Wahrnehmungsstörung ist gut. Mein Mann hat auch erst nach der Affäre, d.h. Durch meine Reaktion und all die Prozesse gespürt, dass ich ihn echt liebe. Vorher konnte er es nicht annehmen. Seine Störung, nicht meine
Es ist sehr einfach den AM zu verurteilen und sich abzugrenzen. Ich glaube es gibt hier im Forum einen großen Konsenz darüber, dass der AM die Hauptverantwortung trägt, der böse ist und Haupttäter. Jeder Versuch dies zu relativieren wird abgetan als billiger Versuch der EF ihn zu entschuldigen, um sich eine schöne Welt zu konstruieren. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass es falsch ist. Bzw. es lohnt sich, sich auch mal in seine Situation zu begeben, ohne sein Handeln zu entschuldigen.
Irgendwann mal bemerkte ich, dass mein Mann sich auch als Opfer sah. Ich habe da sehr schmallippig reagiert. Er das Opfer? Geht's noch? Er hat es mir jedoch bestätigt. Wahrnehmungsstörung? Warum nicht? Also nehmen wir das doch mal an, so ganz wertfrei ( weil wir es können).
Ich musste an einen Bekannten denken. Er hatte das Geschäft der Eltern übernommen und langsam aber sicher ging er bankrott. Das hatte viele Gründe. Er fühlte sich in einer Zwickmühle und fand keinen Ausweg. Schließlich beschloss er nachts in ein Juweliergeschäft einzusteigen. Ein vollkommen normaler netter intelligenter Familienvater wird kriminell und beschließt so eine bescheuerte Tat. Wie zu erwarten kam es raus und er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Auch er hat seine Frau angelogen und sie und die Kinder dem Gespöt der Kleinstadt preis gegeben. Er hat seine Existenz und die der Familie riskiert. Letztlich war es dennoch ein Befreiungsschlag. Die Familie hat sich berappelt, er fand neue Wege Geld zu verdienen und alle sind zufrieden und glücklich.
Ja, manchmal sieht man keinen Ausweg, fühlt sich als Opfer, weil man keine Handlungsmöglichkeit sieht. Es ist so einfach von außen die Situation zu betrachten und zu urteilen. Aber wie geht es der Person, die in der Situation ist? Ist es nicht so wie bei den Quiz-Shows im TV? Zuhause auf dem Sofa ist es alles ganz einfach, aber sitzt man dort auf dem heißen Stuhl, dann ist es doch ganz anders. Liest man die Berichte von den AFs hier im Forum, dann fällt es einem doch auch ganz einfach zu sagen, hej, das ist doch offensichtlich ein Ar... Der AM, geh doch einfach. Aber man sitzt mitten drin und findet keinen Ausweg. Es wirkt "dumm" sich auf einen verheirateten Mann einzulassen. Die Zeichen sind so offensichtlich, die Sprüche (meine Ehe steht nur noch auf dem Papier, etc.) sind bekannt und doch lassen sich Frauen/ Mänenr darauf ein. Aber wer warnt auch schon davor in einer Zeit in der jedem vorgegaukelt wird, dass alles möglich und erlaubt ist. Verantwortung und Beschränkungen sind doch uncool.
Fremdgehen wirkt zunächst stark. Da wird jemand aktiv und sucht eine zunächst angenehme Lösung. Wie cool, wie billig. Statt eine konstruktive schwere Lösung anzustreben, geht da jemand den einfachen Weg, so wie beim Juwellier einzubrechen. Und doch kann es eine Notlage sein.
Ich weiß, dass mein Mann seit Jahren unter einem massiven inneren Druck litt, nicht nur wegen der Partnerschaft. Er hat Lösungen gesucht und es sich nicht einfach gemacht. Und dann kommt da so ein Bekannter der ihm erzählt, sowohl er, als auch seine Freundin seien fremdgegangen. Danach habe sich die Beziehung deutlich gebessert. Ja, toll. Was für eine Verführung einen einfachen Weg zu nehmen.
Wir können alle irgendwann mal schwach sein und dann nehmen wir den Short cut. Ist schei., aber ist es nicht unfair immer das Richtige zu erwarten?
Zum Lügen. Ich habe mich daran erinnert, dass ich meinen 1. Mann auch oft angelogen habe. Ich habe es gemacht, weil er mir keine Wahl lies. Hört sich billig an, aber versucht euch mal mit jemanden auseinanderzusetzen, der stur auf seiner Haltung besteht und auf Widerspruch heftig reagiert. Irgendwann weicht man aus und geht einen eigenen Weg. Ich habe mich ja dann auch von ihm getrennt. Aber zunächst habe ich es so versucht. Es war falsch zu lügen, aber er trägt auch eine Verantwortung.
Und so hat auch mein Mann mich angelogen. Klar, da der Betrug in einer anderen Stadt stattfand, musste er mich nicht anlügen im Sinne, dass er mir etwas falsches erzählte. Er hat es "nur" verschwiegen. Ist auch lügen, aber einfacher. Was hätte er mir denn sagen sollen? Er hatte sich für diese Lösung entschieden und das Lügen gehörte dazu. Hätte er mir etwas gesagt, dann hätte ich es doch nicht zugelassen. Im Gegenteil. Wahrscheinlich wäre ich sauer gewesen und hätte, aus meiner Perspektive heraus, ihm einen schlauen Vortrag gehalten. Hätte ich es verstanden? Sicherlich nicht. Wir wären keinen Schritt vorwärts gekommen.
Lügen kann man verurteilen. Aber man kann auch mal versuche wertfrei die Funktion des Lügens zu betrachten. Einfach um es zu verstehen.
Ein Betrug setzt sich aus schier unendlich vielen Puzzelsteinen zusammen. Keiner der Beteiligten wird je in der Lage sein alle aufzudecken. Aber je mehr wir verstehen, desto besser. wie weit dann am Ende ein Konstrukt entsteht, dass der Wahrheit oder nur dem Wunschdenken nahe kommt, können wir erst mit der Zeit sehen. Es gibt nun mal keine absolute Wahrheit und Sicherheit. Das ist jedoch nicht unbedingt ein Nachteil. Es gibt es uns auch Freiheitsgrade die wir so nutzen können, wie es für uns gut ist.
Ist wie der Kauf einer Aktie. Wir haben nur begrenzte Informationen und treffen eine Entscheidung. Ist auch so, wenn wir uns auf eine Beziehung einlassen, heiraten. Wir nehmen an, dass wir genug Informationen haben. Jeder der hier ist, hat sich wohl ein Stück weit geirrt. Dumm gelaufen. Nun haben wir mehr Informationen und können noch mehr bekommen. Dann treffen wir eine neue Entscheidung. Und vielleicht ist sie richtiger oder auch falsch. Aber wer mag das schon abschließend beurteilen können? Vielleicht trennen sich mein Mann und ich irgendwann aus ganz anderen Gründen, vielleicht bleiben wir ewig zusammen. Wir haben in jedem Fall gelernt ehrlicher und offener zu sein. Auch haben wir gelernt, dass Liebe und der Wunsch zusammen zu sein kein Garant für eine Beziehung ist. Wir sind Menschen und daher nur begrenzt in unseren Möglichkeiten.
Natürlich sind alle Fälle unterschiedlich. Aber jeder hat die Freiheit seinen Fall individuell zu betrachten und eine Entscheidung zu treffen. Nutzt diese Freiheit für Euch.