Zitat von BieneMaja1593: Ich erkenne auch die Muster in meinem Verhalten die sich seit meiner Kindheit durchziehen. Dieses viele Kümmern, niemanden Ärger bereiten, möglichst lautlos durch die Welt stiefeln, damit es keinen Ärger gibt. Angst vor Ablehnung. Meine eigenen Bedürfnisse unterdrücken, gleichzeitig stark dafür sorgen / sorgen wollen, dass es allen anderen gut geht. So ist mein ganzes bisheriges Leben abgelaufen.
Du bist Dir selbst schon sehr nahe gekommen. Die Ursprünge liegen immer in der Kindheit. Da lernt das Kind, das ja ein unbeschriebenes Blatt ist, wie das Leben geht. Da lernt es, dass es viel tun muss für ein klein wenig Liebe und Anerkennung oder dass eine Anstrengung zu gefallen viellleicht sogar völlig umsonst ist, weil man sich erfolglos abstrampelt. Da man aber Sehnsucht nach Liebe hat, tut man es doch und wird zur besten aller Töchter, die dann doch nie gut genug ist.
Du wurdest als Kind in eine Rolle gedrängt, der Du nicht gewachsen warst. Du wurdest als Kümmerin eingespannt anstatt dass man sich um Dich gekümmert hätte, wie es nötig gewesen wäre.
Das gut dressierte Kind, das alles macht und tut und dann doch zu wenig Liebe und Beachtung findet, das nicht aneckt und schon gar keine eigenen Bedürfnisse anmeldet (weil es ja eh umsonst ist oder man nur Unverständnis heraufbeschwört und damit wieder enttäuscht wird, weil man nicht gesehen wird) verrichtet widerspruchslos das, was man ihm aufgetragen hat.
Es muss eine Funktion erfüllen, die es nicht erfüllen kann. Aber es gibt sich Mühe, sehr viel Mühe und will alles richtig machen und wird genügsam und pflegeleicht und lautlos. Denn es wird ja eh nicht gehört und das ist oft auch besser so, weil Aufbegehren Energie kostet und Widerstand der Eltern und später der Partner heraufbeschwören würde..
Anstatt die kindlichen Bedürfnisse zu erfüllen wie es Erwachsene tun sollten, wird das Kind zum Bedürfniserfüller. Und wehe, es verweigert diese Rolle!
Du bist gnadenlos überfordert worden und hast nicht lernen dürfen, dass Du eigene Bedürfnisse haben und einfordern darfst. Die Eltern oder ein Elternteil hat Dich stark enttäuscht, denn Du durftest ja nicht Du selbst sein.
Und das Lautlose ist Dir geblieben. Lautlos baust ein Haus mit, lautlos kümmerst Du Dich um Haushalt und Wäsche, lautlos gehst Du durchs Beziehungsleben und lebst dort das nach was Du kennst. Das Nicht-gesehen-werden. Zum Bedürfniserfüller wird dann der zweite Mann, dem Du aber auch nicht sagst, dass es einen anderen, langjährigen Partner gibt, weil das ja wieder Probleme hervorrufen würde. Außerdem hätte er Dich womöglich gleich wieder abgeschossen.
Und so lavierst Du Dich lautlos durch ein Doppelleben. Eine Folge der Kindheit, einer Verformung Deiner Person.
Und wenn Dir das klar wird, bricht die alte Traurigkeit wieder hervor, womöglich noch schlimmer, weil Du niemandem beweisen kannst, wie gut Du Deine Funktion erfüllst. In der Kindheit hofftest Du auf Resonanz, auch wenn sie ausblieb, nahmst Du immer wieder von neuem einen Anlauf, denn irgendwann müssen sie mich doch lieben.
Jetzt hast Du keine Zielperson mehr, aber das ist auch gut für Dich. Denn nun hast Du Zeit, Dich mit Dir abzugeben, die Trauer zu spüren und die Enttäuschung. Was hast Du davon? Ich denke, diese Emotionen wollen durchlebt werden, dann halt nochmals, damit sie endlich Anerkennung finden und wahrgenommen werden. Es ist wichtig wahrzunehmen was man fühlt, auch wenn es sich hilflos und orientierungslos anfühlt. Daraus kann eine Heilung wachsen.
Wer das verweigert, bleibt stehen und tritt weiterhin auf der Stelle. Ich habe das Jahre lang praktziert und wollte nichts lernen über mich, meine verdammten Defizite und erst spät merkte ich, dass Lebenserfahrungen kein Zufall sind, sondern ihre Gründe haben. Und dann kann man sich auch mal selbst verzeihen, weil viieles eine logische Folge von tiefer liegenden, oft verdrängten Ereignissen ist.
Du hast nicht viel falsch gemacht, aber Du wurdest gut dressiert und Du hast früh gelernt, ich muss, ich muss, aber ich darf das Andere nicht. Wie auf Samtpfötchen hast Du Deine "Arbeit" verrichtet, weil Du als eigenständige Person zu wenig gezählt hast.
Es wird vieles besser werden, sei Dir sicher. Auch wenn es Dir anfangs schlechter gehen sollte, die Tränen die Du um Dich weinst, helfen auch, um sich aus alten Verstrickungen ein wenig zu lösen.
Das ist ja auch ein schönes Bild. Du wurdest falsch eingewoben in eine kompliziertes Strickmuster und das hast Du beibehalten. Jetzt trennst Du den Pullover wieder auf und strickst ihn neu und fehlerfrei und vor allem selbst, so weit möglich.
Bitte achte auch auf Selbstachtsamkeit und lerne Dir was Gutes zu tun, anstatt nur zu hadern und zu zweifeln. Das ist jetzt kein Freibrief für das, was vorfiel, aber Selbstzerfleischung bringt Dich keinen Deut weiter. Sie verfestigt nur die Opferrolle, in die Du früh gedrängt wurdest. Es darf Dir künftig besser gehen und Du hast die Möglichkeit, Dein Leben nach Deinen Vorstellungen zu gestalten anstatt wieder nur dies und jenes zu "müssen".
Sei gut zu Dir und es wird gut werden..