Hallo @alex_84,
ich habe jetzt alle Beiträge in diesem Thread gelesen und möchte dir erst einmal sagen, dass es mir unendlich leid tut, was du gerade durchmachen musst. Ich glaube, dass dir hier viele Menschen antworten, die selbst schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Mich eingeschlossen.
Die erste Zeit ist einfach unglaublich schwer. Ich war damals knapp 30 Jahre in einer Partnerschaft, davon 24 Jahre verheiratet. Wir sind sehr früh zusammengekommen, ich war 20 und meine Ex Frau war 16. Wenn man einen so großen Teil seines Lebens mit einem Menschen verbracht hat, möchte man am Anfang überhaupt nicht wahrhaben, dass die eigene Beziehung möglicherweise nicht mehr das ist, wofür man sie gehalten hat.
Meine Ex Frau hat bis heute offiziell nicht zugegeben, dass sie mich betrogen hat. Trotzdem ist sie heute mit dem Mann zusammen, um den es damals ging. Und irgendwann musste ich für mich akzeptieren, dass ich möglicherweise nie die Wahrheit von ihr bekommen werde, die ich mir so sehr gewünscht hätte.
Genau das möchte ich dir mitgeben. Du wirst möglicherweise nicht die eindeutige Antwort von deiner Frau bekommen, die du gerade brauchst, um für dich eine Entscheidung treffen zu können. Ich habe beim Lesen deiner Beiträge den Eindruck, dass du unbedingt wissen möchtest, was tatsächlich passiert ist. Und das kann ich sehr gut verstehen. Aber vielleicht musst du irgendwann eine Entscheidung treffen, obwohl du diese Gewissheit nicht bekommst.
Dabei würde ich im Moment sehr viel mehr auf dein Herz hören als auf deinen Kopf, der dir vermutlich ständig erzählt, wie schlimm es wäre, alleine zu sein. Diese Angst kenne ich sehr gut. Ich war 50, als meine Frau gegangen ist. Und ich kann dir heute sagen: Das Leben ist danach nicht vorbei. Auch wenn es sich in deiner jetzigen Situation wahrscheinlich genau so anfühlt.
Eine Sache ist mir beim Lesen deiner Beiträge aufgefallen. Du hast an einer Stelle geschrieben, dass du nicht mit deiner Schwester darüber sprechen möchtest und ihr gegenüber sogar gesagt hast, dass du krankgeschrieben bist. Ich würde dir wirklich raten, das noch einmal zu überdenken. Wenn ich damals eine Schwester gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich unglaublich froh gewesen, sie zu haben. Ich hätte in dieser Situation ganz sicher ihre Nähe und das Gespräch mit ihr gesucht. Nicht, weil sie mir zwangsläufig die richtigen Antworten hätte geben können, sondern weil man in so einer Situation Menschen braucht, denen man nichts vorspielen muss.
Ich hatte damals durchaus Menschen, mit denen ich reden konnte. Unter anderem habe ich viel mit den Brüdern meiner Ex Frau gesprochen. Das war teilweise sogar erstaunlich, weil sie sehr viel Verständnis für mich und deutlich weniger Verständnis für ihre Schwester hatten. Aber unabhängig davon, ob deine Schwester deine Situation genauso beurteilen wird wie du: Ich finde, du solltest dich ihr gegenüber nicht verstellen müssen. Du musst gerade nicht stark sein und auch niemandem beweisen, dass du alles im Griff hast.
Und auch wenn dir hier manche Leute sehr deutlich sagen, dass du einen Schlussstrich ziehen sollst, andere dir raten zu kämpfen und wieder andere sagen, dass du dir erst einmal klar werden musst, was du überhaupt möchtest, glaube ich, dass du dir dafür tatsächlich Zeit nehmen darfst. Zeit nehmen bedeutet für mich aber nicht zwangsläufig, wochen oder monatelang in dieser Situation weiterzuleben.
Ich erzähle dir dazu kurz meine eigene Erfahrung.
