Zitat von DerVorname:Da bleibt was hängen und "Damals war nicht alles schlecht" wird man auch immer wieder hören.
Ich habe in Chile gelebt für einige Jahre kurz nach der Militärdiktatur Anfang der 90er Jahre. Stamme aus einer sehr linken Familie und für mich war Pinochet die Verkörperung des Teufels und all seine Anhänger absolut verachtenswerte Menschen.
Pinochet musste ja nach einer Volksabstimmung Ende der 80er seinen Posten als Staatspräsident abgeben, war danach aber immer noch Oberbefehlshaber des Militärs. Die Volksabstimmung ging knapp gegen Pinochet aus, ich glaube 49% für und 51% gegen ihn. Dann begang ein Demokratisierungsprozess.
So... und plötzlich lebte ich in einer chilenischen Grenzstadt voller Militärs mit ca. 90% Befürwortern von ihm und seiner Politik.
Während seiner Amtszeit, vor allem zu Beginn beim Putsch, wurden tausende Menschen getötet, gefoltert oder sind "verschwunden".
Da ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin und ohnehin aus einer linken Familie stamme, kam ich mit einer gewissen Arroganz und gleichzeitiger Ablehnung in diese Stadt und war die ersten Monate komplett alleine, weil ich mit Leuten, die ihn gut fanden nichts zu tun haben wollte, aber das waren halt fast alle.
Das war echt keine leichte Situation.
Nach und nach habe ich versucht das politische beiseite zu lassen und einfach darauf zu schauen, wen ich mag und habe mich dann doch im Laufe der Zeit sehr gut integriert.
Hatte dann auch viel mit Chilenen zu tun die konservativ eingestellt waren und irgendwann haben wir uns doch über politisches unterhalten. Die meinten dann, dass sie unter Allende (linker Vorgänger von Pinochet aber demokratisch gewählt) auch ganz schön zu leiden hatten, gerade Ausgrenzungen Schikanen im Berufsleben, weil sie sich mit der linken Ideologie nicht identifizieren konnten. Schaut man heutzutage dann nach Venezuela oder gar nach China ("Weltmeister" was die Durchführung der Todesstrafe anbelangt), sowas brachte mein linkes Weltbild dann ganz schön ins Wanken.
Auf jeden Fall hat mich die Zeit dort gelehrt, dass ich meine Sympathien für Menschen definitiv nicht mehr von einer politischen Einstellung abhängig mache und dass es ein leichtes ist von außen zu kritisieren und zu urteilen.