Hier Teil 2 von: "Das Wechselmodell" oder auch "jetzt wird alles besser..versprochen"
In meinem vorherigen Beitrag hatte ich ja berichtet, dass meine schulischen Leistungen damals immer mehr nachgelassen hatten. Vergessen zu erwähnen hatte ich aber (weil das später noch wichtig sein wird), dass dadurch meine Versetzung auf ein Gymnasium gefährdet war, weil ich in Mathe die Note 4 hatte. Seiner Zeit war es nämlich so, dass man keine Gymnasialempfehlung erhielt, wenn man in einem Hauptfach nicht mindestens eine 3 hatte. Für meine akademischen Eltern die immer sehr viel Wert auf Bildung legten (zumindest verbal), war das (insbesondere für meinen Vater) natürlich eine absolute Katastrophe! Also wurde kurzer Hand über meinen Kopf entschieden, dass ich die Klasse wiederhole.
Ich schämte mich anfänglich zu tiefst, weil ich für mein Empfinden nun der Sitzenbleiber war und obendrein auch noch ein weiteres Jahr auf dieser (in meinen Augen) schrecklichen Schule verbringen musste.
Der einzig tröstende Ausblick an dieser Stelle war, dass ich nun nicht mehr auf das Mädchen treffen würde , welches mich so lange drangsaliert hatte. Im Laufe der Zeit hatte ich auch wieder mehr Spaß an der Schule, weil ich durch die Wiederholung jetzt deutlich bessere Noten schrieb. Selbst in Mathe räumte ich eine 2 nach der anderen ab und bekam am Ende des Schuljahres endlich die gewünschte Empfehlung für das Gymnasium. Trotzdem hatte ich, was meine schulischen Leistungen anbetraf, nicht wirklich das Gefühl von echter Sicherheit aufgrund von Wissen. Versteht ihr was ich meine?

D.h, ich freute mich zwar über meine guten Noten im "Hier und Jetzt" und auch auf das Gymnasium, aber dennoch blieb immer ein flaues Gefühl in der Magengegend zurück, weil ich Angst hatte, das Niveau nicht auch dauerhaft halten zu können.
Zwischenzeitlich hatte sich auch unser Frust über die lange Abwesenheit meiner Mutter angestaut, denn mittlerweile besuchten wir sie nur noch in den größeren Schulferien. Und selbst dann war meine Mutter praktisch fast nur bei der Arbeit und somit auch nur spät am Abend da. Wir fragten meinen Vater nun schon fast täglich, wann dieser Zustand endlich aufhören würde und beschwerten uns entsprechend regelmäßig bei ihm darüber. Die nächtlichen Problemgespräche zwischen meinen Eltern via Telefon häuften sich und wir hörten meinen Vater, nahezu in Dauerschleife immer wieder zu meiner Mutter sagen:,, Das geht so nicht mehr. Ich schaffe das nicht mehr. Die Kinder brauchen ihre Mutter. Ich kann dich nicht ersetzen!"
Ich kürze an dieser Stelle mal ab, denn offenbar hatten sich meine Eltern nun ein neues Lösungskonzept ausgedacht und das sah nun wie folgt aus:
Wir (also die Kinder) ziehen nach dem Schuljahr zu Mama in die Großstadt und vorerst ins kleine Reihenhaus von Oma. Papa bleibt an Ort und Stelle bis er beide ETW verkauft hat, wechselt beruflich dann ebenfalls in unserem neunen Wohnort, wir kaufen ein Haus und alles wird wieder gut!
Mein Bruder und ich freuten uns wahnsinnig über diese guten Neuigkeiten, bis wir realisierten, dass wir dadurch ja alle unsere bisherigen Freunde verlieren würden und wir befürchteten selbstverständlich nie wieder Neue zu finden! Kindliches Denken eben

Zum Abschied flossen dicke Tränen und ich konnte mich kaum von meiner damaligen besten Freundin lösen. Auch bei meinem sonst so stillen Bruder brachen am Tag des Umzugs alle Dämme, auch weil wir nicht sofort alles was uns wichtig war, mitnehmen konnten und wir Angst hatten, dass Papa in unserer Abwesenheit irgendetwas davon einfach wegschmeißen würde. Sicherheitshalber hatte ich für meinen Bruder und mich daher ein Liste erstellt, was Papa auf keinen Fall vergessen darf in die Umzugskartons zu packen.
Da stehen wir nun im Obergeschoss von Omas kleinem Reihenhaus. 1,5 Zimmer mit Mini-Bad und Mini-Küche, verteilt auf 28qm Wohnfläche. Aber egal, ist ja nicht für lange und Hauptsache Mama ist da!
