Liebe Maibowle,
ich weiß nicht, ob du das noch liest, denn du willst ja heut in Urlaub, aber ich klinke mich mal ein. Zunächst zu diesem Satz:
Zitat:>>Ich kenne diesen Menschen nicht mehr wenn er so ist.<<
Sei gewiss: ER kennt diesen Menschen auch nicht. Und das irritiert ihn zusätzlich. Er steht neben sich, und findet die Anteile in sich nicht mehr wieder, die euch beiden so eng miteinander verbunden haben, dass ihr ein liebendes Paar und eine glückliche Familie sein konntet. Er ist nach meiner Einschätzung also genauso unglücklich wie du und handelt eher wie ein Roboter, der eine Aufgabe zu erfüllen hat. Und diese Aufgabe heißt, zu dir so viel Distanz aufzubauen wie möglich.
Zitat:>>Aber er fände es total unnötig von mir ihn anzurufen wenn er sein freies Wochenende hat und dadurch wäre ja all das was er an diesem Wochenende für sich gemacht hätte wertlos.<<
Und hier nähern wir uns der Ursache, ohne sie einschätzen zu können. Sein "freies Wochenende" war wichtig, weil er die zu dir hergestellte Distanz an dem Wochenende perfektioniert hatte. Du spieltest keine Rolle dabei und das brauchte er. Darum störte der Anrufsversuch so sehr. Denn er konfrontierte ihn mit den ungelösten Problemen.
Zitat:>>Ich saß gerade bei den Kindern im Bett und habe Hörspiele für die Fahrt sortiert. Da nimmer er einen Stuhl, ruft die völlig aufgeregten Kinder und sagt dass sich nach dem Urlaub alles ändern wird. Er zieht aus weil Mama und Papa sich nicht mehr verstehen. Beide haben so geweint, ich war total geschockt und konnte gar nichts richtiges sagen. Habe nur gezittert. <<
Wieder ein Zeichen dafür, dass er völlig neben sich steht und roboterhaft handelt. All das, was ihn so lange liebenswert gemacht hat, war nicht mehr greifbar für ihn, er hat es irgendwo geparkt, um diesen Schritt jetzt gehen zu können. Er wusste natürlich, dass er dir und den Kindern damit enorm weh tut, aber er wird die Augen verschlossen haben und sich dabei auf ein fernes Ziel konzentriert haben. Das kennen wir nicht. Aber es ist so wichtig, dass er dem alles andere unterordnet.
Zitat:>>Ich denke auch nicht dass das der Grund ist. Ja, er wollte diese Freundschaft nicht aber ich habe ihn nicht betrogen oder so. Auch emotional nicht.
Ich vermute mittlerweile entweder eine andere Frau oder eine psychische Krankheit. Er ist wie ausgewechselt. <<
Es ist ein wirksames Mittel gegen seine enormen Schuldgefühle, wenn er einen Vorgang in den Mittelpunkt stellt, bei dem er DEINE Schuldgefühle triggern kann. Es entlastet ihn vorübergehend, aber sicher nicht dauerhaft. Ich gehe fest davon aus, dass diese Episode nicht der Grund für sein Gehen ist.
Zitat:>>Aber wir hatten trotzdem Zeit für uns, waren vor kurzem sogar nicht zusammen frühstücken und im Kino. An unserem Hochzeitstag Anfang August hat er mir Blumen mitgebracht und meinte augenzwinkernd, ein Jahr würden wir noch schaffen… <<
ER hat es also nach Kräften versucht, die Beziehung mit dir zu heilen und in den Mittelpunkt zu stellen. Dass er sich dabei seiner selbst nicht sicher war, könnte zu der Formulierung geführt haben "ein Jahr werden wir noch schaffen". Das war überschaubar. Das war die Mühe wert. Aber es reichte nicht. Denn es ist etwas im Spiel, das stärker ist als seine Gefühle zu dir, als seine Gefühle für die Kinder und als sein Pflichtbewusstsein. Darum betäubt er die Gefühle, schaltet das Pflichtgefühl aus und handelt mechanisch und undurchschaubar.
Zitat:>>Ich traue es ihm einfach nicht zu. Aber ja, man liest es hier ja so oft. Bin total geschockt und vermute entweder eine andere Frau oder was psychisches. Er redet aber nicht mit mir. Liegt im Bett und ich versuche den Rest zu packen.<<
Ich habe sehr viele Paare und Personen durch Trennungen begleitet und weiß ein wenig über die Gefühlswelt der Betroffenen. Ja, es ist entweder eine ernsthafte psychische Störung oder eine andere Frau. Letzteres ist sehr viel wahrscheinlicher. Denn ich habe bisher kein einziges Mal erlebt, dass ein Mann sich getrennt hat, ohne dass eine andere Frau im Spiel gewesen wäre. Bei Frauen, die sich trennen, ist das völlig anders. Bei einer ernsthaften psychischen Störung ist das natürlich etwas Besonderes. Das lässt sich aber sicher nicht von außen beurteilen.
