Mal wieder Neues von uns...
Die letzte Zeit war viel in Bewegung. Diego scheint die Therapie annehmen zu wollen und möchte ganz offensichtlich erfahren, wie er die Geschichte um seinen Vater einordnen kann. Auch scheint es ihm um einen 'Abschluss' zu gehen. Zumindest sagte er plötzlich jedem, dass er "keinen Papa und keine Geschwister mehr hat , weil diese sich nicht mehr melden "
Er erzählt mir dann immer davon. Die meisten reagieren mit schweigendem Kopfschütteln, seine Freunde sind zu klein und lachen unbeholfen, richtig verstanden fühlt er sich oft nicht. Er fragt, wen er auch fragen kann und bekommt zwar keine Lösung, aber zumindest eine emotionale Rückmeldung und es ist gut, dass auch die Therapie in den Anfängen ist.
Heute jedoch hat er mich in meiner Klarheit ins Wanken gebracht.
Heute sind wir in der alten Gegend wegen einer kinderärztlichen Untersuchung gewesen. Geplant war, dass wir uns im Anschluss mit seinen alten Freunden zum Spielen treffen. Es war schon irgendwie rührend, dass er die beiden nie vergessen hat und sie auch dieses Mal auf der Einladungsliste zum Geburtstag standen. Und die beiden wollten auch wirklich gern dabei sein.Ich dachte jedoch so ein exklusiver Ausflug für die 3 ist angemessener und ein guter Ausgleich für die angespannte Reise. Wir mussten das ganze ja bereits verschieben, weil wir die Grippe bekamen.
Auf der Hinfahrt äußerte Diego sehr eindringlich, dass er an "Papas Haus" vorbei fahren wolle.
Ich habe es hinterfragt und mit ihm geprüft. Innerlich bin ich Achterbahn gefahren, aber ich wollte seinen Gefühlen und Gedanken Raum geben. Er sagte, dass er sein Spielzeug möchte und ihm, falls es zu einer Begegnung kommt, sagen was er fühlt. Formulieren konnte er: "Papa, ich bin traurig, weil du nie kommst und ich möchte dich wieder sehen "
Ich sagte ihm, dass ich leider glaube, dass sein Vater den Wunsch weiter ignorieren wird und ich glaube, dass er weder ihn sehen wird noch sein Spielzeug bekommt.
Ich sagte ihm, dass ich nicht möchte, dass er wieder traurig und verletzt deswegen ist und ich wirklich sehr sehr wütend auf seinen Vater bin, wenn ich wieder erlebe, wie er mit ihm umgeht. Da er meinte, dass wir dann vorbei fahren und nicht anhalten müssten, er ihm die Zunge raus Strecke, sagte ich, dass es doch nicht das sei, was er wolle und es für mich völlig ok ist, dass er seinen Vater vermisst und lieb hat, er seine eigenen Gefühle hat und nicht die gleichen haben muss, wie ich. Diego meinte dann, dass er ihm ein Herz zeige und küsse zwerfe, wenn wir vorbei fahren und ihn zufällig sehen.
Ich spürte den Druck dieser Hoffnung, die egal wie sehr ich sie vermeide nicht gehen würde und ohnehin, auch wenn ich seinen Wunsch verneint hätte, enttäuscht gewesen wäre.
Ich stimmte also seinem Wunsch zu, dort vorbei zu fahren und ggf. Auch anzuhalten. Ich sagte, dass ich ihm schreiben werde, da er auch sein Spielzeug möchte. Ich war mir schon darüber klar,
die Hoffnung wird wieder real enttäuscht, aber auch dies wäre dann eine Realität, mit der Diego erkennt, was geschieht und den Umgang damit finden lernt.
Ich schrieb also Folgendes:
Hallo,
Diego und ich sind heute in der Gegend.
Diego wünscht sich schon sehr sehr lange das ganze Spielzeug, dass ich bei dir gelassen habe.
Da du dich bis auf Weiteres nicht gemeldet hast bezogen auf einen regelmäßigen Umgang, gehe ich davon aus, dass du daran nicht interessiert bist. Entsprechend wäre es nett, wenn du die Sachen heute in den Hof stellst und mich darüber informierst. Wir fahren gegen 12 Uhr am Haus vorbei und würden es einsammeln. Wenn du nicht da bist, kannst du die Sachen auch schicken.
Für Diego wäre es wichtig ,wenn du ihm persönlich sagst, warum du keinen regelmäßigen Umgang mit ihm hast und es eine Art Abschied gibt.
Gruß
Und ich war ein wenig baff , aber heute kam eine Antwort von ihm:
Hallo, ich bin unterwegs und müsste die Sachen erst rausholen. Also heute klappt es nicht.
Diego erkläre ich, warum der 100% geregelte Umgang (und auch nur unter der Voraussetzung, dass ich mich vorher mit der Erziehungsberatungsstelle und dem Jugendamt treffen muss) schwierig ist. Warum Abschied? Diego ist mein Sohn. Ich wollte ihn an seinem Geburtstag sehen, aber es hat ja nicht ,,geklappt". Grüße
Ich war natürlich emotional aufgewühlt, habe ihm darauf geantwortet und mich danach runter gefahren:
Ein geregelter Umgang ist wichtig für Diego und es geht um Klarheit. Du kannst es vor der Beratung klären, was dir möglich ist. Es geht nicht darum, was ich mir wünsche. Bisher verlangst du nur und warst nie da. Selbst die Info, dass Diego im Krankenhaus war, war dir kein Anruf und Besuch wert. Darin lese ich kein Interesse und Diego leidet.
Wäre also einfach mal dran es auch wirklich zu zeigen, dass du mehr als nur ab und zu, für dich möglich ist. Ansonsten halte ich den Kontakt für mehr als nur emotional aufwühlend.
...
Ich sagte Diego, dass sein Vater geantwortet hat und es mir leid tut für ihn, aber mir jetzt ganz klar ist, dass sein Vater weiter sauer auf mich ist und mir die Schuld daran gibt, warum er sich nicht um ihn kümmern kann. Ich wirklich nichts mehr machen kann. Ich sagte auch, dass es mich sehr wütend und traurig macht immer wieder zu sehen, wie er mit Diego umgeht. Ich sagte nochmal sehr klar, dass sobald ich sehe, dass sein Vater wirklich um ihn kümmern möchte, ich ihn unterstützen will, aber so wie er jetzt mit ihm umgeht, nur weil er mich nicht leiden kann, ist grausam und lasse es nicht zu.
Diego war traurig, bat dennoch darum am Haus vorbei zu fahren. Er erkannte Veränderungen am Haus. Freute sich aber zunächst auf seine Freunde.
Der Ausflug tat gut. Diego hatte viel Freude. Die Eltern beider Freunde sind getrennt. Der Abschied war natürlich trotzdem schwierig. Zumal sein einer Freund gehen musste, weil er zu seinem Vater geht...
Auf der Heimfahrt und auch daheim sagte er immer wieder : Ich vermisse meinen Papa, ich möchte ihn auch sehen, es tut weh, dass andere sich auf Ihren Papa freuen können.
Er weinte, war wütend und zeigte es, ließ sich von mir trösten. Auch mein Freund kam und tröstete mit. Es tat gut ... aber es macht traurig