Ich möchte die Aussage "Gleich in die nächste Beziehung springen" ein bißchen erweitern oder umformulieren. Zunächst möchte ich anmerken, dass man das nicht wie im Threadtitel angegeben nur auf Männer beziehen sollte. Das ist eine Sache, die beide Geschlechter gleichermaßen betrifft. Zum anderen denke ich, es ist nicht immer ausschlaggebend, wieviel Zeit zwischen den Beziehungen liegt. Natürlich gibt es in den meisten Fällen etwas aufzuarbeiten nach einer beendeten Beziehung, denn es hat seine Gründe, warum die Beziehung nicht mehr besteht. In erster Linie sollte man sich überlegen wo man selbst seinen Teil zum Scheitern beigetragen hat und was man das nächste Mal besser machen möchte, unabhängig davon ob man der Verlasser oder der Verlassene ist. Auch kann es hilfreich sein, eine beendete Beziehung erst einige Zeit sacken zu lassen, damit man sich selber klar werden kann, was man genau möchte im Leben und wie der Weg weiter gehen soll. Und das geht wohl nur über Zeit.
Jedoch ist eine Sache in meinen Augen noch wichtiger als die Zeit, die zwischen zwei Beziehungen liegt: Die Frage, ob man grundsätzlich bereit ist für eine Beziehung.
Folgende Aussagen werden ja gerne in den Raum geworfen:
- Sei erst mal mit dir selbst zufrieden, nur dann bist du in der Lage, eine glückliche Beziehung zu führen.
- Nur wenn du auch glücklich allein leben kannst sollte eine Beziehung für dich in Frage kommen.
- Kümmere dich erstmal deine eigenen Themen und arbeite an deinem Selbstwert, bevor du eine Beziehung eingehst.
Bei solchen (zweifellos richtigen!) Aussagen bin ich immer skeptisch, weil diese objektiv nicht messbar sind. Der eine legt eher härtere Maßstäbe bei sich an, der andere sieht das viel lockerer. Wo der eine zum Beispiel sagt "Hier bin ich wohl noch zu unreif und muss erst lernen meine Emotionen besser unter Kontrolle zu halten" fällt dem anderen gar nicht auf, dass er überhaupt emotional reagiert, sondern rechtfertigt sein Verhalten durch scheinbare Fehler anderer Leute. Einen objektiven Maßstab gibt es hier nicht. Das hat zur Folge, dass es Menschen gibt, die sich überhaupt nichts zutrauen und ständig Single bleiben, weil sie denken sie wären noch nicht "gut genug" für eine Beziehung und andere, die sich von einer Beziehung in die nächste stürzen und jedesmal den Partnern oder äußeren Umständen die Schuld für das Scheitern geben (und davon auch zu hundert Prozent überzeugt sind!).
Eine Frage, die mir oft durch den Kopf geht, ist, ob es irgendeinen Indikator gibt, an dem jemand erkennen kann, ob er wirklich reif für eine Beziehung ist. Aber ich sehe leider keinen, zumindest keinen leicht erkenn- und messbaren. Ein Anhaltspunkt ist wohl ein inneres Gefühl, irgendwo im Unterbewusstsein versteckt, so ein Bauchgefühl, das einem zeigt, ob man (grundsätzlich oder wieder) fähig bzw. bereit für eine Beziehung ist. Aber auch dieses ist von Mensch zu Mensch verschieden, kann trügen und ist auch unabhängig von der Zeit, die zwischen zwei Beziehungen liegt.
Wie auch immer, irgendeinen Vorteil, irgendeinen Mehrwert für das eigene Leben müssen Beziehungen haben, egal wie glücklich die Person auch als Single sein mag, denn sonst würde keiner eine Beziehung eingehen. Wenn das Leben aber schon so toll ist, d.h. wenn die drei oben erwähnten Aussagen erfüllt sind, warum dann überhaupt eine Beziehung eingehen? Ich denke der Grund ist der, dass eine Beziehung immer einen Schub für das Selbstwertgefühl gibt, egal wie zufrieden wir auch ohne Partner sein mögen. Wir fühlen uns umfassend akzeptiert und gerade zu Beginn ist da meist eine Liebe und Annahme spürbar, wie sie in dieser vorbehaltlosen Form nur mit Vater- und Mutterliebe vergleichbar ist.
Es gibt wohl keine allgemeingültige Regel, wieviel Zeit nach einer so und so langen Beziehung liegen muss, bis wieder eine neue eingegangen werden sollte. Auch gibt es denke ich keinen erkennbaren Ansatzpunkt, um zu erkennen, welche Menschen grundsätzlich bereit sind für eine Beziehung und welche nicht. Fakt ist wohl: Jeder Mensch hat einen mehr oder weniger großen Knacks. Jeder Mensch ab einem bestimmten Alter ist in irgendeiner Weise beziehungsgeschädigt, jeder hat Stärken und Schwächen, jeder hat gute Tage und schlechte. Der eine kann dies besser, der andere das, der eine ist impulsiver, der andere ruhiger, der eine mag Cola, der andere Wasser. Keiner ist perfekt und keiner völlig neben der Kappe.
Wir sind alle irgendwo dazwischen und jeder muss selbst mit sich ausmachen und für sich selbst entscheiden, was gut für ihn ist und ob er grundsätzlich eine Beziehung haben will und wieviel Auszeit er sich dazwischen geben möchte. Was für den einen zu lange ist, ist für den anderen zu kurz und dem einen fällt es viel leichter, alleine zu sein als dem anderen. Was aber noch lange nicht heißen muss, dass derjenige, dem das Alleinsein leichter fällt, automatisch irgendwie reifer oder "erwachsener" sein muss als derjenige der nicht lange alleine sein kann. Ich sehe diese beiden Aspekte (Alleinseinkönnen und Zufriedensein) eher als voneinander unabhängige Faktoren, wie es z.B. auch keinen Zusammenhang gibt zwischen Lieblingsessen und Lieblingsurlaubsziel. Dennoch gibt es sicherlich Menschen, bei denen das Warmwechseln zu einem Muster wird und die viele gescheiterte Beziehungen hinter sich haben. Das sollte dann schon zu denken geben, aber pauschal ist dieses Thema ganz schwierig zu betrachten, weil es sehr komplex ist.