Hallo an euch alle,
ich danke euch wirklich sehr für eure Antworten und Denkanstöße, und ich merke, wie nötig es ist, diese kaputte Ehe noch mal rekapitulieren zu lassen, obwohl ich eigentlich nur noch nach vorne sehen und nicht mehr zurückdenken will.
An die Möglichkeit einer WG hatte ich auch schon gedacht, dies ist in unserer kleinen Wohnung jedoch schlecht möglich, da kann man sich nicht aus dem Weg gehen oder zurückziehen kann, wenn man Ruhe braucht oder es nicht mehr aushält.
Mein Mann ist ja nicht gesund und verhält sich auch so und ist in diesem Zustand für mein Kind unzumutbar.
Ich traue mich gar nicht, das zu erzählen.
Wenn er psychisch zusammenbricht, ist das nicht schön mit anzusehen. Ich lasse mich davon nicht mehr beeindrucken, aber meiner Tochter macht es große Angst.
Er liegt dann auf dem Boden oder im Bett, stöhnt oder schnauft und starrt mit ausdruckslosen Augen an die Zimmerdecke. Man kann mit ihm dann auch nicht mehr kommunizieren. Meine Tochter weint dann und fragt ihn, was mit ihm los ist, aber er antwortet nicht, und wenn er etwas sagt, dann so etwas wie "Es darf mir doch wohl auch mal schlecht gehen". Und damit meine Tochter ihn so nicht sieht, zieht er sich dann halt eine Decke über und liegt reglos da.
Und wo ich das gerade so schreibe, wird mir erst bewusst, dass man so etwas ja auch oft bei einer Leiche oft tut.
Manchmal setzt er sich auch ins Wohnzimmer direkt in die Mitte der Wohnung wie ein depressiver Buddha, starrt vor sich hin und sagt einfach nichts. Da fängt meine Tochter auch immer an zu weinen, und ich denke mir, warum macht er das denn vor dem Kind, das Angst hat, kann er nicht ins Schlafzimmer gehen, wo es keiner mitbekommt?
Meine Tochter hatte vor einiger Zeit einen schlimmen Alptraum, in dem ihr Papa sich umbringen wollte, und sie alles versucht hat, ihn davon abzuhalten, aber sie hat es nicht geschafft.
Nein, ich möchte mein Kind nicht auf Dauer mit ihm zusammen wohnen lassen lassen, es ist jetzt schon schwer genug. Ich kann dann natürlich nicht arbeiten, wenn er so drauf ist, ich kann sie mit ihm doch nicht allein lassen. Und ich habe Angst, er wirkt so labil, ob er sich etwas antun würde? Ich habe ihm schon das Versprechen abgenommen, es nicht zu tun. Und ich kann ihm nur immer wieder sagen: "Du brauchst Hilfe!" Ich sage ihm auch, wo er hingehen könnte (Beratungsstellen, Pfarrer usw.). Dann sagt er "Ja, mache ich" und macht es dann doch nicht. In meiner Tasche habe ich immer Zettel dabei, wo man sich im Notfall hinwenden kann, wenn Gefahr im Verzug ist. Retten kann ich ihn wahrscheinlich trotzdem nicht.
Nein, eine WG kommt da nicht in Frage für mich. Selbst das Jugendamt sagt, er muss raus, und am besten schnell.
Der Grund dieses ganzen Dramas ist der Schulwechsel meiner Tochter.
Sie hatte wirklich große Probleme in der Schule, hat starke Ängste entwickelt und konnte dann lange Zeit nicht in die Schule gehen. Das nennt man Schulabsentismus, und man bekommt in Deutschland früher oder später ziemlich großen Ärger deswegen. Erst hat natürlich die Schule reagiert, dann der Amtsarzt und das Gesundheitsamt, dazu kam der Gang zum Kinder- und Jugendpsychiater, Jugendamt wurde eingeschaltet (da habe ich mich selbst gemeldet, bevor die bei uns auf der Matte stehen) und dann auch noch die Therapeutensuche, wo eine von denen schon sagte, das Kind muss in eine therapeutische Wohngruppe, weil die Eltern handlungsunfähig sind. Das war hart, selbst als handlungsunfähig bezeichnet zu werden. Ich habe im Gespräch halt geweint, weil ich so verzweifelt war. Nicht zu vergessen die Drohbriefe, was alles passiert, wenn das Kind weiterhin nicht zur Schule geht, Bußgelder, Polizei und was weiß ich.
(Und nebenbei muss ich da mal eine Lanze für das Jugendamt brechen, das war die einzige Einrichtung, die nicht gedroht und Angst verbreitet hat, sondern gehandelt und sofort Hilfe bewilligt hat.)
