Hallo Megeas,
du hattest einen besonderen Start ins Leben und die Schwierigkeit, die du hast, ist, dass du alles, was in deinem Leben noch nicht so ist, wie du dir das wünschst, darauf zurückführst. Du denkst, dass deine besondere Situation in der Kindheit alleine Schuld daran hat, dass du kein Urvertrauen aufbauen kannst, dass du labil bist und große Schwierigkeiten im Umgang mit Ablehnung hast usw...
Und natürlich ist es nicht egal, ob und in welcher Familie wir aufwachsen, es gibt gute und weniger gute Startbedingungen - aber so einfach geht die Rechnung nicht auf! Es ist nicht so, dass alle, die in einer intakten Familie aufwachsen, automatisch ein tolles Selbstwertgefühl entwickeln und mit Leichtigkeit alle Schwierigkeiten ihres Lebens aus dem Weg räumen. Auch, wenn du in einem intakten Elternhaus groß geworden bist, schützt das nicht vor den größten Selbstzweifeln, nicht vor Burn-out, nicht vor Depression, nicht vor Kummer aller Art und vor Liebeskummer sowieso nicht. Die Praxen von Psychologen und Psychiatern platzen aus allen Nähten und alle diese Menschen, die verzweifelt Hilfe suchen, sind nicht in russischen Waisenhäusern aufgewachsen, sondern bei ihren leiblichen Eltern. Weißt du, bei den leiblichen Eltern aufzuwachsen, muss nicht automatisch der 6er im Lotto sein. Ich kenne so viele traurige Geschichten, von Kindern psychisch kranker Eltern, von Eltern, die ihre Kinder demütigen, schlagen, missbrauchen, von Eltern, die so mit sich beschäftigt sind, dass sie ihre Kinder nicht sehen. Und ich kenne Freunde, die wirklich von liebevollen Eltern großgezogen wurden und sich trotzdem überhaupt nicht im Leben zurechtgefunden haben, die sich verloren fühlen und in die Sucht abrutschen.
Es keine Garantien und es gibt erst recht keinen Highway zum glücklichen Leben, für niemanden von uns! Ja sogar im Märchen muss der Held zwischen "es war einmal" und "sie lebten glücklich und zufrieden" viele Prüfungen ablegen und Ängste durchstehen. Niemandem wird ein entspanntes Leben im Urvertrauen einfach so geschenkt. Wir alle sitzen irgendwann im selben Boot, wir alle rutschen in Lebenskrisen und müssen alleine wieder den Weg herausfinden, bis zur nächsten Krise.
Ich finde, du machst das schon ganz richtig. Suche dir Bücher heraus, die dich ansprechen und mache damit den Anfang, ein guter Therapeut ist auch niemals verkehrt! Ein Anfang kann es auch sein, wenn man wirklich ehrlich zu seinen Gefühlen und zu seinen Bedürfnissen steht. Vieles, was wir in Wut und Ärger behaupten, z.B. :"XY ist mir sch.gal!", entspricht ja meist nicht den Tatsachen, sondern vielmehr sind das Schutzbehauptungen, um den Schmerz besser ertragen zu können. Da hilft es, ehrlich zu sich zu sein, sich selbst in den Arm zu nehmen. Auf diese Weise können Wunden und die Trauer um verpasste Chancen leichter heilen, als wenn man im Widerstand ist oder seinen Schmerz ignoriert, so tut als sei er nicht da, wenn er doch da ist. Du darfst trauern! Mir hilft Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber mir selbst und auch gegenüber anderen. Ich spiele nicht die Starke oder die Fröhliche, wenn ich es gerade nicht bin.
Gehe ein Schritt nach dem anderen.