Ich lese sporadisch mit und möchte gern auch etwas anekdotische Evidenz ergänzen:
Zitat von Nalf: Patriarchy Chicken Experiment
Darüber hatte ich vor langen Jahren gelesen und ab und zu teste ich das auch.
Zitat von Blind-Meg: Das Anliegen war Neugier und mal ein bisschen rumzuspielen in so kleinen Situationen.
Erst mal aus diesem Grund. Und weil ich mit cira 20 Jahren nicht nur Bücher von Wolf Schneider zu Sprache, sondern auch ein Buch von Luise Pusch gelesen habe und das beruflich bestätigt fand. Anderes Thema.
Leider werden hier Situationen und die o. .g. anekdotische Evidenz munter vermischt und dann sind die Frauen, die das Experiment bestätigen, die hysterischen in der Diskussion. Ich neige nicht zu Hysterie und wäre ideal für den diplomatischen Dienst, weil ich in der Regel beide Seiten verstehe. Zumindest die Herkunft von Argumenten und Gefühlen.
Deswegen möchte ich kurz entzerren:
Zitat von Rheinländer: Ich persönlich lasse meistens anderen den Vortritt und das ganz unabhängig vom Geschlecht.
Zitat von ElGatoRojo: Letztlich sind nach meiner persönlichen Erfahrung beim einsteigen in Züge oder Busse Frauen genau so unhöflich und drängelig wie Männer und verbal oft noch unhöflicher
Die beiden Zitate sind genauso einmalige Erfahrungen wie Megs Beschreibungen und sicherlich absolut korrekt.
Es geht dabei nur - anders als in Megs Beschreibung - nicht um das "Ausweich-Experiment".
Also machen die zwei Erfahrungen hier gar keinen Sinn.
Nochmal das Experiment:
In Alltagssituationen kommen sich Männer und Frauen auf gleicher Linie entgegen. Das kann in der Fußgängerzone, auf einem beliebigen Bürgersteig oder auf einem Waldweg sein. Joggend oder spazierend, aber zu Fuß. "Automatisch (und in der Regel, nie immer)" wird die Frau den Bogen um den Mann herum gehen und nicht umgekehrt.
Mehr sagt das Experiment nicht. Die Einsteige-Situation im Zug trifft das Experiment also auch nicht wirklich, aber Meg hat ja beschrieben, dass sie auch auf der Straße getestet hat.
Ich fände super, wenn alle hier mitschreibenden Frauen und Männer das mal eine Woche lang an sich beobachten würden, OHNE ihr Verhalten umzustellen. Wird vermutlich nicht funktionieren.
Es geht dabei NICHT um eine bewusste Konfrontation oder um eine befürchtete Konfrontation. Es geht nicht um Höflichkeit. Es geht um Automatismen.
Zitat von ElGatoRojo: du bist allein und 4 Türken kommen dir auf dem Gehweg entgegen. Oder umgekehrt. Für Männer alltägliche Erfahrung.
Dieses Zitat ist also abgesehen vom rassistischen Subtext komplett Panne. Es geht nicht darum.
Kurz zu meiner Erfahrung, wie gesagt, rein aus Neugier:
Ich bin viel zu Fuß unterwegs und teste das Experiment sowohl spazierend als auch manchmal beim Joggen. Es ist super spannend. Und (in der Regel, not all situations) funktioniert es genau so: Die Frau bleibt auf Linie, der Mann merkt das zu spät, in der Regel weicht der Mann dann auch aus. Oder man steht fast Nase an Nase. Wenn ich weiter stehenbleibe, was ich mache (ich schaue freundlich), dann weicht der Mann aus, ist aber irritiert.
Ich habe das Experiment erweitert: Manchmal schaue ich auf den Boden oder zur Seite, vorgebend, dass ich gerade etwas anderes im Blick habe.
Dann (und nur dann) gehen Männer prophylaktisch deutlich öfter vorab zur Seite.
Und das ist der Unterschied zu dem, was hier zum Teil von Mannesseite konstruiert wird: Es geht nicht um Konfrontation, wenn der Mann einfach seinen Weg geht. Der macht das nicht absichtlich. Ist einfach so drin. Mit meinem Stehenbleiben verändere ich auch nichts, das ist ein kurzer Moment der Irritation, den ich interessant finde.
Was das Experiment bei mir ausgelöst hat, ist ein Bewusstwerden, dass ich "Raum einnehme", wenn ich etwas wirklich will. Manchmal will ich nicht zur Seite gehen, dann mache ich das nicht.
Und ja, ich habe da strukturelle Vorteile: Ich bin gepflegt, weiß, hübsch, freundlich, inzwischen auch älter (Respekt? bin nicht sicher) und ich lächle oft, weil ich das gern mache. Beim Stehenbleiben lächle ich nicht, weil ich da einfach meinen Weg gehen will. Dennoch vermeide ich durch meine Optik vermutlich einige Konfrontationen. Aber ich bleibe trotzdem stehen. Und das führt dann erstaunlich schnell zumindest zu aggressivem Schnauben (und zu echt unguten Beleidigungen sogar auch, aber selten).
Wie gesagt: Ich würde Euch wünschen, dass Ihr das mal im Alltag testet bzw. als Männer versucht wahrzunehmen.