Anfänglich noch hochmotiviert und voller Vorfreude, das sich nun bald alles zum Guten wenden würde, mussten wir schon innerhalb weniger Monate feststellen, das sich an unserer bisherigen Situation (also der von uns Kindern) mal rein gar nichts gerändert hatte. Im Grunde genommen hatten meine Eltern nichts weiter getan als die Rollen unserer Betreuung zu tauschen, wobei man von Betreuung nicht wirklich sprechen konnte. Denn meine Mutter hatte mittlerweile noch einen weiteren Job zu ihm Hauptjob angenommen (schließlich sollte ja jetzt ein neues Haus her), weshalb wir sie bei Tageslicht, praktisch fast gar nicht mehr zu Gesicht bekamen. Zwar kochte meine Mutter für uns Nachts (zu anderen Uhrzeiten war sie ja nicht zu Hause) ständig vor und schmierte uns am Morgen auch die Schulbrote, aber in allen anderen Bereichen waren wieder einst zu Schlüsselkindern mutiert, die zusehen mussten wie sie alles andere selbst regeln.
Auch wurden die Abstände in denen mein Vater uns besuchte immer größer bzw. insgesamt seltener.
Eine weitere und große Herausforderung denn Unterstützung, war meine Oma für uns, die ja ebenfalls mit im Haus wohnte. Was die sich alles mit uns Kindern und unserer Mutter leistete, führt an dieser Stelle einfach zu weit, weshalb ich es kurz mache und nur zusammenfassend sagen kann, dass das Leben mit ihr und unter einem Dach zur Hölle wurde (Gott soll sie trotzdem selig haben).
Zudem fanden mein Bruder und ich auf der neuen Schule keinen echten Anschluß in Form von Freundschaften, was uns zusätzlich zu schaffen machte. Und so gammelten wir regelrecht Tag ein und Tag aus fast nur noch vor dem Fernseher ab. Wenn es hochkommt hatte meine Mutter lediglich 1x in der Woche einen freien Tag, den sie meist mit einkaufen (sie hatte keinen Führerschein), putzen, kochen und waschen verbrachte oder ständig irgendwelche Papiere wälzte und danach Überweisungen zur Bank schleppte. Die ganze Farce hielt nun mittlerweile seit 2 Jahren an und auch meine Mutter baute optisch und psychisch immer mehr ab. Wieder häuften sich die Telefongespräche zwischen meinen Eltern, in denen meine Mutter meinem Vater, permanent heulend ihr Leid, insbesondere über Oma klagte. Nur bei Oma selbst, da schaffte sie es kein einziges Mal sich ihr gegenüber zu behaupten und ihr mal so richtig die Meinung zu geigen. Meine Mutter ist ein überdurchschnittlich harmoniebedürftiger Mensch, der sich selbst zwar sehr stark an moralischen Werte orientiert, hingegen aber große Schwierigkeiten damit hat, Anderen ihre persönlichen Grenzen aufzuzeigen. Nur selten habe ich es erlebt, dass meine Mutter mal wirklich böse oder laut wurde. Auf Stress oder Verletzungen reagiert meine Mutter bis heute ausschließlich mit Tränen, Beschwichtigungen oder Rechtfertigungen für sich und andere.
Das zeigte sich insbesondere bei Problemen die wir in der Schule hatten bzw. unseren dort abfallenden Leistungen, die erneut zugenommen hatten. Unsere Hausaufgaben wurden weniger auf den richtigen Inhalt geprüft (dafür war einfach keine Zeit), sondern wurden vielmehr daran gemessen, wie ordentlich wir diese zu Papier gebracht hatten. Waren mehr als 2-3 Sätze nicht schön geschrieben, wurde gleich die gesamte Seite rausgerissen und wir durften alles noch einmal neu schreiben.
Ergebnis : Mein Bruder und ich könnten auch heute noch an einem Schön-schreib-wettbewerb teilnehmen.
Kamen wir hingegen mit einer schlechten Note nach Hause, tätschelte meine Mutter uns stets aufmunternd das Händchen.
Standardsatz:,, Sei nicht traurig, bei der nächsten Arbeit klappt das bestimmt besser". Fragt sich nur wie das besser klappen soll, wenn man absolut keinen Durchblick hat und auch keine Anleitung oder Vorschläge der Verbesserung dazu erhält. Mein Vater hingegen hatte zwar selbst auch keine hilfreichen Ideen hierfür zur Hand, wurde es aber nicht müde meiner Mutter, die Schuld für unsere schulischen Leistungen zu geben. Als dann auch noch meine Versetzung in Klasse 8 des Gymnasiums nunmehr auch offiziell einen gefährdeten Zustand erreicht hatte, forderte meine Mutter MICH auf, der Klassenlehrerin zu sagen, dass sie in der Oberstufe nach einer Nachhilfe für mich suchen sollte.
Kurz um: Eine Nachhilfe (billig war die nicht) wurde zwar gefunden, half aber nichts, weil ich schon längst den Anschluß
(natürlich mal wieder in meinem "heiß geliebten" Fach Mathe) verloren hatte.
Fazit: Nach den Sommerferien hieß es also, ab auf die Realschule. Ich werde nie vergessen wie enttäuscht mich mein Vater ansah und dabei einen selbstleidigen Seufzer machte, als er mein Abschlusszeugnis des Gymnasiums in den Händen hielt. Daneben meine Mutter mit hoch rotem Gesicht und ihren berühmten Dauerparolen von "alles wird wieder gut".
Nix wurde gut, zumindest nicht zwischen meinen Eltern....
Fortsetzung folgt