Nochmal zu dem Melden, ich sehe da einen qualitativen Unterschied. Das eine ist, jemandem, zu dem ich bereits ein funktionierendes Vertrauensverhältnis habe, nach einer langen oder späten oder schwierigen Fahrt ein Zeichen zu senden, dass ich gut angekommen bin - das mache ich auch gern und freue mich umgekehrt. Das andere ist wenn jemand, den ich gerade erst kennenlerne und dessen Selbstunsicherheit in der Beziehungsanbahnung ich deutlich spüre, von mir wissen will, wann ich losfahre und wann ich ankomme. Das ist für mich nicht stimmig und ich interpretiere es als Kontrolle, die als Sorge verkauft wird. Die Dynamik von Kontrollspiralen ist letztlich immer ähnlich, egal in welcher Ausprägung und wenn man dafür z. B. durch Erfahrung sensibilisiert ist, gehören schon die unauffälligeren Anzeichen zu den persönlichen Red Flags. Mich jedenfalls hat es beim Lesen schon hellhörig gemacht.
Zitat von J_Eulenspiegel: Wenn man die Beziehungen vor 60 Jahren anschaut, da war immer eine gewisse Abhängigkeit zwischen den 2 Partnern vorhanden. Was damals als Liebe empfunden wurde.
Auch heutzutage gibt es in vielen Kulturen Zweckehen und arrangierte Ehen mit teils starkem geschlechtsspezifischem Machtgefälle. Es mag vordergründig so aussehen, als würden diese Modelle "stabilere" oder sichere Beziehungen ermöglichen, aber ich wäre mit einer Bewertung vorsichtig, denn wir wissen wenig über die interne Qualität dieser Beziehungen, die zumeist nicht (zumindest nicht leicht) aufgekündigt werden können.
Ich meine, in deiner Aussage hier einen deutlichen Hinweis zu erkennen auf deine Sorge, eine Beziehungspartnerin nicht dauerhaft halten zu können. Und ich vermute, daraus resultiert dann ein Wunsch, eine Form von Kontrolle über diese Person auszuüben (eine Abhängigkeit zu erschaffen, wie zum Beispiel früher eine materielle oder jetzt eine emotionale), um sie eben doch halten zu können. Das ist eine trügerische Logik und im Extremfall die Grundlage für hochgradig ungesunde Beziehungsstrukturen.
In meinem Weltbild, in dem Freiwilligkeit eine der Grundsäulen einer gesunden und funktionierenden Beziehung ist, wäre das also ebenfalls eine rote Flagge. Ich kann mir vorstellen, dass deine Kandidatin, die sich ja gerade erst frisch an einem Kontrollfreak die Finger verbrannt hat, das auch gespürt hat.
Zitat von J_Eulenspiegel: In diese Richtung kann ich mir gerade vorstellen, dass mein "Helfertyp" abziehlt, eine Gewisse Grundsicherung der Liebe/Abhängigkeit.
Ja, das denke ich auch. Es ist der Versuch, sich unentbehrlich zu machen auf einer Ebene, die dir vermeintlich liegt.
Tatsächlich steckt oft eine große Selbstunsicherheit und ein geschwächter Selbstwert hinter diesem Wunsch/Verhalten. Vielleicht befürchtest du, mit deinen anderen Eigenschaften oder Merkmalen nicht so gut punkten zu können. Vielleicht betonst du deine fürsorgliche, liebevolle Seite deshalb so als Stärke, weil du dich nicht so sicher in dem als männlich wahrgenommenen Spektrum von Eigenschaften bewegst. Vielleicht erlebst du dich als handlungsfähig und im eigenen Ego gestärkt, wenn du eine helfende Rolle einnehmen kannst - der Helfende ist naturgemäß in der stärkeren Position als derjenige, der die Hilfe empfängt. Vielleicht hast du (als Kind) auch gelernt, dass du Liebe und Aufmerksamkeit nur oder verstärkt erhältst, wenn du hilfsbereit und nützlich warst ... es ist ein weites Feld und ein interessantes Thema. Falls du dich damit tatsächlich näher auseinandersetzen möchtest, kannst du ja mal ein bisschen im Internet stöbern zu den Themen Weißer Ritter Syndrom, Helfersyndrom und ähnlichem.
Ich glaube, es ist eine ganz tolle und große Chance für dich, dich diesen Themen zu stellen und daran zu arbeiten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es deine Anziehungskraft auf die Damenwelt erhöhen wird, wenn du mehr Selbstwertsicherheit ausstrahlst und dir gesündere Kompensationsstrategien für die verbliebenen Lücken im Selbstwert aneignest.