whynot60
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Zitat von ysabell:ich finde es seit eh und je so bemerkeswert, wie aufmerksam der Partner beobachtet wird, wenn Konkurrez vermutet wird. Jedes Haar steht unter Verdacht, Handtaschen, Schminke, alles wird ganz genau beobachtet
Ja, es ist bemerkenswert, daß der Partner erst dann wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, wenn der Verdacht einer Konkurrenz oder gar einer Auswärtigkeit auftaucht. Dann wird sogar alles mit der Lupe untersucht und erscheint oft auch entsprechend vergrößert.
In diesem Zusammenhang ist ja noch etwas interessant: Oft und oft bekommt man zu hören, daß am Anfang einer Beziehung alles so toll war, die Liebe, die Aufmerksamkeit, der S., die Wertschätzung, die Anziehung usw. Und viele stehen vor einem Rätsel, weshalb es späterhin so absackt bis ins völlig Triviale. Oder meinen schlicht, das sei eben so, eine Art von Beziehungsnaturgesetz gewissermaßen.
Gerade die glühenden Anhänger der Monogamie sehen das Verhängnis, das darin liegt, gar nicht: Die Leute machen sich ja nicht einmal aus, daß sie monogam leben wollen, sondern das wird automatisch vorausgesetzt, sobald sich eine Beziehung entwickelt. Es gibt darüber quasi eine ganz selbstverständliche insgeheime Übereinkunft. D. h., sobald die Beute in die Höhle verfrachtet ist, kann man es sich auf dem Heulager gemütlich machen und braucht sich darum weiters gar nicht mehr zu bemühen.
Wäre es möglich, diesen monogamistischen Automatismus, diese Selbstverständlichkeit zu eliminieren, so sähe es ganz anders aus. Weil dann die "Gefahr" der Konkurrenz immer im Bewußtsein präsent wäre und sich das Verlangen und Bemühen fortsetzen würden, solange der andere noch Bedeutung hat. Mit anderen Worten: Gerade diese ganz selbstverständlich vorausgesetzte Monogamie ist der sicherste Totengräber der Beziehung (versteht man eine Beziehung als etwas Lebendiges und nicht bloß als den Käfig, in dem es sich einmal bequem, einmal mühsam dahinverhungern läßt).
Eine andere Frage, die sich mir in diesem Zusammenhang jedesmal unweigerlich stellt, ist: Will nicht gerade die Liebe immer das Beste für den anderen? Und was ganz sicher nicht das Beste sein kann, ist Gefangenschaft. Einer solchen Liebe, wie immer sie sich gebärden mag, traue ich nicht über den Weg. Und vor allem: Ich glaube ihrem Anschein auch nicht. Hier wird ganz offensichtlich ein Wort, das vielen Ohren schön, wenn nicht himmlisch klingt, zu eigenen Zwecken mißbraucht. Mehr kann nicht dahinterstecken.
Eine weitere Frage: Was hat man eigentlich von dieser allerbilligsten Treue aller Treuen, die vom anderen eine Exklusivität verlangt, die man entweder selber nicht bieten kann oder um die man selbst gar nicht ringen muß, weil ohnedies nichts ernsthaft verlockt?
Wäre mir eine Frau nur deshalb "treu", weil ich sonst ausraste oder eingehe, dann würde mir das weder Sicherheit noch Triumph vermitteln, sondern würde mir einen dicken Kloß im Hals verursachen. Welchen Wert sollte eine solche lächerliche Zwangstreue auch schon haben?
Und warum das Wagnis überhaupt eingehen, wenn man um das hohe Risiko weiß und zugleich auch weiß, daß man nicht einmal Kleinigkeiten verkraftet? Das ist ja, wie mit vollstem Appetit und Verlangen von einer ungewissen Torte zu naschen, obwohl man weiß, daß viele Torte Nüsse enthalten und man auf Nüsse mit dem heftigsten, wenn nicht tödlichen allergischen Anfall reagiert.
Ich weiß nicht, warum es mir gerade einfällt: Aber ich lese derzeit ein wunderbares Buch, "Die lachende Maske" von Victor Hugo (ein Geschenk übrigens von einer sehr lieben Freundin mit großem Tief- und Weitsinn). Und darin kommt eine Galgenszene vor: Einbalsamierte Leichen, gehenkte Schmuggler, hängen an einer englischen Küste in Abständen zwecks Warnung und Abschreckung am Galgen.
Und komischerweise habe ich, wenn ich manche Geschichten hier lese, auch bisweilen den Eindruck einbalsamierter Leichen und fühle mich immer abgeschreckter
Vielleicht sollte man sich nicht zu nahe an Küsten wagen. Zumindest nicht an solche, an denen zuvor schon Menschen angestrandet sind.