Hallo zusammen,
bei dieser Diskussion darum, ob eine "aufgewärmte Beziehung" nur scheitern kann, geht nach meinem Dafürhalten auch etwas unter, dass die Gründe für die Trennung eine entscheidende Rolle spielen. Ich habe hier von denjenigen, die einen zweiten Anlauf für aufgewärmt und chancenlos halten, immer gelesen, dass sie unterstellen, Grund für das Scheitern der Beziehung seien fehlende oder zurückgegangene Gefühle gewesen.
Tatsächlich gibt es aber auch noch ein paar weitere Gründe für das Scheitern einer Beziehung. Fehlende Gefühle sind es nicht immer. Jeder von uns kennt doch auch den Spruch: "Manchmal ist Liebe nicht genug" (darüber gibt's doch sogar ein Lied - oder mehrere? "Baby, sometimes love just ain't enough" sag ich da nur...). Und das stimmt tatsächlich: Liebe ist nicht alles, was eine funktionierende Beziehung benötigt. Wie hier schon deutlich wurde, gehört auch Mut dazu. Aber auch der Willen, an sich zu arbeiten, mit dem anderen Kompromisse zu schließen, füreinander da zu sein etc. pp.
Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Verbindung, die auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Das sagte einst jemand zu mir, den ich sehr liebe. Ich finde das hier ziemlich passend, muss ich sagen.
Wenn Liebe vorhanden ist, ist das wohl die Grundvoraussetzung für eine Liebesbeziehung. Sicher. Aber es gibt Situationen im Leben, die einen über die Maßen fordern. Emotionale Situationen erfordern viel Kraft und den Einsatz von Ressourcen. Steht das eigene Leben Kopf und man ist überfordert, dann kann das schon dazu führen, dass man die Liebe zwar spürt und will, aber nicht mehr agieren kann, weil einem Ressourcen fehlen, um sich so darauf einzulassen wie es erforderlich wäre.
Denn wir haben auch schon alle festgestellt: Allein mit emotionalen Handlungen ist es in einer Liebesbeziehung doch nicht getan. Man muss immer wieder die eigene Haltung überdenken und auch das annehmen und verwerten, was von der anderen Seite kommt. Es ist also auch viel kognitive Arbeit damit verbunden. Nicht jeder kann das zu jeder Zeit, deshalb verselbständigen sich Situationen zwischen Menschen mitunter.
Ist Liebe im Spiel, dann hängt allerdings ganz schnell die Angst vor dem Verletztwerden damit zusammen. Liebe kann tief verwunden, klar. Wissen wir. Die daraus resultierende Angst vor dem Schmerz der Verletzung bringt bei vielen eine Vermeidungshaltug mit sich, eine klassische Abwehrreaktion. Kann ich das jemandem ernsthaft zum Vorwurf machen? Ich finde nicht.
Auch deshalb denke ich, dass es einfach Käse ist, pauschal zu sagen, dass keine Beziehung mit einem zweiten Anlauf funktionieren kann. Doch, kann sie durchaus. Der Umkehrschluss: Sie kann genauso scheitern wie die erste Beziehung. Sie kann genauso scheitern wie die nächste Beziehung mit einem ganz anderen Menschen, weil wir eben nicht wissen, was die Gründe für das Scheitern der Beziehung waren.
Und was bedeutet überhaupt "Scheitern"? Dass die Beziehung endet? Alles hat doch seine Zeit und Dauer, auch unser Leben ist zeitlich begrenzt und keiner von uns weiß, wann seine Zeit abgelaufen ist. Nur, weil eine Beziehung irgendwann endet, heißt das aber nicht, dass sie nicht bereichernd und schön war. So will ich auch nicht meine Ehe als gescheitert bezeichnen. Es ist nur einfach zu einem Ende gekommen. Aber die Beziehung war deshalb nicht rückwirkend betrachtet schlecht oder falsch. Ihre Zeit ist abgelaufen.
Aber wenn Liebe im Spiel ist, ist doch allein das Grund genug, alles zu versuchen. Oder?
Ich finde jedenfalls nicht, dass man Liebe an jeder Straßenecke findet. Wenn ich jemanden ehrlich, echt und aufrichtig liebe, dann ist das für mich besonders. Und dann lohnt es sich auf jeden Fall, dafür zu kämpfen, um nicht irgendwann mir selbst die schmerzende, bittere Frage berechtigterweise stellen zu müssen, weshalb nicht ich alles mir Mögliche getan habe, sondern darauf gewartet habe, dass es jemand anders tut.