Danke wieder Kapitän!
Ja, ich hatte eine Vater (und habe ihn noch). Er war sogar ziemlich anwesend in meinem Leben, er hat als Lehrer viel daheim gearbeitet, war einfach da. Gelsen, den Kindern die Welt erklärt. Mein längster Freund kommentierte vor einigen Monaten meinen Vater und seine ruhige angenehme Art und meinte ich sei ihm gerade jetzt nach der Trennung sehr ähnlich. In meinem VErhalten zu meinen Jungs.
Mein Vater ist ein Weltkriegskind. War zehn als Deutschland kapitulierte. Er hat da viel erlebt: Flucht, Vertreibung; vieles hat er erzählt, ganz offen, aber ich denke, welch einen Schmerz das verursacht hat, das konnten wir nie verstehen und hat er auch nie so rausgelassen. Das ist auch weniger wichtig. Meine Eltern (meine Mutter ist etwas jünger, hat den Krieg aber auch bewusst erlebt), machten nach dem Krieg eine ganz bewusste Entscheidung: Es besser zu machen als ihre Elterngeneration. Mit weniger Macho und Manifestationen von Männlichkeit. Mein Vater hat immer bei der Hausarbeit geholfen. Kenne ich gar nicht anders. Und als dann nach zwei Töchtern ein Sohn (= ich) kam, da war ihm klar, dass er diesen Sohn zwar nicht queer oder gender oder so erziehen wolle, aber so, dass er mit den Töchtern klar komme. Und sicher: Im Krieg hatte er eben diese Manifestationen von Männlichkeit erlebt und das wollte er sicher nicht. Es war also teilweise einfach die bewusste Entscheidung meines Vaters, aber auch die familiäre Konstellation mit zwei älteren und später noch einer jüngeren Schwester. Deshalb konnte ich mit Frauen immer tendenziell besser kommunizieren als mit Männern, habe mit Frauen eher weniger Konflikte als mit Männern. Aber weil ich weiss, wie Frauen ticken, war ich auch nie ein Schürzenjäger

Irgendwie wusste ich ja alles: Wie eine Frau aussieht, wie sie sich bei ihrer Menstruation fühlt (oft nämlich beschissen) etcpp. War mir mit zehn Jahren alles spätestens klar...
Aber deshalb war ich eben auch nie der, der gerauft oder gesoffen hat, oder mit Kumpeln grölend beim Eishockey Bierflaschen aufs Eis geworfen hat. Diese proletenhaften Manifestationen von Männlichkeit haben mich nie interessiert. Meine Ex sagte immer wieder: ich hätte eigentlich mit drei Schwestern gleichgeschlechtlich werden müssen und sie merkte an, dass ich "weibisch" streiten würde --- hatte sozusagen ähnliche Strategien wie sie... Andererseits: sie ist erstgeborene und hat nur einen kleinen Bruder, die ganse Grossfamilie ist total reproduktiv ein Ausfall ansonsten, irgendwie grossartige Vorbilder in die eine oder andere Richtung hatte sie in der direkten Familie auch nicht.
Vielleicht ist ja auch einer der wichtigsten Unterschiede zwischen ihr und mir, dass man als drittgeborener, mit grosser Familie, auch Cousins ind Cousinen einfach viel weniger im Mittelpunkt steht und sich besser zurücknehmen kann als jemand, der Erstgeborene in einer Grossfamilie ist, in der es sonst keine Kinder gibt. Sie stand natürlich immer mehr im Mittelpunkt als ich und hat es u.U. nicht verkraftet, dass sie als unsere Kinder da waren, plötzlich viel weniger Aufmerksamket von mir bekam (ich ja auch von ihr --- ist ja auch völlig normal -- heisst aber nicht, dass wir plötzlich aneinander vorbei lebten oder so...).
Hier liegt also sicher etwas, das in eine partnerschaftliche Dynamik hineinfunken konnte - weil es ggf. dann doch nicht ihrem Idealbild oder was auch immer entsprach. Aber: Sie kannte mich eigentlich ziemlich gut. Als wir heirateten waren wir fast vier Jahre ein Paar und lebten etwa drei Jahre zusammen. Zwei Jahre nach der Hochzeit kam unser Ältester. Ich war mir durchaus bewusst, wie meine Frau ist und das es Seiten an ihr gibt, die ich eben so wie sie sind akzeptiere und akzeptieren werde - das ist auch Liebe für mich. Ich will niemanden verbiegen, erziehen o.ä.
Und ja, Du hast Recht: Dieses ganze analysieren ist zwar manchmal hilfreich, aber kann einen auch in den Wahnsinn treiben. Und bringt letztendlich nix. Weiss ich ja auch, aber wenn man gerade so einige Puzzleteile zusammenbekommen hat, hat man es eben...
Und alle Störungen, mit Abkürzungen oder nicht, sind ja ausserdem nur Approximationen. Die Wirklichkeit einer Psyche ist immer viel avancierter und genau deshalb kann ein Therapeut überfordert sein. Ein Partner ohnehin. Und ich weiss auch, dass die Dame im Endeffekt für sich selbst Klarheit bekommen muss (und irgendwann auch wohl wird), warum sie so ist wie sie ist. Aber sagen wir so: da ist wahrscheinlich das Restfünkchen Liebe oder was auch immer da. Ich fürchte, dass sie füher oder später klarer verstehen wird, was in ihrem Leben sie beeinflusst hat und auch gerade die Entscheidungen der letzten Jahre. Und das wird vermutlich kein schönes Erwachen. Dann tut sie mir leid. Sie ist mir nicht egal...
Ich bin heute zwar in einem anderen Fachbereich tätig, habe aber bei einer sehr angesehenen, auch therapeutisch tätigen Psychologin vor vielen Jahren einige Kurse belegt, die gerade Fälle von extremer Promiskuität etc sowie den dahinterliegenden Hintergrund analysierten. Daran habe ich viel gedacht in dem letzen Jahr...
So, jetzt mache ich hier die Kiste aus.
Gute Nacht!