Das, was du da in den letzten Monaten erlebt hast, könnte also der verzweifelte Versuch gewesen sein, die neue Verliebtheit abzuwerten, zu beenden und sich auf seine Ehe zu konzentrieren. Das ist harte Arbeit, der Betroffene leidet sehr darunter, dass er nicht Herr seines Handels ist. Er steht neben sich und kennt sich selber nicht mehr. Das kann der Grund für sein roboterhaftes Verhalten sein.
Übrigens hält sich mein Mitleid für ihn in Grenzen. Denn wenn es so ist, wie ich es vermute, ist es erbärmlich, dafür den Grund bei dir zu suchen und eine längst bewältigte Episode aufzuwärmen.
Zitat:>>Die Kinder haben auch gemerkt wie geschockt ich war. Meine Tochter meinte grad, dass sie sieht dass ich traurig bin weil ich den Papa ja lieben würde und sie versteht das alles nicht. Und sie ist erst knapp 6. Mehr Feinfühligkeit als ein erwachsener Mann echt…<<
Darauf hast du leider keinen Einfluss, wohl aber auf dein eigenes Verhalten. Und da rate ich dringend dazu, das Kind soweit wie eben möglich zu schonen und ihm Zuversicht zu signalisieren. Die Kinder sollten das Gefühl bekommen, dass "alles gut wird". Und das wird es ja auch ganz sicher. Dafür bist du der Garant. Kinder in diesem Alter sollten nicht das Gefühl bekommen, dich trösten zu müssen oder sich beim Vater "für dich einsetzen zu müssen". Sie gehören nicht dazwischen, sie müssen geschont werden. Natürlich auch vom Vater, aber der ist ja zur Zeit außer sich.
Zitat:>>Er sagt eine andere Frau wäre ihm das alles nicht wert. Es ginge nur um ihn. Und ja, das ist schon Teil des Problems. Es geht ganz viel um ihm und was er will und braucht. Und nicht um mich und uns.
Ob es sie nun gibt oder nicht ändert gerade für mich und mein Gefühl nichts. Ich fühle mich sehr leer. Ich lasse es aber zu, denn nur durchs Annehmen kann ich auch los lassen. <<
Richtig, ob es sie gibt oder nicht, ändert gerade für dich nichts. Es wird nur später hilfreich dabei sein, sein abstruses Handeln zu erklären und einzuordnen. Und das hilft dann bei der Verarbeitung der Trennung und bei den Plänen für die Zukunft. Die Formulierung "Es geht um ihn und um das, was er braucht" lässt allerdings auch die Vermutung zu, dass er in einem psychischen Ausnahmezustand ist. Das würde sich nur dann ändern, wenn er Hilfe durch Fachleute oder Medikamente sucht. Denn er ist ganz sicher nicht glücklich mit dem, was er da gerade tut.
Zitat:>>Ja, Abstand ist das einzig sinnvolle. Alles in mir schreit nach Klärung. Aber das ist jetzt das, was ich lernen muss. Es kann grad nichts geklärt werden weil er das nicht will. <<
Bingo. Aber das bleibt nicht so. du darfst darauf hoffen, dass es irgendwann Klärung geben wird.
Zitat:>>Morgen fahren wir zu dritt in den Urlaub. Muscheln suchen und neue Eissorten entdecken. Es wird hart für mich, aber die Kinder glücklich zu sehen ist es mir das alles Wert.<<
Sehr gut. Sie dürfen das Gefühl bekommen, dass du mit ihnen zusammen glücklich bist. Sie dürfen auch wissen, dass es in dir noch etwas anderes sehr Wichtiges gibt, das noch nicht geklärt ist und dass ihr Vater gerade nicht da ist. Aber ob er wieder kommt oder nicht, ist noch nicht endgültig entschieden. Solange dürfen sie geshcont werden.
Zitat:>>Und ich habe ihm gerade gesagt, dass ich erwarte, dass er weg ist wenn wir wieder kommen. Keine Ahnung ob das klug ist aber es ist meine Wohnung und ich sehe es nicht ein dass er sich hier noch ne schöne Zeit macht. Bin vielleicht auch zu verletzt gerade.
Er meinte er zieht Mitte September aus. Äh nein. Habe ihm gesagt er soll halt ins Hotel. Ist nicht mein Problem. Dass ich dann im Bad weine muss er nicht wissen…
Und ja, es geht seit Weihnachten nur noch um ihn. Erschreckend eigentlich. Und jetzt muss Schluss sein weil ich nicht mehr kann!<<
Sehr gut. Du nimmst das Handeln in die Hand, du bestimmst die Richtung. Damit schonst du dich und die Kinder und konfrontierst ihn mit seinem handeln. Er hat sich getrennt, also muss er ausziehen. Und das nicht erst irgendwann. Vielleicht bringt ihn das dann auch in die Klarheit.
Ich hoffe, dass du die Kraft hast, mit deinen Kindern einige gute Tage zu verbringen.
Herzliche Grüße