet, dabei nicht nur auch noch die Erkrankung deiner Mutter zu ertragen, sondern dich auch noch um Hilfe für sie zu kümmern. Schau ruhig einmal liebevoll auf dich selbst. Wahrscheinlich ein absolut ungewohntes Gefühl. Aber so wertvoll. Lies einmal ein wenig zum Thema "Selbstmitgefühl" (nicht Selbstmitleid) und versuche, dich darin zu üben.
Ich wünsche dir sehr, dass du durch die Phase, die du gerade durchlebst, einen neuen Zugang zu dir selbst bis hin zur Selbstliebe entdeckst. Das kann deine Zukunft um so vieles schöner werden lassen, als die Vergangenheit es war. Krisen sind tatsächlich große Chancen, man sagt das nicht nur so um zu trösten, sondern weil es wahr ist. Man muss diese Chancen aber nutzen und nicht in alten schädlichen Mustern und Denkweisen verharren.
Deshalb komme ich nochmal darauf zurück, dass dir Unterstützung gut tun würde. Ich meine damit professionelle Unterstützung in Form einer Therapie. Ich kann das nur empfehlen, allein die Tatsache, dass da regelmäßig jemand ist, der zuhört, versteht und
den es interessiert wie es mir geht hat mir damals in der akuten Not unglaublich viel gebracht. Der weitere Gewinn durch die therapeutsch begleitete Reflektion der eigenen Situation entwickelt sich dann mit der Zeit.