Liebe @JoLu
Es ist gut spürbar, wie unfassbar sich das alles für dich anfühlt, gerade weil ihr so viel gemeinsam getragen und überstanden habt. Nach all den Jahren, den Krankheiten, den Rehas und den existenziellen Situationen ist das, was jetzt passiert, nicht einfach nur ein Fremdgehen, sondern ein Bruch mit eurer gesamten gemeinsamen Geschichte. Dass er selbst keine Erklärungen hat, von einem „Blitz“ spricht und sich gleichzeitig so kalt und fremd verhält, ist für dich kaum zu begreifen, und das zu Recht. Viele erleben nach schweren Erkrankungen oder Reha-Aufenthalten eine massive innere Krise, eine Art Identitätsbruch, der zu einer völligen Wesensveränderung führen kann. Das erklärt sein Verhalten nicht und macht es nicht weniger verletzend, aber es kann helfen, dir klarzumachen, dass diese Entwicklung nicht durch dich verursacht wurde. Dass selbst seine Mutter ihn nicht wiedererkennt, bestätigt, dass hier gerade etwas Grundlegendes aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Deine Zerrissenheit zwischen Kopf und Herz ist nach 27 gemeinsamen Jahren vollkommen normal. Man kann Gefühle nicht einfach abstellen, selbst dann nicht, wenn das Vertrauen schwer beschädigt wurde. Du musst diese Frage, ob du ihn zurücknehmen würdest oder nicht, im Moment weder für deine Kinder noch für dich beantworten. Ebenso ist es völlig in Ordnung, dass du aktuell gar nicht in der Lage bist, ein klärendes Gespräch zu führen. Dafür braucht es innere Stabilität, und die darfst du dir erst wieder Stück für Stück zurückholen.
Wenn es in nächster Zeit dennoch zu einem Gespräch mit ihm kommt, könnte es hilfreich sein, dieses Gespräch vor allem zum Zuhören zu nutzen. Lass ihn darlegen, wie er sich die nächsten Schritte vorstellt, was seine Wünsche sind und wie er glaubt, dass es weitergehen soll. Versuche, wenn es irgendwie geht, nicht zu diskutieren, nichts zuzusagen und nichts zu entscheiden, sondern die Dinge erst einmal aufzunehmen und dir später für dich aufzuschreiben. Es geht nicht darum, jetzt Lösungen zu finden, sondern darum, Informationen zu sammeln und wieder ein klein wenig Orientierung zu gewinnen.
Unabhängig davon halte ich es für sehr wichtig, dass du dir zeitnah einen Termin für eine Erstberatung bei einer Fachanwältin oder einem Fachanwalt für Familienrecht organisierst, idealerweise in der Zeit zwischen den Feiertagen. Diese Beratung kostet in der Regel etwa 200 bis 250 Euro und bedeutet ausdrücklich keine Scheidungseinreichung. Sie dient allein dazu, dir einen Überblick zu verschaffen, was rechtlich gilt, welche Rechte und Pflichten du hast und was dir zusteht. Gerade in einer Situation, in der so vieles unklar ist und du dich verunsichert fühlst, kann dieses Wissen sehr stabilisierend sein. Du kannst dann das, was dein Nochmann äußert oder sich vorstellt, mit dem abgleichen, was Recht und Gesetz tatsächlich vorsehen, bevor du irgendeiner Regelung zustimmst.
Versuche in dieser Zeit vor allem, gut für dich und deine Kinder zu sorgen und dich nicht zu überfordern. Du musst jetzt nicht wissen, wie dein Leben weitergeht, und du musst keine endgültigen Entscheidungen treffen. Es reicht, dass du dich durch diese Tage trägst, einen Schritt nach dem anderen. Du bist mit diesem Erleben nicht allein, auch wenn es sich im Moment so anfühlt.
Fühl dich bitte gedrückt.