Und was macht mein Mann? Sagt: Ach, so schlimm ist das nicht und so schnell machen die nix. Und er meinte, unsere Tochter solle in die Psychiatrie und dort behandelt werden und dann halt weiter auf das Gymnasium, und wenn sie die Klasse nicht schafft, eben die Klasse wiederholen. Unter gar keinen Umständen sollte sie auf eine Gemeinschaftsschule wechseln. Jeden Morgen, fast ein Jahr lang (mit Unterbrechungen, sonst hätte ich schon eher gehandelt), hat meine Tochter morgens geweint und geschrien, weil sie nicht mehr konnte, und er hat sie immer wieder hingeschickt, wo sie es auch nicht ausgehalten hat, aber sie musste bis zum Ende aushalten und hat es manchmal nicht mehr nach Hause mit dem Bus geschafft und stand dann weinend an der Straße und rief ihren Papa an, der dann sagte, er mache gerade Mittagspause und sie solle in den nächsten Bus steigen.
Ich bin dann auf die Barrikaden gegangen, hab sie selbst eingesammelt nach der Schule, obwohl ich ja diejenige bin, die arbeitet, hab sie dann irgendwann in ihrem Zustand nicht mehr zur Schule fahren lassen und fieberhaft versucht, auf die Schnelle einen Therapeuten zwecks ambulanter Therapie zu finden. Hab zu meinem Mann gesagt, bevor das Kind in die Psychiatrie eingewiesen wird, sorge ich dafür, dass du eingewiesen wirst. Und ihm gesagt, in Bezug auf die Wahl der Schule scheue ich mich nicht, das Familiengericht einzuschalten, damit ich in der Schulsache alleiniges Entscheidungsrecht bekomme. Da ist er eingeknickt und hat den Schulwechsel wohl oder übel akzeptieren müssen, aber daraufhin kamen dann seine Zusammenbrüche. Er wollte auch nicht mit ansehen, wie sein Kind jeden Morgen zu der von ihm so verhassten Schule geht, anstatt sich zu freuen, dass es ihr wieder besser geht. Er ist auch immer Umwege gegangen, um nicht an der Schule vorbeigehen zu müssen, als wäre er ein Kindergartenkind.
In dieser Zeit habe ich ihn öfter rausgeschmissen, und es war so schön ohne ihn. Und meine Tochter ist aufgeblüht.
Das ist doch ein erwachsener Mann - man kann doch wegen einem Schulwechsel nicht so zusammenbrechen. Er meint bis heute, unsere Tochter hätte sich doch auf dem Gymnasium so wohlgefühlt, dabei wurde sie immer vom Mathelehrer angeschrien und hat Bauchschmerzen und Übelkeit bekommen und es im Unterricht gar nicht mehr ausgehalten. Dann sprach mein Mann mit dem Lehrer und meinte, was für ein netter Mensch das ist. Also, für mich ist und war der Typ ein RiesenA., und wo war die Lösung des Problems? Der Schulwechsel war absolut notwendig. Was war sie damals für ein Häufchen Elend. Und mein Mann saß immer nur im Sessel und hat das gesehen und nix gemacht, keinen Therapeuten angerufen, Schulwechsel abgelehnt und gehofft, das wird schon alles wieder so, wie er es will.
Und nun steht er immer am Fenster und beobachtet das Treiben auf der Straße und rund um die Schule herum, wir wohnen ziemlich dicht an der Schule. Und er meint überall lauern Gefahren in der und um die Schule herum, damit meint er z.B. zwei Jungen, die vor unserem Haus eine Zig. geraucht haben, also hat die Schule ein riesiges Dro., und und ständig hört er von anderen Leuten, dass die Schule ein Mobbingproblem hat, dass die Schüler gewalttätig und kriminell sind und aus asozialen Familien kommen. Manchmal denke ich, er hat Wahnvorstellungen, weil das einfach nicht stimmt.
Ich habe einen sehr guten Eindruck von der Schule, und schon persönlich mit dem Direktor, dem Sozialarbeiter und der Klassenlehrerin gesprochen, ich war also vor Ort, im Gegensatz zu meinem Mann.
Jetzt mache ich einen Haken unter diese ganze Geschichte.
Das war, ist und bleibt für mich der absolute Point of no Return.
Ich habe ihn verlassen, ja, aber vorher er hat seine Familie kaputt gemacht.
Ich glaube, das rechtfertigt meine Entscheidung, da habe ich mir gerade selbst die Antwort gegeben, nach der ich gesucht habe.
Interessant finde ich den Hinweis auf den Attentäter. Mein Mann ist zwar kein Attentäter, aber ein Täter irgendwie schon, oder nicht?
Oder kann man alles mit einer psychischen Krankheit entschuldigen? Ich weiß nicht. Wo hört die Charakterschwäche auf und wo fängt die Krankheit an?
Die Frage habe ich mir auch schon bei anderen Menschen bzw. Krankheiten gestellt, z.B. Alk. oder Borderline.
Und ja, das ist ein schwere Last, sowohl für die kranken Menschen, die bestimmt nicht krank sein möchten und mit Sicherheit leiden, als auch für Familie und Verwandte oder auch Freunde, die es nicht mehr aushalten und im worst case ebenfalls zerbrechen.
Und nein, mein Mann ist kein schlechter Mensch. Auch er wurde kaputt gemacht von anderen Menschen.
Trotzdem gehe ich. Weil ich selbst nicht kaputt gemacht werden will. Und bei meinem Kind lasse ich es auch nicht zu.
Liebe Grüße, Karinchen