Als meine Frau damals noch nicht wusste oder mir gegenüber sagte, dass sie nicht wusste, ob sie unsere Beziehung weiterführen möchte, habe ich mit einem guten Freund darüber gesprochen. Er hatte selbst viel Beziehungserfahrung und sagte mir damals etwas, was ich zunächst überhaupt nicht hören wollte: Wir brauchen Abstand.
Wir haben zu diesem Zeitpunkt noch zusammen gewohnt. Und tatsächlich war es so, dass wir uns im Haus ständig aus dem Weg gegangen sind. Wenn wir uns gesehen haben, wusste ich überhaupt nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich war voller Angst, dass sie geht. Gleichzeitig wollte ich es ihr recht machen und habe mich dadurch wahrscheinlich viel stärker angepasst, als es für mich selbst gut war.
Rückblickend glaube ich, dass dieses gemeinsame Wohnen in dieser Situation überhaupt keine Möglichkeit geschaffen hat, wieder zueinanderzufinden. Es war einfach permanent diese Spannung da.
Also habe ich ihr irgendwann angeboten, dass sie sich eine Wohnung suchen soll. Nicht als endgültigen Schlussstrich, sondern zunächst einmal als Abstand. Mit dem Gedanken, wenn wir irgendwann beide wieder den Wunsch nach einer Annäherung haben, können wir uns wieder annähern.
Und weißt du was? Ich kann dir gar nicht beschreiben, wie erleichtert ich war, als sie tatsächlich nicht mehr im Haus war.
Die Angst war natürlich nicht plötzlich weg. Aber ich musste nicht mehr ständig damit rechnen, sie hinter der nächsten Tür zu sehen und nicht zu wissen, wie ich reagieren soll. Ich musste nicht mehr permanent mit dieser Situation konfrontiert sein. Und dadurch konnte ich überhaupt erst wieder ein bisschen klarer denken.
Bei dir habe ich beim Lesen außerdem den Eindruck, dass du unbedingt wissen möchtest, ob sie dich tatsächlich betrogen hat. Das verstehe ich. Aber gleichzeitig frage ich mich, ob die Antwort auf diese Frage am Ende wirklich alles entscheidet.
Du schreibst sinngemäß, dass du die Wahrheit wissen möchtest, weil du dann vielleicht eine Entscheidung treffen kannst. Aber was wäre, wenn sie dir morgen ganz eindeutig sagen würde, dass sie dich nicht betrogen hat?
Würdest du ihr dann wieder zu hundert Prozent vertrauen?
Wäre dann alles wieder gut?
Oder würdest du trotzdem ständig darüber nachdenken, was tatsächlich passiert ist?
Und genau da komme ich zu einem Punkt, der mir persönlich sehr wichtig ist. Ich glaube, du solltest dir nicht nur die Frage stellen, ob es tatsächlich zu einem körperlichen Fremdgehen gekommen ist. Du hast zu Anfang sehr ausführlich beschrieben, was du in den Chatverläufen gesehen und gelesen hast. Und unabhängig davon, ob es irgendwann körperlich geworden ist oder nicht, solltest du dich fragen, ob das, was dort passiert ist, deinem persönlichen Standard für eine Patnerschaft entspricht.
Ich möchte das ausdrücklich nicht verallgemeinern. Jeder Mensch hat andere Grenzen. Für mich persönlich wäre das, was du beschrieben hast, bereits zu viel. Auch dann, wenn es noch keinen körperlichen Betrug gegeben hätte.
Wenn ich heute auf meine eigene Geschichte zurückblicke, weiß ich ziemlich genau, wo meine persönliche Grenze liegt. Ob meine Ex Frau damals bereits körperlich mit einem anderen Mann geworden ist oder ob es zunächst eine sehr tiefe emotionale Verbindung war, hätte für mich letztendlich keinen entscheidenden Unterschied gemacht. Für mich wäre beides zu viel gewesen.
Wenn ich damals schon die Sicherheit gehabt hätte, dass sie mich tatsächlich betrogen hat, hätte ich keine Paartherapie mehr gebraucht. Für mich wäre die Beziehung dann beendet gewesen. Und genauso sehe ich das auch heute in meiner jetzigen Partnerschaft. Wenn für mich dieser Punkt erreicht wäre, wäre für mich Schluss.
