Zitat von Blind-Meg: Jetzt schlug mir gerade der Blitz ein bei deinen Worten und ich kann endlich in Worte fassen und begründen, wieso die alten "Höflichkeits"-Rituale mir schon immer irgendwie schräg/falsch/doppelbödig vorkamen. Zuvor war das immer nur so eine diffuse Ablehnung, aber jetzt hab ichs, dank dir: bei all diesen Dingen, die der Mann höflicherweise für die Frau tut (in den Mantel helfen, Tür aufhalten, Taschen tragen), entlastet er sie zwar, behält aber gleichzeitig die Kontrolle über die Vorgänge und damit über die Frau. Ist sie es nicht gewohnt, Türen selbst zu öffnen, hat sie weniger Möglichkeiten, zu entscheiden, wann und wohin sie geht. Trägt er den Koffer (in dem ihre Sachen drin sind), kann sie ihm nicht abhauen. Kümmert er sich um die Finanzen und hütet die Ausweise, bleibt sie abhängig.
Jetzt wird natürlich wieder ein männlicher Aufschrei par excellance folgen, aber darauf werde ich nicht reagieren, also könnt ihr es euch auch sparen. Für einen ergebnisoffenen respektvollen Austausch über das Thema bin ich gern zu haben, auch mir Männern, aber auf alles andere gehe ich nicht ein.
Echt jetzt. Mir fällt schon das Lesen schwer.
Mir fiel aber zu Deinem Text sofort eine reale Situation ein, die für mich sehr gut zeigt, wohin wir geraten, wenn wir jede Form von Hilfsbereitschaft zwanghaft unter Verdacht stellen. Ich war mit einem Kollegen in einem Trainingsraum, als der Feueralarm ausgelöst wurde. Die Evakuierungsroute führte durch ein Fenster, das über eine kleine Leiter erreicht werden musste. Einige der Frauen trugen höhere Schuhe, weshalb unser Trainer — ein guter Freund von mir — ihnen beim Hinaufsteigen die Hand reichte, um ihnen mehr Halt zu geben. Niemand hat das abgelehnt, im Gegenteil: Die Hilfe wurde gern angenommen, einfach weil sie in dem Moment praktisch war. Die Männer hatten offensichtlich kein Problem mit der Leiter, also bot er ihnen keine Hand zur Hilfe an.
Ein paar Tage später bekam er eine Einladung zur Personalabteilung. Eine Teilnehmerin hatte sich beschwert, dass er ihr als Frau geholfen, aber den Männern nicht die Hand gereicht habe — und das sei ein Verstoß gegen Diversity-Grundsätze. Am Ende erhielt er tatsächlich eine Abmahnung.
Was passierte danach? Er änderte sein Verhalten komplett. Er hielt zu. Beispiel niemandem mehr die Tür auf — weder Männern noch Frauen. Er ließ die Türen einfach hinter sich zufallen, um nicht Gefahr zu laufen, ungleich zu handeln und wieder Ärger zu bekommen. Für ihn war das eine Möglichkeit, „neutral“ zu sein, damit ihm niemand etwas auslegen könnte. Ich konnte das sehr gut nachvollziehen, fragte mich aber ernsthaft: Wollen wir so miteinander leben?
Wollen wir eine Gesellschaft, in der jede freundliche Geste auf die Goldwaage gelegt wird? Wo Menschen Angst haben, höflich zu sein, weil es ihnen zum Nachteil ausgelegt werden könnte? Wo Hilfsbereitschaft automatisch als Anmaßung, Kontrolle oder Bevormundung interpretiert wird?
Ich sehe auch die Gefahr, dass wir im Bemühen um Gleichstellung jede zwischenmenschliche Wärme verlieren.
Für mich persönlich ist Höflichkeit kein Machtinstrument, sondern eine Form des respektvollen, rücksichtsvollen Umgangs miteinander — unabhängig vom Geschlecht. Und ich empfinde es als bedenklich, wenn wir uns so sehr fürchten, „falsch“ zu handeln, dass wir am Ende gar nicht mehr füreinander da sind.