Zitat von Tatiana: Der Trennungsgrund sei, dass seine Bedürfnisse nicht gesehen worden seien.
Liebe Tatiana,
ich kann Dein Bedürfnis, verstehen zu wollen, wie etwas, das Du gewollt und maßgeblich am Leben gehalten hast, so dermaßen den Bach runtergehen konnte, absolut nachvollziehen.
Neben all dem Schmerz, der Trauer, dem Abschied von einem Leben, für das Du so viel gegeben hast und das er jetzt einfach unmöglich gemacht hat, brauchst Du auch ein Mindestmaß an Kontrolle wieder, um wieder sicher sein zu können.
Daher jetzt mal meine Theorie (unbekannter Weise, Ferndiagnose, kann auch völlig anders gewesen sein):
Eines der Grundbedürfnisse, die viele Männer haben, ist das Bedürfnis, zu genügen.
Während viele Frauen Herausforderungen im Privaten als Aufforderung sehen, Lösungen zu finden, die Zähne zusammen zu beißen, etwas auszuhalten und Kraftreserven zu mobilisieren, um zur Lösung zu kommen, ist bei vielen Männern viel früher Schluss, weil es nicht darum geht, das konkrete Problem bestmöglich zu lösen und damit zu leben, sondern darum, insgesamt zu genügen.
Dein Mann hatte ja ein Bild von sich. Z.B. das des hart arbeitenden Familienvaters, der abends zu seiner glücklichen Familie nach Hause kehrt.
Und dann schaffst und gebierst Du ein Kind und er steht daneben. Du machst die Nächte, weil er seinen Schlaf dringender braucht. Du gehst Vollzeit arbeiten, weil er aus eigener Kraft euch kein Haus besorgen kann, obwohl er das gerne würde und Du das gerne hättest. Er kann sich in Kind und Haushalt nicht zu 50% einbringen, will aber auf Augenhöhe sein. Der Sex, bei dem er sich als genügend fühlen kann, wird weniger, weil Du überlastet bist. Wenn er Dich auf dem einzigen Weg, den er leisten kann, entlastet, Du also in Teilzeit gehst und er mehr Kosten übernimmt, reicht es nicht für Haus und Rente. Dann der völlig verständliche Wunsch nach einem zweiten Kind, den er Dir auch nicht erfüllen kann, weil ihn das ja auf den Ebenen, auf denen er schon jetzt nicht genügt, noch mehr fordert.
Aus Frauensicht sind da die Lebensziele, die nach einander, mehr oder weniger perfekt, mit an- und abschwellenden Prioritäten angegangen werden.
Und aus häufig vertretener Männersicht sind da nur Berge an Problemen, die er nicht lösen kann, dabei soll ihm sein Zuhause und seine Familie Kraft für seine Hauptaufgabe "Geld verdienen" geben und nicht zusätzlich Kraft kosten.
Als Haupternährer hat er nicht genügt, daher wollte er 50/50.
Bei 50/50 hat er gesehen, dass er nicht genügt, weil er nur 30-40 leisten konnte.
Dann noch die anstehenden Themen: 2. Kind, Immobilie, Rente, die sein Nicht-Genügen noch viel klarer zu Tage treten lassen würden.
Also kommt die Notwehrhandlung gegen eigenes Versagen: Der Cut.
Damit ist 2. Kind, gemeinsame Immobilie und gemeinsame Rente vom Tisch, ebenso wie die Ernährerrolle. Er muss jetzt nur noch für sich und die eigene Rente und ein paar Euro Kindesunterhalt arbeiten. Das kann er schaffen. Da kann er genügen. Da kann er sogar Kinderklamotten kaufen und ein paar Nächte mit dem Kind übernehmen, weil seine Auszeiten dann klar definiert sind und er bei Überforderung immer sagen kann, dass er es als geschiedener Vater ja schwer hat. Wenn er es nie zu einer Immobilie bringt, war die teure Scheidung schuld. Als Scheidungsvater mit unzumutbarer Ex-Frau werden ihm viel mehr Defizite zugestanden als als Familienvater.
Er kann jetzt wieder genügen.
Daher auch der Ehrgeiz, ganz schnell die alte Rolle, in der er objektiv immer defizitär geblieben wäre, zu verlassen, und nun der bestmögliche Scheidungsvater zu sein, der später mal eine neue Freundin hat, die viel Verständnis für seine Situation hat und nicht viel von ihm verlangen kann.
Ich glaube nicht, dass Du irgendwas falsch gemacht hast, das einen Scheidungsgrund geboten hätte.
Ich denke, dass er sich in dem Leben, das er selbst mit eingerichtet hat, als defizitär erlebte und sich lieber ein neues Leben einrichtet, in dem er genügt, als an Herausforderungen zu wachsen.
Das ganze Geblubber von wegen "kalte Mutter" würde ich unter "er ist größer, je kleiner er Dich macht" und "er ist mangelbefreiter, je mehr Mängel er an Dir entdeckt" abhaken.
Das Machtgefälle, das Dein Durchziehen in einer Lebensphase, in der er nicht mehr Gas geben konnte oder wollte, geschaffen hat, bekommst Du meiner Meinung nach auch nicht mehr eingefangen. Du hast euch als Team gesehen, in dem er z.B. durch Übernahme von mehr Kosten oder Haushalt Dich hätte entlasten können. Und er stand während dessen in Konkurrenz zu Dir und wollte oder konnte nicht mehr geben, sondern wieder ein einfacheres Leben haben.
Das ist traurig und unnötig.
Aber er kann aus den wenigen Rollen, die er sich selbst als Mann zugesteht, offenbar nicht heraus und wählt jetzt den für ihn einfacheren Weg und muss dabei kalt und brutal sein und Dir die Schuld geben. Denn ein anstrengendes, aber erfülltes Leben wegzuwerfen, um sich ein einfacheres, egofreundlicheres zu erschaffen, kann er vor niemandem, nicht mal sich selbst, rechtfertigen. Deshalb hast Du Anno Dazumal irgendwas gemacht, was er nie verzeihen konnte oder Du nie geändert hast, und er deshalb gehen musste.
Soviel zu meiner Theorie.