Das muss bei dir überhaupt nicht genauso sein. Aber ich glaube, dass du deine eigenen persönlichen Grenzen herausfinden musst. Nicht die Grenzen, die andere Menschen hier im Forum für richtig halten, sondern deine eigenen.
Deshalb finde ich die Frage wichtiger als nur die Frage, ob du irgendwann den eindeutigen Beweis für einen körperlichen Betrug bekommst:
Entspricht das, was gerade in deiner Beziehung passiert, noch dem, was du persönlich von einer Partnerschaft möchtest und akzeptieren kannst?
Denn selbst wenn deine Frau dir irgendwann sagt, dass sie körperlich nichts mit diesem Mann hatte, bleibt immer noch die Frage, wie du mit dem umgehen kannst, was du bereits weißt und gelesen hast.
Eine weitere Sache möchte ich dir aus meiner eigenen Erfahrung mitgeben. Ich habe damals sehr schnell gemerkt, wie stark die Angst meine Entscheidungen beeinflusst hat. Ich war nicht fordernd. Im Gegenteil. Ich habe versucht, es meiner Frau recht zu machen und mich sehr stark anzupassen, weil ich einfach Angst hatte, unsere Beziehung zu verlieren.
Diese Angst war ein riesiger Treiber.
Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass du gerade etwas Ähnliches erlebst. Du liebst deine Frau wahrscheinlich sehr. Wenn man einen Menschen so lange an seiner Seite hatte, dann ist die Vorstellung, dass dieser Mensch plötzlich nicht mehr da sein könnte, einfach furchtbar.
Aber Angst ist leider kein guter Berater.
Du bist jünger als ich damals war. Ich war 50, als meine Frau gegangen ist. Und trotzdem hatte ich damals das Gefühl, mein ganzes Leben würde zusammenbrechen. Heute weiß ich, dass es nicht so ist.
Wenn ich deine Situation richtig verstanden habe, habt ihr keine Kinder und kein gemeinsames Eigentum. Das macht eine mögliche Trennung emotional natürlich nicht leichter. Aber organisatorisch ist es zumindest eine Situation, aus der man relativ schnell herauskommen könnte, wenn es irgendwann notwendig wird.
Ich würde deshalb an deiner Stelle nicht versuchen, deine Frau mit schönen Worten zu einer bestimmten Entscheidung zu bringen. Überlege dir vielmehr, welche Grenzen du selbst hast und was du tun möchtest, wenn diese Grenzen überschritten werden. Und dann solltest du dich auch an deine eigenen Entscheidungen halten.
Denn letztendlich ist die entscheidende Frage für mich nicht nur, hat sie mich betrogen?
Sondern auch, ist das, was gerade in meiner Beziehung passiert, noch das, was ich von einer Partnerschaft möchte und akzeptieren kann?
Und vielleicht ist eine noch wichtigere Frage:
Was würde ich tun, wenn ich keine Angst davor hätte, alleine zu sein?
Du musst diese Entscheidung nicht heute und auch nicht am Wochenende treffen. Aber ich würde dir wirklich wünschen, dass du langsam anfängst, deine Entscheidungen nicht mehr ausschließlich aus der Angst heraus zu treffen, sie zu verlieren.
Und bitte zieh Menschen ins Vertrauen. Deine Schwester, einen Freund, jemanden aus deiner Familie. Ganz egal, wer es ist. Du musst da nicht alleine durch. Das Forum kann unglaublich hilfreich sein, gerade weil hier Menschen schreiben, die Ähnliches erlebt haben. Aber es ersetzt meiner Meinung nach nicht die Menschen, die tatsächlich neben dir stehen können.
Ich wünsche dir wirklich, dass du in den nächsten Tagen nicht nur versuchst herauszufinden, was deine Frau getan hat, sondern auch langsam wieder herausfindest, was du eigentlich möchtest und brauchst.
Alles Gute dir.