Zitat von reader001: Und auch wenn du von mir in der dritten Person geschrieben hast am Anfang, hat es mir was gegeben: Ein wenig mehr Nachsicht mit mir selbst und weniger Druck.
Das mache ich manchmal, wenn ich den Namen des oder der TE nicht mehr weß. Das hat aber nichts mit Abwertung zu tun.
Und halte Ausschau nach Kontakten. Es tut gut, sich mit anderen Menschen zu treffen, sich zu unterhalten, um das altbekannte Thema auszublenden und auch mal Spaß zu haben.
Nach meiner Trennung etablierte sich ein kleiner Stammtisch von 4 Frauen. ich war irgendwie zufällig dabei und wurde gefragt, ob ich nächsten Dienstag auch wieder kommen würde.
Erst dachte ich mir, nein, ich bin gerade in der ersten Phase des Liebeskummers und des Herzschmerzes und die plaudern über ihre Kinder oder ihren Beruf. Was soll ich dort? Dann dachte ich mir, halte es dir doch einfach offen.
Am nächsten Dienstag ging ich dann doch hin, schließlich hatte ich nichts Besseres zu tun, also setze ich mich halt dazu.
Von der Trennung erzählte ich nichts, sie wussten davon rein gar nichts.
Das Schlimme an diesem Abend war, dass in meinem Blickfeld ein frisch verliebtes Pärchen am Thresen saß. Ständig lachten sie, berührten sich und das tat mir irre weh. Denn sofort erwachte die Sehnsucht nach ihm, dem Verlasser und ich verspürte den heftigen Wunsch, dass ich am liebsten mit ihm dort sitzen würde. So wie es am Anfang mal war. Und jetzt saß ich da, er war über alle Berge und ich spürte nur den Schmerz wie eine offene Wunde.
Ich dachte mir, das Leben will dich verarschen, regelrecht, weil da jetzt Jemand sitzt, der das hat, was Du gerne hättest, aber nicht bekommst. Ich sprach an diesem Abend nicht viel.
Am Dienstag darauf ging ich wieder hin und mit der Zeit merkte ich, dass mir der Kontakt mit den Frauen gut tat. Ich erfuhr so manches und merkte, dass es in keinem Leben nur Sonnenschein gibt. Niemals erzählte ich von der Beziehung, das blieb bei mir. Und später dachte ich mir, dass es schon seltsam war, dass in dieser Lebensphase doch ein neues Türchen aufging.
So, als ob mir das Leben zwar was genommen aber auch wieder was geschenkt hatte.
Ich mag Berlin und das hat viele Gründe. Ein Grund war, dass der Ex. einen Kontakt in Berlin hatte, eine Art Freundin aus seiner Heimatstadt, die dorthin gezogen war. So hatte er schon mal eine Station zum Übernachten. Wie weit das mit dieser Freundin ging, weiß ich nicht, aber ich ging davon aus, dass es nur eine Freundin war, also eine platonische Beziehung.
Er berichtete öfters von Berlin und in mir entstand der Wunsch, einmal mit ihm dorthin zu fahren.
Ach, was wäre das schön, er würde mir Berlin zeigen (völiiger Quatsch bei der Größe der Stadt, die so vielschichtig ist), aber ich träumte davon, mit ihm Hand in Hand zu schlendern, was anzuschauen und ich würde mich wunderbar fühlen. Es kam nie dazu, denn ein Bindungsvermeider verreist nicht mit einer Partnerin (als ich ich mich nie fühtlte), weil das 24/7-Dauerbetrieb bedeutete und das hätte er nur schwer ausgehalten.
Und dann fand der nächste Kongress unserer Sparte, auf den er normalerweise auch immer hinfuhr, ausgerechnet in Berlin statt. Sollte ich dorthin fahren - allein? Das würde eine Kattastrophe. Ich hatte Angst ihn zu sehen, Angst vor den Gefühlen, die ein Wiedersehen auslösen würde, Angst vor der Großstadt, Angst vor dem Alleinsein im Hotelzimmer, Angst vor den Wegen dort. Die Teilnahme war ja freiwillig, ich hätte es auch sein lassen können.
Aber dann sprach wieder eine andere Instanz in mir. Haha, wieder mal Angst vor allem und jedem. Ich hatte ja sogar Angst vor dem Ankommen mit dem Zug, denn wo würde ich da hingehen müssen? Du bist ein Hasenfuß, warst du schon immer und gehst solchen Dingen aus dem Weg. Typisch für dich, mach nur so weiter und ziehe immer den Schw ... ein wie ein geprügelter Hund. Du bist ein richtiger Feigling.
Die 2 Instanzen stritten in mir und das nervte mich über Tage. Eines Tages setzte ich mich hin, meldete mich an und buchte ein Hotel , mitten in Berlin, gleich beim Alex. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ein paar Wochen fuhr ich mit meinem Koffer nach Berlin und dann war alles so einfach. ich suchte das S-Bahn-Gleis, fuhr die 2 Stationen und im Vorbeifahren fiel mein Blick auf mein Hotel, an dem wir gerade vorbei fuhren. Ich wusste jetzt, der Weg zum Hotel bedeutet den linken Ausgang hinten.
Innerhalb von ein paar Minuten war ich dort, checkte ein, packte ein wenig aus und fuhr zum Kongressgebäude in Neukölln.
Ich regstrierte mich dort und besuchte eine Veranstaltung, traf bekannte Kollegen. Am Abend war die Eröffnungsfeier und die nächsten Abende ergab sich immer was mit Kollegen.
Und dann blieb ich noch 2 Tage und erkundete ein wenig Berlin. Die Selbstständigkeit gefiel mir und ich saß nie traurig oder gar weinend im Hotelzimmer. Ich blühte auf, unterhielt mich mit einer Verkäuferin mit blauem Lidschatten in einer Boutique, die mir erzählte, dass ihr Freund aus Brasilien sei und sie bald 3 Monate dorthin fliegen würden.
Es gefiel mir überall, ich ging alleine essen und fand nichts dabei. Dann fuhr ich heim und schrieb einer Freundin, Berlin war mein Freischwimmer.
Er, der Ex. war gar nicht dorthin gefahren. Der Gedanke dass er einem Wiedersehen mit mir aus dem Weg gehen wollte, gefiel mir.Seither war ich oft dort und jedes Mal fühle ich mich dort wieder wohl. Irgendwie frei und belebt.
Ich kann Dir nur empfehlen, aus Deinem Schneckenhaus raus zu gehen. Es kommt oft anders als man denkt und es kommt oft besser als befürchtet. Im Mai fahre ich wieder nach Berlin.
Gib Dir mal einen Tritt und pack was an, was Du schon lange machen wolltest. Es ist auch ein Signal an Dich selbst, dass die Zeit der Trauer auch mal zu Ende gehen muss.