Zitat von LoveForFuture: Ein Mädchen voller Empathie erlebt den Tod eines Goldfisches vielleicht tatsächlich einfach wesentlich tiefgreifender als ne fünf in Mathe.
Gut möglich, sogar sehr wahrscheinlich. Die Tiefe der Empfindung ist ja genauso individuell wie die Resilienz, also die Fähigkeit, mit widrigen Umständen zurecht zu kommen. Aber nur weil ich manches schmerzhafter wahrnehme als andere, ist es noch lange kein Trauma.
Ein Trauma ist schließlich etwas sehr spezielles, was über das hinausgeht, was der Durchschnittsmensch als solcher so an Krisen im "normalen" Lebenslauf zu bewältigen hat. Klassisch wird das Erleben extremer Hilflosigkeit und Todesangst geschildert, z. B. bei Naturkatastrophen, Gewaltverbrechen, Kriegserlebnissen, schweren Unfällen und ähnlichem. Frühkindliche Traumata entstehen oftmals durch anhaltende schwer schädigende Umstände wie Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch. Auch das ist eben deutlich schlimmer als "handelsübliche" Schicksalsschläge oder die klassische "nicht so schöne" (aber eben auch nur das: nicht so schön) Kindheit.
Deshalb bin ich auch immer sehr skeptisch angesichts der hier im Forum gern mal bemühten "Traumatisierung" durch das Aufdecken von Seitensprüngen oder sonstigen Beziehungsproblemen.
Selbst wenn anfangs ähnliche Symptome auftreten können und natürlich - jeder hier weiß das - das tatsächliche oder vermutete Ende einer Beziehung einem den Boden unter den Füßen wegziehen kann, so handelt es sich dabei definitiv um eine sehr belastende, quälende Lebenssituation, aber wohl eher nicht um ein Trauma im medizinischen Sinn.
Das Schlimme ist nun aber, dass, obwohl fast jede/r im Laufe seines Lebens mit Lebenskrisen wie Beziehungsenden, schwerer Erkrankung, Trauerfällen, Arbeitslosigkeit, ungewollter Kinderlosigkeit usw. konfrontiert werden kann - alles Dinge und Ereignisse, die schwere psychische Krisen, Anpassungsstörungen und lang anhaltende Bewältigungsprozesse auslösen können - ,
zusätzlich auch viele Menschen mit tatsächlich traumatisierenden Erlebnissen konfrontiert sind. Beim Trauma versagt ja oft langfristig die normale menschliche Fähigkeit, Erfahrungen und Probleme zu verarbeiten und zu bewältigen. Das macht es ja so problematisch; dass man es eben nicht wirklich hinter sich lassen kann, es holt einen immer wieder ein. Wenn man sich mal klar macht, wie es vielen vielen Menschen tatsächlich geht unter der Oberfläche, kann einem schon Angst und Bange werden. Aber andererseits erklärt sich auch dadurch viel von dem schrecklichen Mist, der tagtäglich überall auf der Welt passiert, denn es wundert ja dann nicht mehr so sehr dass die Menschheit ihre Traumata immer wieder neu reinszeniert.
Egal, eigentlich wollte ich bloß mitteilen dass es mich manchmal befremdet, wenn Leute sich als traumatisiert bezeichnen obwohl sie eigentlich "nur" normale Lebensrisiken bewältigen müssen und es ihnen im Anschluss daran wieder gut gehen wird.
Zu @Scheol weiter oben, du sagtest, ein Therapeut hätte bei deinem Bekannten nach drei Sitzungen abgebrochen. Das kann aber auch einfach daran gelegen haben, dass er wenig Aussicht auf Erfolg gesehen hat, und nicht unbedingt weil er so überfordert mit den Erlebnissen deines Bekannten war. Die probatorischen Sitzungen dienen ja dazu herauszufinden ob man miteinander kann, ob die therapeutische Ausrichtung/Methode die geeignete für den Klienten ist usw..
Du @LoveForFuture hast geschildert, was deinen Ohrläppchen durch deinen Vater widerfuhr als du klein warst und dass dir überhaupt nicht klar war, dass deren Zustand mit seinen Misshandlungen zusammenhing. Danke dafür, dass du anhand eines so eher "unspektakulären" und zugleich so gänsehautverursachenden Beispiels verdeutlicht hast, was es bedeuten kann, eine Kindheit hindurch einem Umfeld ausgesetzt zu sein, in dem solche Dinge geschehen. Erfahrungen wie diese, nämlich von seinen Eltern, auf deren Liebe und Fürsorge man existenziell angewiesen ist, anhaltend oder wiederkehrend abgewiesen oder misshandelt zu werden, halte ich für potentiell höchst zerstörerisch weil sie den Menschen in einer Entwicklungsphase angreifen, in dem psychisch und physisch sämtliche Weichen für die Zukunft gestellt werden. Meiner Meinung nach lassen sich frühkindliche Traumata tatsächlich nur sehr begrenzt aufarbeiten, und man kann sich schon glücklich schätzen, wenn man so eine Kindheit übersteht ohne in der Folge eine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln, welche ja oft von frühkindlichen Traumata mitverursacht werden. Das ist einfach schrecklich ungerecht!
@Sascha123 du solltest in diesem Thema bleiben, denke ich. Ich habe eine ungefähre Vorstellung davon, wie sehr und über welche Zeiträume hinweg Eltern ihre Kinder quälen können, ohne dass es entdeckt wird, und wieviel länger und schwerer noch, bis irgendwann tatsächlich mal jemand dafür juristisch belangt wird. Ich bin sehr sicher, dass du weißt wovon du schreibst, wenn du dich zum Thema kindliche Traumatisierung äußerst. Bestimmt könntest du das ein oder andere Wertvolle hier beitragen.